Brücke aus ABAP-Welt

So gelingt der Umstieg auf SAP Fiori

26.06.2019
Von   IDG ExpertenNetzwerk
Mike Rübsamen ist Gründer und Geschäftsführer der 2bits GmbH. Seit über 15 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema SAP-basierter Einkauf und Einkaufssystemen im SAP-Umfeld. Er unterstützt mittelständische und große Unternehmen in nationalen und internationalen SAP-Einkaufsprojekten. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen S/4 HANA Enterprise Management Procurement, das strategische Lieferantenmanagement sowie die Integration heterogener Systeme in hybriden Cloud Szenarien
Mit Fiori stellt SAP eine Oberfläche zur einfacheren Nutzung ihrer Anwendungen zur Verfügung. Angestammte ABAP-Entwickler jedoch tun sich mit dieser neuen User Interface-Technologie (UI) noch schwer. Spezielle Frameworks können helfen, eine Brücke zwischen den beiden Welten zu schlagen.

Fiori gilt als das Herzstück der UI-Strategie von SAP. Die im Launchpad als Kacheln angeordneten Fiori-Apps sollen sich genauso leicht und intuitiv bedienen lassen, wie es die Anwender von ihren Smartphones und Anwendungen aus dem Consumer-Bereich gewohnt sind. Demgegenüber wirkt das traditionelle SAP GUI, die alte grafische Nutzeroberfläche, unhandlich und unübersichtlich. Um an die benötigten Informationen zu gelangen, müssen sich die Anwender durch eine Vielzahl an Fenstern "klicken" und dabei komplexe Beziehungen kennen, um an die richtigen Stellen des SAP-Systems zu navigieren.

Heute gibt es SAP zufolge bereits mehr als 10.000 Fiori-Apps.
Heute gibt es SAP zufolge bereits mehr als 10.000 Fiori-Apps.
Foto: sarsmis - shutterstock.com

Das Fiori Launchpad hingegen bietet einen zentralen Zugriffspunkt auf alle Apps, der sich gemäß den eigenen Anforderungen und Aufgaben personalisieren lässt. Hinzu kommt, dass sich das Spektrum der in den Unternehmen genutzten Endgeräte ständig stark erweitert - über die herkömmlichen Desktop-PCs hinaus greifen die Anwender zum Beispiel über Smartphones, Tablets, Notebooks und Smartwatches auf die benötigten SAP-Programme zu. Mit Fiori hat SAP eine UI-Technologie entwickelt, die eine einheitliche SAP-Nutzung gewährleisten soll. Die Nutzer müssen bei der Bedienung nicht umdenken, gleichgültig, auf welches Endgerät sie gerade wechseln.

S/4HANA mit neuer UI-Technologie

2013 erstmals auf der SAPPHIRE vorgestellt, gibt es heute bereits weit über 10.000 Fiori-Apps für verschiedene Geschäftsbereiche, Aufgaben und Geräte - Tendenz steigend. Damit ist vorhersehbar, dass sich sämtliche SAP-Nutzeroberflächen künftig an Fiori orientieren oder sogar komplett darauf basieren werden - zumal die neue UI-Technologie als Standard mit S/4HANA ausgeliefert wird. Unternehmen, die auf SAPs Business Suite der nächsten Generation wechseln wollen, steht damit auch eine Umstellung auf eine neue Oberflächen-Technologie bevor, die wiederum eine komplett andere Entwicklungsumgebung erforderlich macht.

Technisch wird für die Programmierung der Fiori-Oberflächen das SAP Development Toolkit SAPUI5 genutzt, eine Art "Baukasten", der die grafischen Elemente und die für die Apps benötigten Funktionen als fertige Bausteine zur Verfügung stellt. SAPUI5 basiert auf den offenen Standards HTML5, CCS3 und JavaScript, die für die Entwicklung von Oberflächen im Internet gebräuchlich sind. Anders als das herkömmliche SAP GUI läuft Fiori als Anwendung im Browser, so dass die Anwender über das Internet überall und jederzeit darauf zugreifen können.

APAB-Know-how greift zu kurz

So sehr Fiori auch die Nutzerfreundlichkeit von SAP-Anwendungen verbessert, so schwierig kann es für die Unternehmen werden, die Fiori-Apps individuell anzupassen und zu erweitern oder neue Apps ins Launchpad zu integrieren, die auf die eigenen Anforderungen zugeschnitten sind. Denn meist reicht das vorhandene ABAP-Entwickler-Know-how für diese Aufgaben nicht aus, da sich die Syntax von HMTL5, CCS3 und JavaScript zum Teil erheblich davon unterscheidet.

