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Siebel-Rücktritt lässt IBMs Personalkarussell rotieren

04.05.2004
Tom Siebel tritt als CEO ab. Sein Nachfolger ist der bisherige IBM-Vertriebschef Michael Lawrie, dessen Weggang bei Big Blue eine Reihe von Personalien nach sich zieht.

Thomas Siebel (51), Gründer und Namensgeber des CRM-Softwareanbieters (Customer Relationship Management) Siebel Systems, gibt seinen CEO-Posten (Chief Executive Officer) ab und zieht sich auf den Vorsitz des Verwaltungsrats zurück. Sein Nachfolger an der Siebel-Spitze ist Michael Lawrie (50), bisher Vertriebschef von IBM.

Die durch den Weggang Lawries entstandene Lücke muss Big Blue neu besetzen. Dazu wechselt Douglas Elix (51), Nachfolger von Konzernchef Samuel Palmisano an der Spitze der Dienstleistungssparte IBM Global Services, auf Lawries Posten des Senior Vice President and Group Executive Sales and Distribution. Nachfolger von Elix als Senior Vice President and Group Executive Global Services wird wiederum der bisherige Finanzchef John Joyce (50). Dieser hat nicht allzu viel operative Erfahrung, stand aber zumindest kurzfristig an der Spitze der Asia-Pacific-Group, bevor er 1999 CFO wurde. Neuer Chief Financial Officer von IBM und damit Nachfolger von Joyce wird schließlich Mark Loughridge (50), zuvor Leiter von IBM Global Financing.

Analysten werten den Umbau für Elix nicht als Abstieg, nicht zuletzt weil der Top-Vertriebsposten in der Vergangenheit oft ins CEO-Büro führte. Palmisano begann ebenfalls im Vertrieb, erreichte sein Renommee aber an der Spitze großer operativer Bereiche, unter anderem Personal Computers, Server und Services. Pflichtveröffentlichungen des Konzerns zufolge gehörte der Vertriebschef in den letzten Jahren nicht zu IBMs fünf höchstbezahlten Management-Posten. Joyce erhalte jedenfalls mehr Macht und die Gelegenheit, seine Qualitäten im operativen Bereich unter Beweis zu stellen.

Ämtertrennung bereits vor einem Jahr beschlossen

"General" Tom Siebel hatte nach eigenen Angaben bereits vor rund einem Jahr entschieden, die Ämter des CEO und Chairman nicht länger in Personalunion zu halten. Die Ämtertrennung hatten vor allem Aktionärsvertreter immer wieder gefordert. Der Verwaltungsrat habe auch Alternativen erwogen, bei denen er den CEO-Posten behalten hätte, so Siebel. Er sei aber sicher, dass die nun gefundene Lösung das Management der Firma am besten stärke. "Ein besseres Ergebnis kann ich mir nicht vorstellen", erklärte Siebel. Die Berufung eines externen Nachfolgers wundert den früheren Siebel-Manager Craig Ramsey, inzwischen Board-Mitglied beim Wettbewerber Salesforce.com, jedoch sehr: "Tom ist ein wahnsinnig kontrollierender Mensch", meint der Ex-Kollege. "Er hat der Firma seinen Stempel aufgedrückt."

Noch krasser drückt sich Steve Garnett aus, Vice President EMEA bei Salesforce udn gleichfalls Ex-Siebelianer. "Tom ist ein Dikator in seiner Firma", so Garnett. Er verweist darauf, dass ständig neue Führungskräfte zu Siebel gekommen seien, die es dann aber nie lange dort ausgehalten hätten. Deshalb steht Lawrie aus seiner Sicht vor einer schwierigen Aufgabe: "Er muss die Firma wirklich umkrempeln", meint der Salesforce-Mann. Neben Tom Siebels dominierender Persönlichkeit stehe ihm dabei auch die Wall Street im Weg, der gegenüber es den Umstieg vom traditionellen Softwareverkauf mit üppigen Vorab-Lizenzeinnahmen in Richtung eines Hosting-Modells zu verargumentieren gelte.

