Plattform Xcelerator

Siemens drängt ins Zentrum der Digital-Twin-Entwicklung

05.07.2022
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Um weltweit zur ersten Adresse für industrielle Digital Twins zu werden, hat Siemens seine Xcelerator-Plattform und eine vertiefte Zusammenarbeit mit Nvidia angekündigt.
Jensen Huang (l.), Gründer und CEO von NVIDIA, und Siemens-Chef Roland Busch wollen das industrielle Metaverse gemeinsam erobern.
Jensen Huang (l.), Gründer und CEO von NVIDIA, und Siemens-Chef Roland Busch wollen das industrielle Metaverse gemeinsam erobern.
Foto: Siemens AG

Siemens hat seine wichtigsten Digital-Produkte in der "offenen digitalen Business-Plattform Xcelerator" zusammengeführt. Hier soll ein kuratiertes Angebot rund um die digitale Transformation der produzierenden Industrie entstehen. Die Plattform soll Kunden ein ausgewähltes Portfolio an IoT-Hardware sowie diverse Software- und digitale Angebote von Siemens und zertifizierten Drittanbietern bieten. Die Münchner streben dabei ein Partnerökosystem und einen Marktplatz an, der Kooperationen und Transaktionen zwischen Kunden, Partnern und Entwicklern erleichtern soll.

Siemens-Chef Roland Busch, der das Produkt-Bundling vorstellte, versprach den Kunden, künftig "schnell und skalierbar durch die digitale Transformation steuern" zu können. Man wolle die reale und die digitale Welt in der Betriebs- und Informationstechnologie miteinander verbinden - im Zusammenhang mit dem "industriellen Metaverse" kündigte Busch auch den Ausbau einer bestehenden Partnerschaft mit Nvidia an und warf einen Blick zurück auf die kurz zuvor angekündigte Übernahme von Brightly Software.

Am 27. Juni hatte der Münchner Technologiekonzern offenbart, den US-amerikanischen Experten für Anlagen- und Wartungsmanagement für 1,57 Milliarden Dollar zu kaufen. Brightly beschäftigt rund 800 Softwareexperten, die einen Jahresumsatz von 180 Millionen Dollar erwirtschaften. Das Unternehmen aus Cary, North Carolina, befand sich zuletzt im Besitz des Private-Equity-Unternehmens Clearlake Capital. Es liefert SaaS-Lösungen rund um das Energie- und Wartungsmanagement in Unternehmen sowie für öffentliche Infrastruktur und Gebäude im Bildungs- und Gesundheitswesen.

Siemens ist seit einiger Zeit dabei, Softwarehäuser einzusammeln, um sein Portfolio an SaaS-Lösungen für industrielle Nischenmärkte zu vervollständigen. So hatte die Unternehmenstochter Siemens Mobility im August vergangenen Jahres Sqills übernommen, einen Anbieter von SaaS-Lösungen für Bestandsmanagement, Reservierung und Fahrkartenkauf im Bahnverkehr. Wenige Monate zuvor erwarben die Münchner für 700 Millionen Dollar Supplyframe, einen globalen Marktplatz für elektronische Komponenten. Die SaaS-Lösung soll die Angebote in den Bereichen Electronic Design Automation (EDA) und Printed Circuit Boards (PCB) sowie in einigen anderen Geschäfts- und Technologiefeldern stärken.

Siemens Xcelerator und Nvidia Omniverse werden verknüpft

Die ausgebaute Partnerschaft mit Nvidia zielt auf das industrielle Metaverse: Siemens Xcelerator und Nvidia Omniverse sollen verknüpft werden, um Industrieunternehmen jeglicher Größe Fortschritte beim Bau KI-betriebener digitaler Zwillinge sowie bei Produktivitäts- und Prozessverbesserungen zu ermöglichen.

Siemens-Chef Busch sagte: "Durch die Verknüpfung von Siemens Xcelerator mit Omniverse ermöglichen wir ein beeindruckendes Metaversum in Echtzeit, das Hardware und Software vom Edge bis zur Cloud mit umfangreichen Daten aus Siemens-Lösungen verbindet." Jensen Huang, der ebenfalls anwesende Gründer von Nvidia, sekundierte mit den Worten: "Siemens Xcelerator wird NVIDIA Omniverse und das KI-Ökosystem für eine ganz neue Welt der industriellen Automatisierung öffnen, die auf der Nutzung von mechanischen, elektrischen, Software-, IoT- und Edge-Lösungen von Siemens basiert."