Zusätzliche Entwickler-Expertise ins Haus zu holen, kann jedoch sehr kostspielig werden. So bietet SAP in der Fiori-Technik nur Teilprozesse für bestimmte Rollen, Aufgaben oder Einsatzszenarien an - wie zum Beispiel Wareneingang buchen, Kundenaufträge erfassen oder Reisekosten bestätigen. Wer hingegen komplette Transaktionen oder komplexe Anwendungen abbilden möchte, muss teilweise beträchtlichen eigenen Programmieraufwand investieren.

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Eine besondere Herausforderung stellt in diesem Zusammenhang der Wechsel auf SAP S/4HANA dar. Einer gemeinsamen Trendstudie (nur gegen Lead-Abgabe erhältlich) von Arvato Systems und der PAC-Marktforscher zufolge nimmt die Umstellung auf die neue Produktgeneration in den deutschen Unternehmen Fahrt auf. So nutzt rund ein Drittel der befragten Firmen S/4HANA bereits heute oder steht kurz davor. Dabei geht fast die Hälfte aller Studienteilnehmer davon aus, dass die neue SAP Business Suite mit Fiori eine bessere UX (User Experience, auf Deutsch: "Anwender-Erlebnis") bietet sowie flexibler und besser anpassbar ist als die Vorgängerversionen.

Häufig jedoch betreiben Unternehmen viele verschiedene individuelle Kundenprogramme, um spezielle Funktionen und Prozesse abzuwickeln oder eigene Entwicklungen zu tätigen. Sie stehen bei einem S/4HANA-Umstieg vor der Mammut-Aufgabe, ihre Anwendungen an die Fiori-Technologie anpassen zu müssen. Diese Aufgabe zu bewältigen, würde zahlreiche zusätzliche App-Entwickler erfordern. Gleichzeitig jedoch könnten diese Unternehmen nicht auf die vorhandenen ABAP-Programmierer verzichten, da es den Web-Experten an dem erforderlichen SAP-Prozesswissen fehlt. Einen Lösungsansatz bieten spezielle Frameworks, mit deren Hilfe beliebige Fiori-Apps aus ABAP heraus gebaut werden können.

Trennung von Frontend und Backend

Dieser Ansatz macht sich die grundsätzliche technologische Infrastruktur von Fiori zunutze, die aus Frontend- und Backend-Komponenten besteht. Dabei stellt die Frontend-Infrastruktur die Nutzeroberfläche bereit, auf der die Daten angezeigt und bearbeitet werden. Die Backend-Infrastruktur hingegen ist für die Bereitstellung der Daten und für die Anwendungslogik zuständig, also die eigentliche Arbeit der Anwendungen. In diesem Bereich sind die klassischen ABAP-Entwickler tätig, um die erforderlichen SAP-Funktionen für die Backend-Zugriffe aus dem Frontend zu realisieren.

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Mit speziellen Frameworks ist es möglich, beliebige App-Entwicklungen in der bekannten ABAP-Welt im Backend vorzunehmen und ins Frontend zu integrieren. Dabei wird die gesamte Anwendungslogik nach wie vor im SAP-Backend realisiert und die Fiori-Nutzeroberfläche zur Anzeige und Bearbeitung der Daten genutzt. Da kein SAP-Kunde über kurz oder lang an der neuen UI-Technologie vorbeikommen wird, zahlen sich solche Frameworks gleich mehrfach aus. Sie sparen Personalkosten, da die Unternehmen keine zusätzlichen Frontend-Entwickler an Bord holen müssen, sondern auf ihr vorhandenes ABAP-Know-how setzen können.

Ohne sich mit der neuen UI-Technologie auseinandersetzen zu müssen, behalten die Backend-Entwickler die Kontrolle über das Verhalten einer Anwendung. Zudem tragen die Frameworks dazu bei, die Erstellung und Anpassung von Fiori-Apps zu vereinfachen und flexibel zu gestalten, da sich die ABAP-Entwickler nicht mit einer neuen Programmiersprache auseinandersetzen müssen. Schließlich können mit den Frameworks auch komplexe Anwendungen erstellt werden - ganz im Gegensatz zu den bisherigen Fiori-Apps, die sich jeweils auf Teilprozesse beschränken.