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"Software muss die Freiheit respektieren"

17.07.2002
Im Rahmen des dritten Berliner Forums Electronic Business unter dem Titel "Allianz des Wissens" hielt Richard Stallman, Kämpfer für freie Software, einen Vortrag. CW-Redakteur Ludger Schmitz hatte Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Idealisten und Querdenker.

CW: Warum bestehen Sie auf der Bezeichnung GNU/Linux statt einfach Linux?

STALLMAN: Linux ist der Kernel, ein bedeutendes von vielen Programmen des Betriebssystems, welches das GNU-Projekt 1984 gestartet hat. Wir haben dafür etliche Programme geschrieben, und einige sind genauso wichtig wie der Linux-Kernel. Unser GNU-Betriebssystem war 1991 fast fertig, es fehlte nur der Kernel. Den Kernel von Linus Torvalds kombinierten andere Leute mit unserem unvollständigen GNU-System.

Das Gesamtsystem Linux zu nennen ist nicht korrekt: Man spricht Linus das ganze Verdienst für eine Arbeit zu, die wir begonnen und in vielen Schritten vorangebracht haben. Linus war es, der mit seinem Kernel den letzten Schritt über die Ziellinie ermöglichte. Daher tendieren die Leute dazu, ihn stark zu beachten. Er ist genau so wichtig wie alle anderen GNU-Entwickler.

Richard Stallman: "Wir, die Free-Software-Bewegung, arbeiten für eine Welt, in der wir ausschließlich freie Software verwenden."

CW: Wie viel im Betriebssystem ist GNU beziehungsweise Linux?

STALLMAN: Für ein Betriebssystem muss man nicht alles neu schreiben. Es ist okay, Dinge zu integrieren, die man vorfindet. Das GNU-System von 1991 umfasst neben Programmen von uns auch solche von anderen Entwicklern, die kein Betriebssystem zum Ziel hatten, zum Beispiel das X-Window-System. 1995 hat ein Distributor eines GNU/Linux-Systems nachgerechnet, dass 28 Prozent der Codezeilen der Distribution vom GNU-Projekt stammten und der Linux-Kernel drei Prozent zum Gesamtsystem beitrug.

CW: Was will die Free-Software-Bewegung?

STALLMAN: Die Free-Software-Bewegung sagt, dass die Anwender aus ethischen Gründen die Freiheit haben sollten, Software gemeinsam zu nutzen und auszutauschen. Damit das legal möglich ist, haben wir freie Software entwickelt. Wir, die Free-Software-Bewegung, arbeiten für eine Welt, in der wir ausschließlich freie Software verwenden. Das heißt, wir können keine proprietäre Software auf unseren Computern installieren.

Unser Motiv ist idealistisch. Wir arbeiten für das Ziel, unsere Computer frei nutzen zu können. Wenn man proprietäre Programme verwendet, ist einem diese Freiheit genommen. Wenn man kein freies Betriebssystem hat, wird die Freiheit mit Füßen getreten. Deshalb ist der erste Schritt, unfreie durch freie Betriebssysteme zu ersetzen. Wir haben darüber hinaus erkannt, das freie Software oft praktische Vorteile hat. Dazu zählen die größere Sicherheit, die geringere Fehlerquote, das Fehlen von Spyware und die größere Zuverlässigkeit. Aber es geht auch um den ethischen und sozialen Nutzen. Im Mittelpunkt steht die Frage, in welcher Art von Gesellschaft man leben möchte.

CW: Wie sehen Sie in Abgrenzung davon die Open-Source-Bewegung?

STALLMAN: Der große Unterschied besteht in den Philosophien der zwei Bewegungen. Die Open-Source-Bewegung hebt nur die praktischen Vorteile hervor und beschäftigt sich nicht mit dem Aspekt, was ethisch oder gesellschaftlich richtig oder falsch ist. Ihre Definition von Open-Source-Software stimmt weitgehend mit unserer von freier Software überein, aber sie sind nicht identisch. Das führt dazu, dass es Lizenzen gibt, die sie als Open Source akzeptieren, während wir sie für zu restriktiv halten und deshalb nicht als freie Software akzeptieren.