Die Partnerschaft unterstützt die Pläne von Siemens, sich mit entsprechenden Technologien und Ökosystemen als Lösungsanbieter an der Schnittstelle von Informations- (IT) und Betriebstechnologie (OT) festzusetzen. Dabei soll die Xcelerator-Plattform mechanische und elektrische Produktwelten über den gesamten Produkt- und Fertigungsprozess hinweg mit Software verknüpfen und so die Konvergenz von IT und OT ermöglichen.

Dazu liefert Nvidia mit Omniverse die KI-fähige und industrietaugliche "Virtual-World-Engine", die originalgetreue digitale Zwillinge in Echtzeit ermöglicht. Herzstück von Omniverse ist sowohl in der Cloud als auch am Edge die Rechenplattform "Nvidia AI", eine KI-Plattform, die von mehr als 25.000 Unternehmen weltweit eingesetzt wird.

Diese Lösungen bündelt Siemens auf der Xcelerator-Plattform

Ein näherer Blick auf das Xcelerator-Portfolio zeigt, dass Siemens hier im wesentlichen vorhandene Produkte gebündelt hat. Das PLM-System Teamcenter etwa stellt eine wichtige Komponente im Bereich Collaboration dar. Polarion für das Bauen, Testen und Managen komplexer Softwaresysteme ist das Angebot im Bereich Application Lifecycle Management (ALM). Die Low-Code-Plattform Mendix findet ebenfalls Platz im großen Xcelerator-Schaufenster, und zwar im Bereich Applications. Sie soll das schnelle Entwickeln und Ausrollen von Unternehmens-Anwendungen ermöglichen.

Die Industrial-IoT-Plattform MindSphere deckt den Bereich IoT - Analytics ab, Opcenter das Segment Operations. Bei letzterem handelt es sich um ein ganzheitliches System für Manufacturing Operations Management (MOM). Es dient dazu, Prozesse rund um Produktdesign und Fertigung digital zu visualisieren und zu überwachen. Die Software Tecnomatix adressiert den Bereich Manufacturing, Kunden sollen damit das Product und Manufacturing Engineering sowie die Produktion selbst und alle assoziierten Serviceabläufe synchronisieren können. Hinzu kommt NX for Manufacturing für die Digitalisierung der Teileproduktion.

Für den Baustein Simulation im Xcelerator-Portfolio steht Simcenter bereit, ein Portfolio an prädiktiven Simulations- und Testwerkzeugen. Siemens spricht von einer Schlüsselkomponente des Plattformangebots, da Simulationen und Tests im Mittelpunkt jedes Digital-Twin-Projekts stünden. Mit digitalen Lösungen bekämen die Kunden tiefe Einblicke in ihre Real-World-Prozesse und könnten Innovationen über den gesamten Produktlebensyzklus hinweg beschleunigen.

Sein NX-Softwarepaket rund um Lösungen für Konstruktion, Simulation und Fertigung positioniert Siemens im Bereich Mechanical. NX unterstützt mit einem integrierten Toolset diverse Aspekte der Produktentwicklung, vom Konzeptdesign über die Konstruktion bis hin zur Fertigung. Auch Solid Edge, ein Portfolio von Tools zur Unterstützung des Produktentwicklungsprozesses, wird dem Bereich Mechanical zugeschlagen.

Im letzten Baustein der Xcelerator-Plattform geht es um Electronics. Die Münchner sortieren hier Siemens EDA ein - Hardware, Software und Services rund um Electronic Design Automation. Das Angebot fußt auf den 2017 mit Mentor Graphics übernommenen Lösungen für die Digitalisierung des Elektronikdesigns. Mit Capital kommt im Bereich Electronics außerdem eine Lösung für die modellbasierte Entwicklung von E/E-Systemen hinzu - also von elektrischen und elektronischen Architekturen, Embedded Systems und Netzwerkspezifikationen.

Mit SaaS-Lösungen zu kontinuierlichem Wachstum

Für den Vorstandsvorsitzenden Roland Busch ist die Ankündigung der Xcelerator-Plattform ein wichtiger Schritt, um die angepeilten Wachstumsziele im Digitalbereich zu schaffen. Jahr für Jahr will das Unternehmen in diesem Segment um zehn Prozent zulegen, wobei die Umsätze hier 2021 bereits bei 5,6 Milliarden Euro lagen. Gleichzeitig bedeutet Xcelerator einen tieferen Einstieg in das Geschäft mit SaaS-Lösungen. Siemens will den Anteil mit jährlich wiederkehrenden Umsätzen steigern.