Low-Code-Plattform Mendix

Siemens und Mercedes schließen Digitalisierungs-Pakt

01.04.2021
Von 
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Nachhaltig und digital – so soll die Autoproduktion der Zukunft aussehen. Um dies zu realisieren, gehen Siemens und Mercedes mit Unterstützung des Landes Berlin eine strategische Digitalisierungspartnerschaft ein.
Gemeinsam starten Siemens und Mercedes eine Digitalisierungsoffensive für eine nachhaltige Automobilproduktion.
Gemeinsam starten Siemens und Mercedes eine Digitalisierungsoffensive für eine nachhaltige Automobilproduktion.
Foto: Mercedes-Benz

Siemens und Mercedes-Benz haben eine strategische Partnerschaft geschlossen, um eine Digitalisierungsoffensive für eine nachhaltige Automobilproduktion zu starten. Unterstützung erhalten sie durch das Land Berlin, dessen Regierender Bürgermeister die Patenschaft für die Kooperation übernimmt.

Verknüpfung von OT und IT

Gemeinsam planen die beiden Konzerne, innovative Lösungen zur Digitalisierung der Produktion, Steigerung der Energieeffizienz und zur digitalen Qualifizierung von Beschäftigten zu entwickeln. So sollen etwa bestehende Automatisierungslösungen durch neue Technologien wie Virtualisierung, künstliche Intelligenz und Edge Computing erweitert werden. Und mit Technologien wie IIoT oder 5G sollen dabei Produktionstechnik (OT) und IT verbunden werden.

Im Zuge der Kooperation soll auch die digitale Produktionsplattform MO360 von Mercedes weiterentwickelt werden.
Im Zuge der Kooperation soll auch die digitale Produktionsplattform MO360 von Mercedes weiterentwickelt werden.
Foto: Mercedes-Benz

"Wir bauen die jahrzehntelange erfolgreiche Kooperation mit Mercedes-Benz im Bereich Engineering und Produktion weiter aus. Gemeinsam wollen wir den nächsten großen Schritt hin zu einer nachhaltigen und noch wettbewerbsfähigeren Automobilproduktion unternehmen. Dafür setzen beide Partner auf durchgängige digitale Technologien, um Technik, Nachhaltigkeit und neue Arbeitswelten enger als je zuvor miteinander zu verbinden", kommentiert Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands der Siemens AG und CEO Digital Industries, den Ausbau der Partnerschaft.

Siemensstadt²

Im Zuge der Partnerschaft wollen Mercedes und Siemens jeweils zweistellige Millionenbeträge investieren. Siemens, um die digitale Transformation der Automobilindustrie voranzutreiben - sowohl in Berlin als auch global. Mercedes wiederum beabsichtigt, in die Transformation seines Werks Berlin-Marienfelde zu einem Campus für die Entwicklung, Erprobung und Implementierung wegweisender Softwareapplikationen für sein globales Produktionsnetzwerk zu investieren.

In der Siemensstadt² ensteht ein Ensemble aus neuen und alten, denkmalgeschützten Gebäuden. In der Wohn- und Arbeitswelt will Siemens Anwendungsfelder wie IoT, KI Blockchain etc. ansiedeln.
In der Siemensstadt² ensteht ein Ensemble aus neuen und alten, denkmalgeschützten Gebäuden. In der Wohn- und Arbeitswelt will Siemens Anwendungsfelder wie IoT, KI Blockchain etc. ansiedeln.
Foto: Siemens

Die Wahl auf den Standort Berlin fiel bei beiden Konzernen nicht zufällig. Seit 2018 engagiert sich Siemens mit bis zu 600 Millionen Euro am Neubau der "Siemensstadt²"". Auf dem historischen Gelände - eines der ersten Dynamowerke, 1930 erste Mehrzweck-Elektrolokomotive - entsteht derzeit eine agile und moderne Arbeits- und Wohnwelt. Hier will Siemens Anwendungsfelder wie dezentrale Energiesysteme und Energiemanagement, Elektromobilität, Industrie 4.0, Machine Learning, vernetzte Assets, Internet der Dinge (IoT), künstliche Intelligenz, Data Analytics, Blockchain sowie Additive Manufacturing ansiedeln. Darüber hinaus besteht mit dem Werner-von-Siemens Centre for Industry and Science in der Siemensstadt bereits ein moderner Think-Tank.