Es ist schlimm für uns, dass wir mit den Begriffen der anderen Bewegung belegt werden. Wenn man sagt, wir würden an Open-Source-Software arbeiten oder mich als Begründer der Open-Source-Bewegung bezeichnet, ist das schlecht für die Free-Software-Bewegung. Man stelle sich vor, was los wäre, wenn jedes Programm der Sozialdemokraten als christdemokratisches bezeichnet würde.

CW: Glauben Sie, dass sich Unternehmen für eine Software aus anderen als technologischen und ökonomischen Gründen entscheiden?

STALLMAN: Das hängt davon ab, wie weise sie sind. Wer kurzfristig denkt, interessiert sich wahrscheinlich nur dafür, was das billigste Programm ist, um beispielsweise eine Aufgabe noch in diesem Jahr erledigen zu können. Langfristig Denkende werden bemerken, dass es schlecht für sie ist, wenn andere auf Dauer kontrollieren können, was sie mit ihren Computern und Daten machen.

CW: Ist bei freier Software nur ein Geschäft mit Support, Services und Consulting möglich?

STALLMAN: Das sind die wichtigsten Bereiche. Aber es gibt auch Firmen, die Kopien von freier Software verkaufen. Das ist auch möglich.

CW: Also ist freie Software nicht notwendigerweise „frei“ im Sinne von Freibier?

STALLMAN: Genau, es ist nicht unbedingt Gratissoftware. Es ist Software, die Freiheit respektiert.

CW: Sobald man das Internet nutzt, verwendet man - ohne es zu wissen - proprietäre Programme auf irgendwelchen fremden Servern. Lässt sich der Gebrauch von proprietärer Software überhaupt verhindern?

STALLMAN: Man verwendet diese Software nicht direkt, nicht unmittelbar. Der Anbieter von Internet-Diensten verwendet sie. Der Internet-Nutzer ist nicht dafür verantwortlich. Jemand, der den Server betreibt, hat die Freiheit, Software zu installieren - und das natürlich nur auf seinem eigenen Rechner. Niemand hat das Recht, Software auf fremden Systemen zu installieren oder auszutauschen.

Was auf anderen Rechnern läuft, sollte sich aber nicht jeder Kontrolle entziehen. Wenn es einige Netz-Server gäbe, die so wichtig wären, dass jeder sie benutzen müsste, wären Restriktionen nötig. Genauso wie Monopole dereguliert werden. Wenn es solche unausweichlichen Server gäbe, wäre es sinnvoll, dass eine Regierung vorschriebe, wie sie betrieben werden.

CW: Sehen Sie Tendenzen, dass Anwender nicht mehr die Kontrolle über ihre Computer haben?

STALLMAN: Größere Unternehmen versuchen, uns unsere Freiheit zu nehmen. Intel, IBM, Microsoft und die Filmindustrie arbeiten vereint an einem Plan, unsere Freiheit zu stehlen: Der Plan heißt „Trusted Computing“, eine unredliche Bezeichnung. Denn in Wirklichkeit geht es um „Disobedience Computing“, die Computer werden nicht mehr uns gehorchen. Die Softwarefirmen möchten alles kontrollieren, viel mehr als heute.

CW: Wie das?

STALLMAN: Sie schreiben Programme, die sicherstellen, dass auf einem Computer nichts läuft, was diese Firmen nicht ausdrücklich zugelassen haben. Sie können uns Software vermieten, die sich nach einer Woche löscht, sie können uns Inhalte zukommen lassen, die verschwinden, wenn wir dafür nicht mehr bezahlen. Sie entwickeln Software, die nicht für den Anwender arbeitet, sondern für den Anbieter, und die sich dazu verwenden lässt, den Wettbewerb auszuschalten.

Diese Computerfirmen können den Zugang der Benutzer zu Daten einschränken. Sie könnten den Nutzen von E-Mails dadurch reduzieren, dass wir die Nachrichten nicht mehr speichern, kopieren und weiterschicken können. Man könnte eine Nachricht nur einmal oder nur für einen bestimmten Zeitraum, zwei Wochen oder so, lesen. Man stelle sich vor, ein Chef verlangt von jemandem per E-Mail eine Handlung, deren Legalität zweifelhaft ist. Der Mitarbeiter glaubt, schriftlich belegen zu können, wer die Handlung befohlen hat und damit verantwortlich ist. Und dann löst sich das Schreiben in Luft auf, kopieren und weiterverschicken kann man es auch nicht. Solche Systeme sind sehr gefährlich.

