Informatiker bei der Münchener Rückversicherung

Spezialisten ohne Tunnelblick

16.06.2000
Von 
Winfried Gertz ist Journalist in München. Er arbeitet in einem Netzwerk von zahlreichen Anbietern kreativer Dienstleistungen. Das Spektrum reicht von redaktioneller Hörfunk- und Fernsehproduktion über professionelle Fotografie bis zu Werbetexten für Industrieunternehmen und Non-Profit-Organisationen.
Bei der Münchener Rück müssen Einsteiger erst die Schulbank drücken, um das komplizierte Risikogeschäft zu verstehen. Ihnen winken attraktive Karrieren und Aufgaben, die mit einer klassischen Versicherung wenig gemein haben.

Mit ihren Versicherungspolicen seien die Deutschen, sagen zumindest Verbraucherschützer, mehr als genug eingedeckt. Doch wer schützt die Versicherungen? Auch eine Vielzahl kleinerer Risiken kann zu einem Gesamtschaden führen, der den Ruin der Assekuranz bedeuten würde. Deshalb gibt es Rückversicherer.

Weltweite Nummer eins ist die Münchener Rück. Sowohl beim verheerenden Hurrikan "Andrew" über Florida oder den Erdbeben in Los Angeles und im japanischen Kobe sorgte sie für zügige Schadenregulierung. Ohne dass es die Öffentlichkeit zur Kenntnis nimmt, versichern die Experten den Bau von Großflughäfen, oder beteiligen sich an den Kosten einer Knochenmarktransplantation. "Was ein Rückversicherer eigentlich macht, ist auf der Straße niemandem bekannt", skizziert Pressesprecher Christian Jacobi das besondere Umfeld.

Der Unterschied zu einem "normalen" Versicherungsunternehmen schlägt sich auch in der Informatik nieder. Im Vordergrund steht nicht die Verarbeitung von Massendaten, sondern die Lösung hochkomplexer Aufgaben, nämlich internationale Großrisiken einzuschätzen, und entstandene Schäden zu regulieren. Dabei profitiert das Unternehmen von einem globalen Wissensnetz, das die 60 Außenstellen in der Welt verbindet.

Thomas Birle, Leiter der Personalbeschaffung: "Mitarbeiter, die per Mausklick auf Schadens- und Risikodateien zugreifen können und so unser Know-how weiterentwickeln, sind das wichtigste Produkt der Rückversicherung." Das gilt nicht nur virtuell: Wer in übergreifenden Projekten arbeitet, trifft regelmäßig rund um den Globus mit Kollegen und Kunden zusammen.

Der gezielte Umgang mit Wissensressourcen ist wichtiger denn je. Erst kürzlich traf der Vorstand weit reichende Entscheidungen. Unter anderem soll das Wissen auch den Geschäftspartnern zur Verfügung stehen. Intern wird bereits heftig über das Intranet kommuniziert. Diskussionsforen, Smart Directories und Skill-Datenbanken tragen dazu bei, dass das "Intellectual Capital" der Rückversicherung zügig weiter wachsen kann. Internet-Technologien haben bei der Münchener Rück Konjunktur. Endgültig vorbei ist die Mainframe-Ära. Bereits 1997, als man die ersten Vorkehrungen zur Jahr-2000-Umstellung traf, verabschiedete sich die Informatik vom Großrechner. An seine Stelle ist inzwischen die Client-Server-Welt gerückt. Laut Udo Schucar, Leiter der IT-Strategie, werde darüber beraten, auf welche Plattformen sich die Versicherung in den nächsten fünf Jahren konzentrieren soll. Besonders groß geschrieben wird das Thema Sicherheit. Aktuell

tüfteln die Experten an technischen Lösungen, die sich laut Schucar in einem "juristisch brisanten Verschlüsselungskonzept" niederschlagen werden. Dazu zähle auch "Guard", ein konzernweit einheitliches Berechtigungsverfahren auf der Basis von Microsoft Active Directory, das Richtschnur für alle neuen Applikationen sein soll. Zur Bündelung des Know-how in konzernübergreifenden Themen will die Münchener Rück bald ein Kompetenzzentrum im kanadischen Toronto eröffnen.

