Wacker Chemie mit Change-Programm

Silicon-Valley-Mindset auf Bayerisch

08.09.2020
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Florian Kurzmaier ist ein klassischer Quereinsteiger: Nach einem Studium der Geschichtswissenschaften in München landete er zunächst bei der Gamepro, dann als Volontär bei der Macwelt. Inzwischen verantwortet er als Editorial Lead – Events, Platforms and Innovation alle inhaltlichen Aspekte der IDG-Veranstaltungen – beispielsweise auch den Wettbewerb des Digital Leader Award. Sportlich gehört sein Herz dem FC Bayern und den Green Bay Packers.

Der Münchner Chemiekonzern Wacker stellt die Weichen seiner Digital-Story auf Change. Die Reise führt dabei über das Silicon Valley – aber anders, als man es vermuten mag.

Silicon-Valley-Tourismus für Spitzenmanager ist erst mal nichts Neues. Viele deutsche und europäische Unternehmenslenker:innen haben in den vergangenen Jahren versucht, über Besuche im Silicon Valley Gründergeist, kulturelle Inspiration und den ganz speziellen Mindset der kalifornischen Gründerregion zu tanken und mit nach Hause zu nehmen. Und da die Digitale Transformation primär eine Herausforderung ist, die im Team gemeistert werden will und nicht verordnet werden kann, sind derlei Reisen allzu oft nicht die Auslöser von Veränderungsprozessen gewesen.

In diesem Wissen hat es der Münchner Silicium- und Ethylen-Spezialist Wacker Chemie anders gemacht und sein Change-Programm, die Wacker Silicon-Valley-Challenge, nicht zur Management-Exkursion gemacht, sondern die Mitarbeiter:innen in den Mittelpunkt gestellt. Das Ziel dabei: Im Graswurzelmodell Botschafter:innen für Change und Innovation mit Gründerspirit zu infizieren und so Strahlkraft für die gesamte Belegschaft zu schaffen. Mit dieser Initiative hat sich das Unternehmen 2020 auch für einen DIGITAL LEADER AWARD in der Kategorie CULTURE beworben.

Gemeinsam stärker

Bei Wacker, das als über 100 Jahre altes Familienunternehmen auf gewachsenen Strukturen und tradierten Werten aufgebaut ist, war man sich sicher, Innovation und Change nicht verordnen zu können, sondern kreativ werden zu müssen. Das Ergebnis ist mit der Silicon-Valley-Challenge ein Programm, das allen Mitarbeitern über einen Bewerbungsprozess die Chance gab, sich für einen 4-wöchigen Trip ins Silicon Valley zu qualifizieren. Die Mitarbeiter:innen sollten auf diese Weise in Kalifornien mit agilen Methoden, der Start-up-Kultur und lokalen Gründerszene sowie dem speziellen Spirit zwischen Stanford, Mountain View und Cupertino in Berührung kommen und dabei in kleinen Teams neue Ideen für das Business zuhause erarbeiten.

Das Mitarbeiter:innen-Team des Chemie-Konzerns, das an der "Wacker Silicon Valley Challenge" teilnehmen durfte.
Das Mitarbeiter:innen-Team des Chemie-Konzerns, das an der "Wacker Silicon Valley Challenge" teilnehmen durfte.
Foto: Wacker Chemie

Eine Kern-Herausforderungen für das Digital-Team bei Wacker: Nicht nur neue Geschäftsideen und -Modelle zu schaffen, sondern die Digitale Transformation als kulturelle Herausforderung in den Kern der Organisation zu tragen. Deshalb wurde die Silicon-Valley-Challenge intensiv durch interne Kommunikation auf Augenhöhe begleitet, beispielsweise über Blogs und Vlogs, um wirklich allen Wacker-Kolleg:innen die Möglichkeit der Teilhabe an der Aktion zum geben und auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel interne Silos aufzubrechen. Dass dabei nicht alles rund läuft und Lerneffekte auf dem Weg entstehen, war auch für das Wacker-Team folgerichtig und Teil einer gelebten Fehlerkultur.

