Generalisten statt Spezialisten

Stromhandel braucht gute Algorithmen-Kenner

22.11.2019
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Stromhandel ist kein gewöhnliches Geschäft, aber eines, das auf viele und gute Daten angewiesen ist, also auf Fachleute an der Schnittstelle IT und Energiewirtschaft. Strom-Manager Holger Clever* erläutert, wie er seine Mitarbeiter findet, bindet und führt.

Welche Auswirkung haben digitale Transformation und Big Data auf Ihr Führungsverhalten und auf Ihre Mitarbeiter?

Holger Clever: Die digitale Transformation ist für unser Geschäft nicht über Nacht hereingebrochen. Enercon Windenergieanlagen gibt es seit rund 30 Jahren, sie waren immer schon hochautomatisiert und voller Sensorik. Mit der heute zur Verfügung stehenden Technik können wir jetzt diese gewaltigen Datenmengen auch quasi realtime verarbeiten. Es ist also weniger disruptiv, mehr evolutorisch. Die jungen Leute, die wir einstellen, haben alle eine akademische Ausbildung, sind Physiker, Meteorologen, Volkswirte oder Mathematiker. Sie haben in aller Regel erste Berufserfahrung und sind heiß darauf, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten.

Wie führen Sie diese Menschen?

Clever: Wir haben gute Erfahrungen gemacht, indem wir ihnen Freiräume geben, Vertrauen schenken, sie Dinge machen lassen, die zumindest ich nicht mehr en détail verstehe und ihnen die Bühne geben, ihre Ergebnisse vorzustellen, um sie in die Handelsprozesse einzubringen. Wir verlassen uns dabei auf einige wenige, aber sehr konsequent gelebte Führungsprinzipien.

Welche wären es?

Clever: Zunächst: Wo Rauch ist, da ist Feuer. Wir wollen wissen, wo der Rauch ist, bevor die Flammen aus der Wand schlagen. Wer sich nicht traut, Rauch zu melden, ist bei uns falsch. Freiräume verlangen ehrliche Kommunikation - schnell und ohne Umschweife. Wir versuchen dann, gemeinsam das Problem zu lösen - keiner ist alleine. Die Themen sind so komplex, das kann sowieso keiner mehr alleine. Wir gewinnen zusammen, und wir verlieren zusammen. Dies klingt abgedroschen - ist aber gelebte Praxis. Mit einer Truppe von Egoisten und Einzelkämpfern hätten wir uns nicht in fünf Jahren zum zweitgrößten Vermarkter in Deutschland mit einem Energieportfolio von 7.000 MW, welches der Leistung von sieben Kernkraftwerken entspricht, entwickelt.

Holger Clever, Quadra Energy: „Mit einer Truppe von Egoisten und Einzelkämpfern hätten wir uns nicht so erfolgreich entwickeln können.“
Holger Clever, Quadra Energy: „Mit einer Truppe von Egoisten und Einzelkämpfern hätten wir uns nicht so erfolgreich entwickeln können.“
Foto: Quadra Energy

Dann: Transparente Kommunikation - wenn die Physiker, die Meteorologen oder Mathematiker, um Beispiele zu nennen, nicht in der Lage sind, ihre Themen so zu kommunizieren, dass alle sie verstehen, stimmt etwas nicht mit der Kommunikation; denn Verstehen bzw. Nicht-Verstehen ist nicht nur eine Empfängerthematik. Der Informationsträger muss Sachverhalte empfängerorientiert darstellen, diese Leistung hat er zu vollbringen - und das müssen die Mitarbeiter lernen. Der Zweck? Es gibt keine Elfenbeintürme und keine Informationsmonopolisten mehr. Zugegeben, das ist nicht immer leicht, für beide Seiten, den Sender und den Empfänger. Wenn es funktioniert, ist es enorm mächtig und macht alle zufrieden.

Sodann: Ehrlichkeit und die Freiheit Fragen zu stellen. Dies klingt selbstverständlich. Wer aber ehrlich zu sich selbst ist, weiß, wie viel Überwindung es kosten kann, eine vermeintlich dumme Verständnisfrage im Kreise von lauter Experten zu stellen. Das muss gelebt werden. Nur wenn wir zugeben, etwas nicht zu wissen, wird der Kopf frei für neues Denken, und wir müssen uns nicht mit dem Problem beschäftigen, ob wir womöglich durch die Frage einen Nachteil erleiden. Andererseits muss sich der Gefragte bemühen, seine Antwort verständlich zu formulieren - damit sind wir wieder beim Punkt transparente Kommunikation. Das klappt nach einer gewissen Zeit der Eingewöhnung und Übung. Wer diese Kultur einmal inhaliert hat, ist zufrieden, leistungsfähig und innovativ. Es passiert noch etwas Weiteres: Wer fragen darf, keine Angst vor Fehlern haben muss, der unternimmt etwas und braucht keine Energie, um die Schuld für Fehler bei anderen zu suchen.

