Agiles Arbeiten

Streit zwischen Scrum Mastern und Programmierern

18.06.2019
Robert C. Martin, Co-Autor des Agile Manifesto, äußert sich zur Bedeutung des Clean Codes sowie zur Kluft zwischen Projektmanagern und Softwareentwicklern.

Als einer der ersten Versicherer hat die Lebensversicherung von 1871 a. G. München (LV 1871) bereits 2002 zusammen mit Kent Beck eXtreme Programming eingeführt und setzt seither auf agiles Arbeiten. Im Rahmen einer eigenen LV 1871 Java Coding Dojo Group entwickeln die IT-Mitarbeiter ihre Fertigkeiten in Übungssessions ständig weiter, um dieses Können anschließend wieder in ihre Arbeit an den Unternehmenssystemen und -prozessen einzubringen. In diese Dojo-Veranstaltungen werden auch externe Coaches eingeladen. Ende April war Robert C. Martin - in der Szene Uncle Bob genannt - zu Gast. Er ist Co-Autor des Agile Manifesto und hielt in München verschiedene Key Notes und Katas zum Thema Clean Code, Refactoring und agile Softwareentwicklung.

Robert C. Martin: Heutzutage geht es bei Agilität viel mehr um Projekt- und Teammanagement als um Technologie und Software. Und das ist ein Problem.
Robert C. Martin: Heutzutage geht es bei Agilität viel mehr um Projekt- und Teammanagement als um Technologie und Software. Und das ist ein Problem.
Foto: Robert C. Martin - Clean Coder

Martin und Robert Weidinger, Chief Digital Officer bei der LV 1871, standen der COMPUTERWOCHE für ein kurzes Gespräch zur Verfügung.

Was haben agiles Arbeiten und Clean Code mit Versicherung zu tun?

Weidinger: Digitalisierung und Agilität spielen bei der LV 1871 eine große Rolle. Wir sprechen nicht nur über Digitalisierung, sondern leben sie aktiv- agile Methoden und interdisziplinäre Teams gehören für uns zum Arbeitsalltag. Unsere 2018 eingeführten Produkte "StartKlar" und "MeinPlan" sind beispielsweise innerhalb von nur neun Monaten entstanden. Am Anfang des Projekts stand ein Design-Thinking-Prozess, die daraus entwickelten Projektabschnitte wurden dann von autonomen, agilen Arbeitsgruppen umgesetzt. Eine saubere Software ist für uns und unsere Arbeitsweise bei derartigen Prozessen von großer Bedeutung. Versicherungsverträge haben teils eine sehr lange Laufzeit, weshalb die Lesbarkeit der zugrunde liegenden Software essenziell ist. Daten müssen über die Laufzeit sicher aufbewahrt werden und die Software jederzeit flexibel anpassbar bleiben. Die Arbeiten der Clean Coder, allen voran Uncle Bob, sind deshalb vorbildhaft für unsere Software und spornen uns an.

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Martin (Uncle Bob): Da kann ich Herrn Weidinger nur zustimmen. Clean Code ist von zentraler Wichtigkeit für unsere gesamte Gesellschaft. Wir haben softwarebasierte Geräte am Gürtel, am Handgelenk, in der Tasche und im Auto. Wenn der zugrunde liegende Code kein guter Code ist, hat unsere Gesellschaft ein Problem. Und diese Bedeutung von sauberer Software gilt natürlich besonders für Versicherungen, auf die sich Menschen vor allem in der Altersvorsorge zum Teil ein Leben lang verlassen. Dafür muss die Software die bestmögliche Grundlage liefern.

Welche Vorteile haben agile Arbeitsweisen für ein Unternehmen wie die LV 1871 und seine Mitarbeiter?

Martin: Der Vorteil der agilen Softwareentwicklung für Unternehmen wie die LV 1871 besteht darin, dass es von Woche zu Woche einen Eindruck vom aktuellen Stand des jeweiligen Projekts bekommt, davon, was und wie viel getan wird, wie gut die Qualität ist und ob die Ergebnisse den Anforderungen entsprechen. So können jederzeit Kurskorrekturen vorgenommen werden - nicht erst dann, wenn das Projekt beziehungsweise die Software veröffentlicht ist und angewandt wird. Der Vorteil für die Mitarbeiter liegt darin, dass sie so früh wie möglich wissen, ob sie sich auf dem richtigen Weg befinden und die geschriebene Software die Anforderungen des Unternehmens erfüllt.

Rebellion der Programmierer

Was hat sich seit der Veröffentlichung des Agile Manifesto im Jahr 2001 verändert?

Martin: Seit dem Verfassen des Agilen Manifests haben sich die Dinge stark verändert. Ken Schwaber zertifizierte die Idee des Scrum Masters, welche in einer Community populär wurde, die sich nicht mit Programmierprojekten befasste - bei den Projektmanagern. Heutzutage geht es bei Agilität viel mehr um Projekt- und Teammanagement als um Technologie und Software. Und das ist ein Problem. Aus diesem Grund wurde die Craftmanship-Bewegung ins Leben gerufen - eine Rebellion der Programmierer. Bis heute konnte diese Spaltung noch nicht wieder aufgehoben werden.

Welche Herausforderungen bestehen für die Zukunft? Und was kommt nach der "Agilität"?

Martin: Aus meiner Sicht besteht die größte Herausforderung in der Vereinigung der agilen Bewegung und der Craftmanship-Bewegung. Wenn beide überleben wollen, müssen sie wieder zusammenfinden. Ich hoffe, dass wir es schaffen, gemeinsame Standards und eine gemeinsame Ethik sowie Professionalität zu etablieren. Wenn wir also mit der Katastrophe konfrontiert werden, die zwangsläufig kommen wird, wird es eine Grundlage geben, die allgemeingültig festhält: Das sind unsere Disziplinen, das ist unsere Ethik und das sind unsere Maßstäbe. Was die Zukunft angeht, glaube ich nicht, dass es nach Agilität einen weiteren bahnbrechenden Trend geben wird. Für mich steht deshalb nicht die Frage im Zentrum, was das "next big think" ist, sondern wie wir die aktuellen Herausforderungen bestmöglich gemeinsam lösen können.