Arbeitsplatz der Zukunft

#stayathome muss bleiben – auch nach Corona

09.04.2020
Von 
Florian Stocker ist Mitarbeiter der Kommunikationsagentur Medienstürmer.
Die Corona-Krise hat viele Unternehmen schlagartig in die digitale Zukunft befördert und die jahrelangen Bedenken vieler Entscheider in den Hintergrund rücken lassen. Doch damit die jetzt erfolgreichen Remote-Work-Konzepte auch über die Krise hinaus bestehen bleiben, braucht es vor allem eines: einen Bewusstseinswandel auf der Führungsebene.
Bei dem Round Tables Smart Workplace diskutierten Unternehmensvertreter von Placetel, DXC, Genesys, Byon, Atos, Microsoft und Bechtle.
Bei dem Round Tables Smart Workplace diskutierten Unternehmensvertreter von Placetel, DXC, Genesys, Byon, Atos, Microsoft und Bechtle.
Foto: Michaela Handrek-Rehle

Dieser Artikel ist eine Rarität. Das liegt vor allem daran, dass er inmitten des Corona-Lockdowns erscheint und eine "echte" Veranstaltung als Thema hat, mit allem, was dazugehört: persönlich anwesende Branchenexperten, eineinhalb Stunden angeregte Diskussion, gemeinsames Gruppenbild, anschließender Ausklang mit Networking und Essen. So weit, so normal, zumindest zum Zeitpunkt des Computerwoche-Round-Tables "Smart Workplace". Doch drei Wochen später taugt so ein Gruppenbild plötzlich als psychologisches Experiment, das beim Leser schon allein durch die körperliche Nähe der Teilnehmer Irritationen hervorruft. Es erinnert an eine Zeit, die noch nicht lange her ist und zeigt, wie schnell sich die Dinge ändern können.

Informationen zu den Partner-Paketen der Studie Smart Workplace

Mit Blick auf die Arbeitswelt hat diese Veränderung alle gleichermaßen, aber jeden unterschiedlich erfasst. Will man eine Klassifizierung versuchen, so kämen vielleicht drei Gruppen von Unternehmen heraus: Diejenigen, die den "Lockdown" relativ entspannt hinnehmen konnten und einfach die Mitarbeiter ins Home-Office schickten, weil sie ohnehin seit Jahren über die nötige Infrastruktur verfügen, in der "Arbeit" nichts mehr mit "physischer Anwesenheit" zu tun hat. Dann diejenigen, deren Geschäftsfeld überhaupt keine Heimarbeit zulässt, zum Beispiel das produzierende Gewerbe oder viele Dienstleistungsberufe. Und schließlich die interessanteste Gruppe dazwischen: Unternehmen, die theoretisch die Möglichkeit hätten, tragfähige Remote-Work-Konzepte zu verankern, und das Thema Cloud-Migration seit Jahren auf der Agenda stehen hatten, diesen Schritt aber aus vielen Gründen bisher unterließen.

In dieser Gruppe konnte man vor allem eines beobachten: die Improvisationsfähigkeit von Management, IT, Fachabteilungen und Mitarbeitern, die mit allen denkbaren Tools und Technologien innerhalb kurzer Zeit einen "Smart Workplace" realisierten und seitdem von ihrem Zuhause aus den Betrieb am Laufen halten. Von Cloud-Migrationen in Rekordgeschwindigkeit über das experimentelle Herantasten an die richtige Videokonferenzlösung und die Entdeckung der Office-Kollaboration bis hin zur manchmal aufflackernden Erkenntnis, dass das Kommunikationstool "Telefon" auch seine Existenzberechtigung hat, war diese Zeit der schnellen Umstellung auf Remote Work von Momenten geprägt, über die wir noch lange sprechen werden - und von denen viele Unternehmen langfristig profitieren können, wenn sie die Learnings der Corona-Ära aufnehmen und kanalisieren.

IT als Speerspitze der Entwicklung

Fragt man die Branchenexperten des Computerwoche-Round-Tables, stellt man fest, dass viele Unternehmen - vor allem in weniger IT-affinen Branchen - noch einen langen Weg zu gehen haben, von dem die derzeitige Corona-Lage aber durchaus den ersten Schritt bedeuten kann.

"Wir sind uns bewusst, dass die IT die Speerspitze der Entwicklung bildet und andere Branchen, allen voran der Mittelstand, sich hier naturgemäß schwerer tun. Nichtsdestotrotz sollten wir die Learnings aus Corona nutzen, um die Weichen für tragfähige Workplace-Konzepte zu stellen, von denen die gesamte Wirtschaft langfristig profitiert", bemerkt Helmut Freytag von der Cisco-Tochter Placetel.