Thomas Siebel, der rund elf Prozent der Aktien von Siebel Systems hält, bleibt Angestellter der Firma und wird auch weiterhin Kunden und Partner treffen. "Mike leitet die Firma", so Siebel, "aber ich gehe nirgendwo anders hin." Er habe mithin geschäftlich keine anderen Pläne, habe sich aber schon in den vergangenen Jahren verstärkt caritativ engagiert. In der vergangenen Woche wurde beispielsweise das Siebel Center for Computer Science an der University of Illinois at Urbana-Champaign eingeweiht, für das Siebel 32 Millionen Dollar spendierte.

Kein Mann für die Krise 

Das "Wall Street Journal" zitiert Insider mit der Einschätzung, Siebels Persönlichkeit habe zu den vergangenen Jahren spektakulären Wachstums gepasst. Sein Enthusiasmus sei aber durch die jüngst notwendig gewordenen Kostensenkungen und Entlassungsrunden merklich gebremst worden. Siebel Systems beschäftigt noch rund 5000 Mitarbeiter, in Spitzenzeiten waren es einmal 8500 gewesen.

Der frühere Oracle-Manager konnte in den 90er Jahren kaum etwas falsch machen. Sein Unternehmen gründete er 1993, nachdem andere Anbieter wie SAP begonnen hatten, Firmen bei der Automatisierung ihrer Backend-Funktionen zu unterstützen. Siebel fokussierte sich auf Software zur Vertriebsunterstützung und Kundenpflege. Der Anbieter wuchs rasch und erreichte in Zeiten der "Internet Bubble" im Jahr 2000 zeitweilig eine Marktkapitalisierung von über 60 Milliarden Dollar. Thomas Siebel erschien regelmäßig auf den Titelbildern führender Zeitschriften, und mehrere Bürohochhäuser des Herstellers schossen in der kalifornischen Bay Area aus dem Boden.

Als aber die Budgettöpfe der Unternehmen versiegten, erwischte es Siebel besonders hart. Die Lizenzeinnahmen sanken um fast 70 Prozent, über neun Quartale in Folge ging der Umsatz im Jahresvergleich zurück. Im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnete Siebel erstmals wieder einen kleinen Aufwärtstrend. Der Lizenzumsatz für das Fiskaljahr 2003 betrug 700 Millionen Dollar (2000: 1,12 Milliarden Dollar), der Börsenwert der Firma beträgt derzeit rund fünf Milliarden Dollar.

Mit sinkendem Aktienkurs und Gewinn wuchs die Kritik einiger großer Anleger an CEO Thomas Siebel unter anderem aufgrund üppiger Aktienoptionsboni für einige Manager. Die Pensionskasse für Lehrer des Bundesstaats Louisiana ging deswegen sogar vor Gericht. In der Folge strich Thomas Siebel im Januar vergangenen Jahres all seine seit 1998 erhalten Optionen. Ärger handelte sich Siebel auch mit der US-Börsenaufsicht ein, weil er Insidern sensible Geschäftsinformationen mitgeteilt haben soll. Im November 2002 zahlte Siebel Systems deswegen (ohne Schuldeingeständnis) 250.000 Dollar Strafe.

Hosting als Zukunftsstrategie

Seit einiger Zeit bemüht sich Siebel Systems, über Zukäufe neues Wachstum zu erzielen. Im vergangenen Monat übernahm die Firma beispielsweise Eontec Systems, einen Spezialanbieter von Software für Filialbanken. Besonders aggressiv versucht Siebel - zusammen mit IBM - seit dem vergangenen Jahr außerdem, seine Software als Online-Dienst zu vermarkten. Diesen Ansatz, den auch verschiedene Newcomer wie Salesforce.com verfolgen, hatte Siebel bereits in der Vergangenheit probiert, im Jahr 2001 aber mangels Erfolg zunächst eingestellt. Auch der neue Versuch läuft eher schleppend an. Tom Siebel ist aber sicher, "dass Software künftig auf diese Weise geliefert wird".

Von der Hosting-Partnerschaft abgesehen ist IBM einer von Siebels größten Kunden - bis zu 60.000 Mitarbeiter von Big Blue arbeiten mit Siebels Software. Lawrie ist von der Technik überzeugt und möchte die Strategie seines Vorgängers umsetzen. Zum Weggang von IBM habe er sich entschieden, "weil er auf der Karriereleiter zum Stillstand gekommen war", meint ein Insider. Gleich alt wie Palmisano habe Lawrie wohl kaum eine Chance gehabt, den IBM-CEO zu beerben. (tc)