CW: Warum glauben Sie, gegenwärtige Urheberrechtsregelungen passen nicht in die Zeit der Computernetze?

STALLMAN: Sie dienen nicht dem öffentlichen Wohlergehen. Ich schlage ein differenzierteres System vor: Funktionale Werke wie Betriebssysteme oder Handbücher sollten frei sein. Werke, die persönliche Ansichten darstellen, sollten bei Änderungen der Zustimmung bedürfen. Bei ästhetischen und unterhaltenden Werken sollte nichtkommerzielles Kopieren erlaubt sein. Ich schlage nicht vor, Copyrights einfach abzuschaffen. Eine gewisse Art Copyrights könnten in die heutige Zeit passen. Aber alle veröffentlichten Werke sollten - nicht wortwörtlich und unkommerziell - kopiert sowie weiterverteilt werden können. Jeder Versuch, Personen davon abzuhalten, läuft auf einen Polizeistaat hinaus.

CW: Ist der Peer-to-peer-Austausch von Daten wie im Falle Napster okay?

STALLMAN: Ich missbillige Napster, weil dort unfreie Software verwendet wird. Gleichwohl ist das allgemeine Ideal, dem Napster folgte, legitim und sinnvoll.

CW: Wie entwickelt sich die Free Software Foundation? Welche Projekte in ihrem Rahmen laufen gut, welche machen Ihnen Sorgen?

STALLMAN: Natürlich ist das von Fall zu Fall unterschiedlich. Die Hauptaktivitäten der FSF umfassen heute unter anderem das Free Software Directory. Wir versuchen, ein sorgfältig überprüftes und klassifiziertes Verzeichnis der Free-Software-Pakete aufzubauen. Momentan haben wir darin 1600 Pakete aufgeführt, aber es gibt noch Tausende weitere. Eine andere zentrale Arbeit besteht darin, Produkte zu zertifizieren, die mit unserem Lizenzmodell in Einklang sind. So kann man sicher sein, nur Software zu verwenden, die nicht die GPL verletzt.

CW: Wie steht es um das Kernel-Projekt Hurd?

STALLMAN: Es gibt Anwender, die den Kernel benutzen. Ein Feature, das gerade implementiert wird, heißt Virtual Consoles. Es ist eine Eigenschaft des Linux-Kernels, die ich oft benutze. Wenn Hurd soweit ist, werde ich wohl den Kernel wechseln.

CW: Sehen Sie einen Bedarf für ein Free-Java?

STALLMAN: Das brauchen wir und wir arbeiten auch daran. Der GNU-Java-Compiler GJC umfasst die grundlegende Java-Plattform. Aber wir müssen noch mehr tun. Wir haben noch nicht alle Features von Java. Zum Wohle der Java-Programmierer brauchen wir unbedingt eine freie Plattform für Java, wir haben nur eine unvollständige.

CW: Wie läuft es bei Dot GNU?

STALLMAN: Ich kenne die Details nicht genau. Da müssen Sie die Entwickler fragen.

CW: Wir es im Rahmen dieser Entwicklung auch eine Alternative zu Microsofts Single-sign-on-Verfahren Passport geben?

STALLMAN: Dot GNU braucht eindeutig etwas, das Passport erübrigt. Anders als bei .NET, wo das Ziel darin besteht, dass jeder seine Daten auf Microsoft-Servern speichert, besteht unser Ziel darin, den Anwendern Flexibilität zu geben, wo sie ihre Daten speichern wollen.

CW: Mir scheinen die Entwicklungen freier Software immer Reaktionen auf proprietäre Innovationen zu sein.

STALLMAN: Man muss es machen. Anwender hassen Inkompatibilitäten in Folge von Veränderungen. Ein Java-Programm wollen sie nicht in C übersetzen müssen, sondern sie wollen ein System, das Java unterstützt. Also implementieren wir jede Plattform, die populär ist. Sicher tragen auch wir einen Teil zur Innovation bei. Aber wenn wir die Plattformen nicht unterstützen, welche die Anwender brauchen und erwarten, machen wir keinen guten Job. Deshalb wollen wir auch noch einen Cobol-Compiler entwickeln. Nicht dass wir meinten, Cobol sei sehr innovativ, sondern weil die Anwender Cobol verwenden.