Damit auf die Weichenstellung aber eine konkrete Entwicklung folgen kann, ist es wichtig zu erkennen, dass "Smart Workplace" nicht bedeutet, mal schnell ein paar Tools einzuführen. Die eigentliche Transformation muss auf kultureller und personeller Ebene erfolgen und hat sehr viel mit Vertrauen zu tun, vor allem vonseiten des Vorstandes:

Studie "Smart Workplace": Partner gesucht

Zum Thema Smart Workplace führt die COMPUTERWOCHE derzeit eine Multiclient-Studie unter IT-Entscheidern durch. Haben Sie Fragen zu dieser Studie oder wollen Sie Partner werden, dann hilft Ihnen Frau Regina Hermann (rhermann@idgbusiness.de, Telefon: 089 36086 384 ) gerne weiter. Informationen zur Smart-Workplace-Studie finden Sie auch hier zum Download (PDF).

"Ich denke, dass wir vor allem in der D-A-CH-Region mehr Offenheit für neue Workplace-Konzepte brauchen. Wir pflegen leider noch immer eine Kultur, in der die reine Anwesenheit und das ,Einstempeln' mit Leistungsfähigkeit gleichgesetzt werden. Dass darin aber kein Zusammenhang besteht, zeigt der Alltag in unserem Unternehmen: Wir arbeiten zu 100 Prozent remote, und es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir von jedem Ort Zugriff auf unsere internen Systeme haben", betont Necla Haskioglu-Larsch vom Customer-Experience-Spezialisten Genesys

Corona schafft neue Argumente

Den Grundkonflikt "Technologie vs. Kultur" scheint auch der Corona-Effekt nicht schlagartig gelöst zu haben. Er hat aber vielerorts Präzedenzfälle geschaffen und die Argumente der Fürsprecher in den Unternehmen gestärkt. Ob das ausreicht, die Kräfteverhältnisse nachhaltig zugunsten von Modern Work zu verändern, wird sich erst langfristig zeigen.

Klaus Wieland von DXC sieht diesen Konflikt und attestiert vielen Firmen in der aktuellen Situation noch ein fehlendes Mindset: "Positive Effekte, die klar dem Thema Modern Workplace zuzuordnen sind, werden von den Unternehmen nicht gesehen und nicht angenommen. Der Wunsch nach Modernisierung kommt dann oft aus den HR- oder Fachabteilungen, während die IT noch im traditionellen Denken verbleibt. Je nachdem, wie dieser Konflikt gelöst wird, verändert sich auch die Organisation."

Eine entscheidende Rolle bei der Moderation dieser Konflikte nimmt die Unternehmensführung ein. Sie muss einerseits das nötige Vertrauen aufbringen, das ein flexibleres und stärker verteiltes Arbeiten erfordert (Stichwort "Stechuhr"), und andererseits die Ängste adressieren, die mit Change-Prozessen einhergehen. Denn gerade auf technischer Seite ist die Migration in die Cloud mit einer doppelten Sorge verbunden: vor dem Kontrollverlust über Daten und Infrastrukturen, aber vor allem vor möglichen Restrukturierungen. Beides kann nur mit einer klaren und grundsätzlichen Strategie adressiert werden, gerade wenn es um das Thema Cloud geht.

"Es ist wichtig, die gesamte Infrastruktur von Grund auf neu zu denken.

Bei aller Transformation sollten die Veränderungsprozesse behutsam durchgeführt werden. Nicht selten gibt es in Unternehmen den Streit zwischen erfahrenen und jungen IT-Leitern, die die Auseinandersetzung der Strategien zwischen On-Premises und Cloud unerbittlich führen. Unser Verständnis von Transformation ist es, Brücken zwischen beiden Ansätzen zu bauen und den Migrationspfad entsprechend zu gestalten", bemerkt Markus Michael vom Cloud-Telefonie-Spezialisten Byon im Rahmen der Diskussion.

Die richtigen Fragen stellen

Sicherlich wird es irgendwann, wenn eine ganze Volkswirtschaft aus dem Home-Office zurückgekehrt ist, erste Studien geben, die ausrechnen, welchen Anteil die Technologie in der Corona-Krise am Erhalt der Wirtschaftsleistung eingenommen hat. Wie viel Schaden eingedämmt werden konnte, weil alle irgendwie trotzdem mit allen vernetzt geblieben sind. Und wie viel stärker vernetzt viele Unternehmen vielleicht noch hätten sein können. All diese Fragen würden zu kurz greifen. Weitaus wichtiger ist es, danach die Frage zu stellen, wie sich die kurzfristigen Learnings in langfristige Strategien überführen lassen, und dauerhaft darüber nachzudenken, welchen Mehrwert Smart-Workplace-Konzepte konkret für das eigene Geschäft bringen.

Für Andreas Hennig von Microsoft steht die Diskussion unabhängig von Corona ohnehin vor einer entscheidenden Wende:

"Unsere Generation wird die letzte sein, die so leidenschaftlich um den Modern Workplace diskutiert. Alle nachfolgenden Generationen werden da einen ganz anderen Blick drauf haben und noch stärker auf den Nutzen schauen als nur auf die Machbarkeit."

Informationen zu den Partner-Paketen der Studie Smart Workplace