Welche Bedeutung hat es, dass KI einen signifikanten Stellenwert in Ihrem Geschäftsmodell hat, für Ihre Mitarbeiter beziehungsweise für die Anforderungen an sie?

Clever: KI hat bei uns keinen Heldenstatus, es ist für uns ein Werkzeug, so wie es viele andere Werkzeuge gibt. Es geht um die beste Prognose. Um diese zu erstellen, setzen wir eben Methoden des Maschinellen Lernens ein - als Mittel zum Zweck.

Wie sehen die Lebensläufe Ihrer Mitarbeiter aus beziehungsweise wo haben sie ihre Kompetenzen zum Thema KI her?

Clever: Die Mitarbeiter haben ihr Handwerkszeug meist an der Universität gelernt, erste Schritte in Unternehmen oder an der Hochschule gemacht. Für mich ist es spannend zu erleben, wie diese motivierten und gut ausgebildeten Menschen unser Unternehmen mit ihren Ideen weiterbringen und wie sie jetzt versuchen, das an den Hochschulen Erlernte auf diese besondere Situation in einem Stromhandelsunternehmen für die Leistungsprognose anzuwenden. Mit besonderer Freude beobachten wir, dass zudem immer wieder Ideen generiert werden, aus den Daten besondere Analysen zu erstellen, die sich vermarkten lassen.

Und wie gewinnen Sie solche Mitarbeiter für Ihr Unternehmen?

Clever: Eben diese Mitarbeiter zu finden, ist alles andere als ein trivialer Prozess. Der größte Anteil der Bewerbungen erfolgt über Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda oder sind Initiativbewerbungen. Die wichtigsten Rekrutierer sind die Mitarbeiter selbst, welche ihren Kommilitonen berichten, an welchen spannenden Themen sie arbeiten und welchen Beitrag sie leisten, um das Energiesystem in Deutschland mitzugestalten. Das klingt womöglich jetzt nicht besonders spektakulär - ist aber effizient, und die Bewerber kommen bereits mit einer positiven Grundhaltung in die Gespräche. Wir müssen dann die Erwartungshaltung erfüllen - bisher ist uns das recht gut gelungen. Unsere 25 Mitarbeiter, davon über die Hälfte im Bereich der Analyse und des Digital Business, haben wir auf diese Weise in den fünf Jahren unseres Bestehens so rekrutiert.

Wie tief steigt das Unternehmen überhaupt selbst in KI ein?

Clever: Wir sind daran interessiert, das relevante Know-how in den eigenen Reihen zu haben. Externe Dienstleister können gelegentlich helfen, einen neuen Impuls zu geben oder in besonderen Situationen auszuhelfen, aber grundsätzlich wollen wir selbst im driver seat sitzen. Dies gilt nicht nur für KI, sondern für viele Lösungen, die wir mit Hilfe von IT entwickeln, um unser Kerngeschäft, den Energiehandel, zu stärken. Auf Grund unserer Größe müssen wir aber mit dem Spagat leben, dass wir nicht alles selbst machen können, sondern immer wieder auch externes Know-how brauchen. Hierzu arbeiten wir mit einer kleinen Anzahl von spezialisierten Instituten und Unternehmen zusammen.

Welche Mitarbeiterprofile werden zukünftig wichtiger?

Clever: Generalisten vor Experten. Versteher statt Abwickler. Grenzgänger zwischen der Softwarewelt einerseits und den Anwendern andererseits. Je öfter die Frage nach dem "Warum" gestellt wird und je größer die Bereitschaft ist, den Anwendungsbereich kennenzulernen anstatt sich "nur" aufs Programmieren zu konzentrieren, umso besser erfüllen die zukünftigen Mitarbeiter unser Anforderungsprofil. Die wenigsten "können" Energiewirtschaft, aber wenn sie statt ausschließlicher Konzentration auf source code verstehen wollen, warum sie das machen, wofür und welchen Ergebnisbeitrag es hat, umso mehr erfüllen sie unsere Erwartungen und umso erfolgreicher werden sie werden.