Vom Bandarbeiter zum IT-Facharbeiter

Mercedes wiederum will Berlin-Marienfeld, das fast 120 Jahre alte Werk gehört zu den ältesten noch produzierenden Standortendes Konzerns, zu einem modernen Standort für Digitalisierung und E-Mobilität umbauen. Derzeit werden dort noch Komponenten zur Motorsteuerung, außerdem Getriebeteile und -komponenten, Kraftstoffsysteme, Nockenwellen, Pumpen sowie Dieselmotoren gebaut. Weil nur ein geringer Teil der Mitarbeiter aus Fertigung, Engineering und Verwaltung über vertiefende Programmierkenntnisse verfügt, plant Mercedes im Zuge der Transformation die Einführung der Low-Code-Plattform Mendix von Siemens. Siemens und Mercedes haben hierzu eine Arbeitsgruppe eingerichtet, um mit Hilfe von Mendix-Apps Engineering- und Produktionsprozesse zu optimieren.

Der Produktionsmitarbeiter der Zukunft ist für Mercedes ein IT-Facharbeiter, der mit Mendix auch eigene Apps programmieren kann.
Der Produktionsmitarbeiter der Zukunft ist für Mercedes ein IT-Facharbeiter, der mit Mendix auch eigene Apps programmieren kann.
Foto: Mercedes-Benz

Wie es bei Mercedes weiter heißt, werde der Digital Factory Campus eine Blaupause dafür, wie Bandarbeiter der Motorenproduktion zu IT-Facharbeitern umgeschult werden können. Letztlich sollen mit Hilfe des Digital Factory Campus Berlin alle Mercedes-Produktionsmitarbeiter im globalen Produktionsverbund mit Blick auf digitale Schlüsselkompetenzen qualifiziert werden. Im Fokus stehen dabei Themen wie die Nutzung digitaler Werkzeuge, Datenkompetenz und Low-Code-Plattformen.

Digital Factory Campus Berlin

Dabei will Mercedes den Standort in ein Kompetenzzentrum für Digitalisierung mit Fokus auf Entwicklung und Implementierung von MO360, dem digitalen Mercedes-Benz Produktions-Ökosystem, transformieren. Als Mercedes-Benz Digital Factory Campus Berlin soll er gleichzeitig Produktionsprozesse weiterentwickeln, testen und zum Rollout in das globale Mercedes-Benz Cars Produktionsnetzwerk vorbereiten. Ferner soll durch die Montage von Komponenten der E-Mobilität die Zukunft des ältesten Standorts im weltweiten Powertrain-Produktionsverbund von Mercedes-Benz nachhaltig gesichert werden.

Den Mercedes-Benz Digital Factory Campus Berlin betrachtet der Stuttgarter Konzern als den technologischen und digitalen Vorreiter für das gesamte Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz Cars. Ziel ist es, die in Berlin erprobten Neuentwicklungen weltweit auszurollen und die Anwender in den Werken zu qualifizieren. Dazu sollen am Standort Berlin bestehende Automatisierungslösungen durch neue Technologien wie Virtualisierung, Künstliche Intelligenz und Edge Computing erweitert werden. Hierzu werde man auch Erfahrungen aus der Factory 56 im Mercedes-Benz-Werk Sindelfingen und der Siemensstadt2 in Berlin nutzen, austauschen und weiterentwickeln.

Mit den Synergien der Siemensstadt² und dem Mercedes-Benz Digital Factory Campus Berlin entwickeln sich hoffentlich zwei Werke, die für den Ursprung der Industrialisierung Deutschlands stehen, zu modernen digitalen Standorten. Dies ist eventuell ein Beleg dafür, dass Deutschland die Zukunftsthemen der Digitalisierung doch nicht verschläft und durchaus in der Lage ist, Hype-Unternehmen wie Tesla technologisch Paroli zu bieten. Wie das Wettrennen zwischen den alten Platzhirschen und den Newcomern ausgeht, lässt sich hier nun zumindest direkt vor Ort begutachten: In direkter Nachbarschaft im brandenburgischen Grünheide entsteht derzeit ja das erste Europa-Werk von Tesla.