Eine Challenge für über 14.000 Mitarbeiter:innen

Der Start der Silicon-Valley-Challenge war simpel und transparent: Alle Mitarbeiter:innen des Konzerns wurden für die unternehmensweite Challenge zur Partizipation aufgerufen - persönliche Backgrounds, Hierarchie-Ebenen oder Assessment-Center spielten keine Rolle. Vielmehr sollten die ausgewählten Mitarbeiter:innen für die Reise ins Valley durch Kreativität, Gestaltungswillen und Entrepreneurial Sprit überzeugen.

Damit auch tatsächlich alle weltweiten Mitarbeiter:innen erreicht werden konnten, wurde breit kommuniziert: Ein einheitliches Branding der Kampagne unter dem Motto "Taking chances together" wurde etabliert und die Mitarbeiter:innen "per Du" über Intranet-Seiten, Plakate, Flyer, Mailings oder Videos angesprochen - auch in der Produktion, wo die Mitarbeiter:innen keine festen PC-Arbeitsplätze haben. Am Ende der Bewerbungsphase für die Silicon-Valley-Challenge konnte man 386 Bewerbungen aus 23 Wacker-Ländern verzeichnen. Einzige Vorgabe: Die Mitarbeiter:innen mussten die interne Jury davon überzeugen, dass sie richtige Wahl sind.

Nach der Auswahl der besten 19 Bewerbungen wurden die Kolleg:innen, in drei Teams für vier Wochen nach Kalifornien geschickt, begleitet durch weitere Kommunikation über interne wie externe Kanäle. Von dort aus informierten die Teams regelmäßig die Wacker-Kolleg:innen weltweit mal über ein Video, mal als Insta-Story oder Blog-Beitrag (in die "Challenge Files" getauften Beiträge können Sie hier reinschauen) über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse, um Sichtbarkeit zu schaffen. Nach der Rückkehr präsentierten die Mitarbeiter:innen ihre Ideen über ein Pitch-Format einer internen, aus Vorstand und Top-Management besetzten Jury. Drei Ideen wurden nach dem Jury-Prozess ausgewählt, um weiterverfolgt zu werden.

Am Ende der Challenge steht der Anfang vom Change

Kommunikation auf Augenhöhe, transparent und inklusiv zugleich: Das ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren für die Silicon-Valley-Challenge bei Wacker Chemie. Neben dem konkreten Impact der drei ausgewählten Sieger-Ideen wurde aus der Challenge auch Content für internationale Event-Formate des Chemiekonzerns geschaffen, um die Initiative nicht zum "One-Day-Shot" werden zu lassen, sondern nachhaltig von den Ideen und der Change-Story der Silicon-Valley-Challenge zu profitieren.

Wacker-CIO Dirk Ramhorst begleitete das Programm.
Wacker-CIO Dirk Ramhorst begleitete das Programm.
Foto: Wacker Chemie

Neben der anhaltenden Diskussion rund um die Challenge und den aus ihr hervorgegangenen Projekten auf globalen Wacker-Events wurde auch eine Verlängerung für diejenigen Bewerber:innen geschaffen, die nicht mit ins Silicon Valley reisen durften: mehrstufige Workshops als "Mini-Versionen" der Challenge, um das Engagement zu belohnen und die Anwendung agiler Methoden zu vertiefen. Und obwohl die Silicon-Valley-Challenge beendet ist, zeigt sich in der Nachbetrachtung, dass neben erfolgreichen neuen Ideen für das digitale Business von Wacker auch bleibende kulturelle Werte wie virtuelle Communities, Working-Out-Loud-Circles oder eine tiefere Verankerung agiler Methoden geschaffen werden konnten.

Das vielleicht größte Learning der Initiator:innen bei Wacker dürfte es aber sein, bei künftigen, ähnlich gelagerten Initiativen noch sehr viel stärker darauf hinzuarbeiten, dass sich tatsächlich jede Mitarbeiter:in an einer solchen Initiative beteiligt, mögliche Bedenken ("Was kann ich schon ausrichten?") auf Seiten der Kolleg:innen gar nicht erst aufkommen und die Auswahlprozesse transparenter und diverser werden. Vor dem Hintergrund des im Digitalen Zeitalter so wichtigen lebenslangen Lernens und dem Start-up-Mantra "Fail fast, fail forward" scheint Wacker Chemie mit seiner Silicon-Valley-Challenge eine gute Basis für erfolgreichen Change gelegt zu haben.