Holger Clever: "Je öfter die Frage nach dem 'Warum' gestellt wird und je größer die Bereitschaft ist, den Anwendungsbereich kennenzulernen anstatt sich 'nur' aufs Programmieren zu konzentrieren, umso besser erfüllen zukünftige Mitarbeiter unser Anforderungsprofil."
Holger Clever: "Je öfter die Frage nach dem 'Warum' gestellt wird und je größer die Bereitschaft ist, den Anwendungsbereich kennenzulernen anstatt sich 'nur' aufs Programmieren zu konzentrieren, umso besser erfüllen zukünftige Mitarbeiter unser Anforderungsprofil."
Foto: r.classen - shutterstock.com

Mit welchen Kompetenzen wird man zukünftig Unternehmen wie das Ihrige führen und zu Wachstum verhelfen können?

Clever: Das beschriebene Führungskonzept wird bei weiterem (Personal-)Wachstum nicht mehr funktionieren. Wir werden, wie dargestellt, schwerlich 50 Personen führen können. Daraus folgt die Notwendigkeit, hin und wieder eine Zellteilung zu vollziehen, um eine kritische Größe nicht zu überschreiten. So ist es aktuell geschehen, als wir im Rahmen eines spin off für die internationalen Aktivitäten diese in eine eigenständige Gesellschaft ausgegliedert haben. Die erforderlichen Kompetenzen unserer Mitarbeiter sind das Wissen um die Anwendungsmöglichkeiten, die sich mit modernen IT-Methoden ergeben und der Wille, sie mit ausgeprägt kommerziellem Fokus auszuprobieren und gegebenenfalls auch wieder einzusammeln, wenn es nicht wirtschaftlich ist.

Stromhändler brauchen viel Daten

Quadra Energy ist eine Tochtergesellschaft der Enercon Gruppe, Deutschlands größtem Windanlagenhersteller. Am Standort Aurich produziert Enercon Hightech-Windenergieanlagen. In rund 255 Kilometer Luftlinie Entfernung, in der Nähe des Düsseldorfer Flughafens, arbeiten an weniger offensichtlichen Produkten die Mitarbeiter der Quadra Energy GmbH als Stromhändler für die Kunden der Enercon Windenergieanlagen. Quadra Energy kauft den Strom aus Windanlagen und vermarktet diesen an der Strombörse. Eine Besonderheit der Windstromerzeugung ist die Fluktuation des Windstroms. Verantwortlich dafür sind wechselnde Wetterphänomene wie Windaufkommen, Sonnenstrahlung, Wolken, Schatten, Niederschlag oder auch Gewitter. So kann es in Folge unvorhergesehener Witterungseinflüsse zu einer Leistungserhöhung oder einem Leistungsabfall kommen und damit zu einem deutlichen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage von elektrischer Leistung. Entsprechend starke Netzfrequenzschwankungen sind die Folge, die letztlich zu einem Stromausfall führen können. Eine präzise und regional aufgelöste Prognose der kurzfristigen Stromerzeugung ist somit von fundamentaler Bedeutung für die Weiterentwicklung des Stromsystems mit einem hohen Anteil Erneuerbarer Energien. Denn je besser die Wetter- und damit verbundenen Leistungsprognosen für die Erneuerbaren, umso geringer sind die unerwarteten Auswirkungen auf die erzeugungsseitige Stabilität des Stromnetzes. Die Vorhaltekosten für regelbare Erzeugungsleistung werden geringer, das gesamte System wird stabiler.

Wichtige Data Scientists

Bei der Quadra Energy laufen täglich gewaltige Datenströme der Wetterdienste und aus den hunderten von Sensoren in den Windkraftwerken zusammen. Ein selbstentwickelter Algorithmus verarbeitet diese Informationen rund um die Uhr zu Prognosen, die auf Windparkbetreiber und ihr Geschäft zugeschnitten sind. Auch die Händler an den Strombörsen sind auf diese Vorhersagen angewiesen. Unsere Data-Scientist-Spezialisten arbeiten eng mit den Experten des Anlagenherstellers zusammen, tauschen sich mit den Ingenieuren über die Leistungsmerkmale der Anlage aus und optimieren die Leistungsprognose laufend mit Hilfe von Methoden des Maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz - dadurch ist eine ganz neue Qualität in der Vorhersage möglich geworden. Die Leistungsprognose ist streng genommen nur Mittel zum Zweck, der eigentliche Handel mit Strom ist das Kerngeschäft der Quadra Energy. Das ist vergleichbar mit dem Aktienhandel an den Wertpapierbörsen und ähnlich hochautomatisiert mit einem kleinen, aber bedeutenden Unterschied: Der Stromhandel ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr aktiv und zumindest teilweise automatisiert.

*Dr. Holger Clever ist Geschäftsführer der Quadra Energy GmbH in Düsseldorf, einem Tochterunternehmen der Enercon Unternehmensgruppe.