Die Zukunft des Rechenzentrums

Software Defined Data Center – Hype oder Realität?

08.08.2013
Von Hartmut  Wiehr
Einmal mehr pushen Hersteller und Analysten ein neues IT-Schlagwort: Das Software-Defined Data Center soll das angestaubte RZ-Konzept revolutionieren. Doch was steckt wirklich dahinter?

Unter dem Begriff "Software-Defined" propagieren Hersteller wie EMC und dessen Tochter VMware Produkte und Konzepte, die sich so zusammenfassen lassen: Virtualisierungs-Software soll den vier Säulen eines Rechenzentrums – Server, Speicher, Netzwerk und Security – neue Intelligenz einflössen. Im Prinzip möchte man den Erfolg von Server-Virtualisierung auf die anderen Bestandteile eines Rechenzentrums ausdehnen. Server-Virtualisierung mit virtuellen Maschinen (VMs) könnte man insofern genauso als "Software-Defined Server" bezeichnen. Die einzelnen VMs sind ein Stück Software, das dem Server-Betriebssystem einen unabhängigen Server vorgaukelt.

Der Vorteil einer in dieser Form durchgeführten Konsolidierung: mehr (virtuelle) Server auf einer einzigen (physikalischen) Maschine, weniger physikalische Server, weniger Platz im Rechenzentrum, eventuell weniger Energieverbrauch. Ob eine wirkliche Kosteneinsparung erzielt werden kann, bedarf einer genauen Kalkulation im Einzelfall: VMware verlangt üppige Software-Lizenzen (Hyper-V von Microsoft gibt es dagegen mit dem Windows-Betriebssystem zusammen umsonst), und für virtuelle Umgebungen, die nebeneinander die CPU beanspruchen, bedarf es leistungsfähiger neuer Server mit mehreren Cores oder CPUs.

VMware-CEO Pat Gelsinger, im September letzten Jahres inthronisiert, um der EMC-Tochter als Fachmann für "Execution" neuen Schwung zu verleihen, begründet die aktuelle Stoßrichtung seines Unternehmens wie folgt: "Was würde passieren, wenn die gleichen Prinzipien, die einen einzelnen Layer des Rechenzentrums transformiert und den Kunden einen bisher nicht dagewesenen Wertzuwachs beschert haben, auf das gesamte Rechenzentrum angewendet werden?"

Theorie und Praxis des SDDC

Seit Jahren schon soll ein Großteil der an die 4.000 VMware-Entwickler damit beschäftigt sein, diesen Schritt von der Server-Virtualisierung in Richtung komplett virtualisiertes Rechenzentrum in neue Software zu gießen. Das Software-Defined Data Center (SDDC) bedeutet demnach: "Alle Infrastruktur ist virtualisiert und wird als Service geliefert. Die Kontrolle dieses Rechenzentrums geschieht vollständig automatisiert durch Software." Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht anders aus: Bisher ist man allerseits kaum über die Ankündigungsphase hinausgekommen. Allenfalls kleine Schritte sind zu vernehmen, etwas mehr Virtualisierung hier, ein paar Ansätze für Cloud-Services dort. Dabei muss eines klar sein: Die Hardware-Basis der Rechenzentren wird auch in zukünftigen SDDCs bestehen bleiben, so wie ja auch virtuelle Maschinen (VMs) immer noch auf einem physikalischen Server aufsetzen. Zwar braucht es etwas weniger "Blech", dafür aber um so mehr an Performance und Verfügbarkeit, um die Ansprüche aller Applikationen und Tools ohne Latenz zu befriedigen.

Virtualisierung aller Säulen eines Rechenzentrums à la EMC = Software-Defined Datacentre.
Virtualisierung aller Säulen eines Rechenzentrums à la EMC = Software-Defined Datacentre.
Foto: EMC

Der Analyst Richard Fichera von Forrester Research geht davon aus, dass sich SDDC gleichzeitig in Richtung einer "Produkt-Kategorie" und eines zunächst unscharfen Trends entwickeln wird. Erste Produkte würden auf bestehenden Angeboten wie "Converged Infrastructure" sowie Cloud-Technologien und -Tools beruhen. Microsoft und VMware würden aber bald mit reinen Software-Lösungen herauskommen. Man dürfe deshalb, so Fichera, getrost davon ausgehen, dass zunächst einige Konfusion über genaue Features, Skalierbarkeit und Schnittstellen im SDDC-Umfeld herrschen werde.

Fichera erwartet ferner eine verstärkte Konkurrenz zwischen den Herstellern, die allesamt den neuen Infrastruktur-Markt beherrschen wollen. So habe Cisco mit seiner Erfahrung in puncto Netzwerk-Virtualisierung ("Software-Defined Network") teilweise die Nase vorn und könnte versucht sein, andere Hersteller auf diesem Gebiet auszugrenzen. Eine ähnliche Haltung könnte man auch vom Gespann EMC-VMware erwarten. VMware hat bereits letztes Jahr den SDN-Spezialisten Nicira übernommen. Damit bescherte VMware dem "Alliance"-Partner Cisco, der gemeinsam mit EMC und VMware das Joint Venture „VCE" gegründet hatte, direkte Konkurrenz. Seitdem wird immer wieder über die Zukunft von VCE und seinen Vblocks gemunkelt. Gemeint sind damit leistungsfähige Racks aus aufeinander abgestimmten Servern (hauptsächlich Cisco), Netzwerkelementen (Cisco), Speicher (EMC) und Virtualisierungslayer (VMware).

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