Doch nicht nur bei der Sicherheit geben Informatiker den Takt vor. Auch bei der neuen Rechnungslegung nach den internationalen Standards IAS und US-GAAP leisten sie Pionierarbeit. Um vierteljährlich berichten zu können, müssen viele Prozesse beschleunigt werden. Selbst tagesaktuelle Reports seien langfristig vorgesehen. 15 Spezialisten sind mit der Projektplanung befasst, nochmal bis zu 60 Profis werden für die folgende Umsetzung benötigt. Der Countdown läuft: Für Programmierung und Testverfahren bleibt noch Zeit bis zum Stichtag 1. Januar 2002.

Zahlreiche Projekte zeigen: Auch die Münchener Rück steckt mitten im Veränderungsprozess. Doch die Risikospezialisten sind optimistisch, den richtigen Kurs eingeschlagen zu haben. Schrittmacher soll die Datenverarbeitung werden. Hier winken interessante Perspektiven. Die besten Karten habe laut Birle derjenige Bewerber in der Hand, der eine interessante Mischung aus IT- und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen sowie sozialer Kompetenz vorweisen kann. Ein Beispiel ist Markus Morgenstern, promovierter Geologe und Absolvent einer Siemens-Umschulung zum Anwendungsprogrammierer. "Verlockend" sind die Arbeitsbedingungen: "Hier ist das IT-Umfeld nicht nach technischen Schwerpunkten oder Versicherungszweigen, sondern immer übergreifend strukturiert." Er selbst arbeitet in Entwicklungsprojekten für die Bestandspflege und Schadenregulierung.

Königsweg Praktikum

Für den Einstieg in die Münchener Rück hat sich auch Stephan Angerer entschieden. Der Informatikabsolvent der TU München hat sich vor dem Studium beim Flughafen München zum DV-Kaufmann ausbilden lassen und sammelte erste Berufserfahrung beim amerikanischen Softwarehersteller Peoplesoft. Doch die ständigen Reisen über den großen Teich stellten den frisch verheirateten IT-Spezialisten auf eine schwere Probe. Nun ist Angerer froh: "Seit einem halben Jahr ist wieder Ruhe in mein Leben eingekehrt." In der Startphase verbringt er 50 Prozent seiner Zeit in Kursen, in denen er sich das fachliche Wissen aneignet. Wer weiterkommen wolle, so Angerers Rat an potenzielle Bewerber, sei bei der Münchener Rück an der richtigen Adresse. Man müsse nur auf den Chef zugehen und ihm ein Seminar schmackhaft machen. "Eigeninitiative wird einfach erwartet."

"Spezialisten sind uns etwas wert, aber von Leuten mit Tunnelblick halten wir nichts", richtet Birle seine Botschaft an Bewerber. Ein Königsweg sei das Praktikum, rund 20 bis 30 IT-Studenten schnupperten jedes Jahr hinein. "Sogar ein Auslandseinsatz ist möglich", verspricht Birle. Aus den frühzeitigen Kontakten rekrutierten sich viele Mitarbeiter, die mit der Kultur des Unter-nehmens vertraut sind. Etwa 50 Hochschulabsolventen und Young Professionals sollen in diesem Jahr eingestellt werden. Besonders gesucht sind laut Birle "Fahnenträger für IT-Aufgaben".

Bewerben könne man sich per E-Mail. Besser beraten sei der Bewerber jedoch mit einer traditionellen Mappe, die Kreativität und Gedankenvielfalt offenlege. "Eine lieblos hingeklatschte E-Mail ist dagegen uninteressant." Wer bei der Münchener Rück anheuert, muss sich erst einmal zurechtfinden. Fußmärsche von zehn Minuten sind an der Tagesordnung, denn das gesamte Areal zwischen dem herrschaftlichen und säulendekorierten Haupteingang am Englischen Garten und dem vom "Walking Man" beschützten Vorpostenan der Schwabinger Flaniermeile Leopoldstraße ist durch ein dichtes Tunnelnetz verbunden. Beim weltgrößten Rückversicherer müssen IT-Fachleute also gut zu Fuß sein.