Satire/CW-Wert

28.06.1996

Windows NT ist ein Chamäleon. Es nimmt die Farbe des jeweils angepeilten Marktsegments an. Lange vor dem Erscheinen, als die Neue Technologie (NT) noch als Version 3 von OS/2 firmierte, wollte sich Microsoft damit gegen den Ex-Partner IBM abheben. Es folgte die gescheiterte und inzwischen längst vergessene ACE- Initiative, in deren Rahmen Microsoft mit Hilfe von SCO, Intel, DEC, Mips und anderen versuchte, den verschiedenen Unix- Konkurrenten mit einem kombinierten RISC- und CISC-Betriebssystem den Garaus zu machen. Diese Ambitionen wirkten noch nach, so daß NT bis kurz vor der Fertigstellung als skalierbares System bis hin zum Großrechner-Niveau bezeichnet wurde. Da sich dieses Versprechen nicht einhalten ließ, folgte die Definition als Workstation-Plattform für technische Anwendungen. Als besonders erfolgreich erwies sich jedoch die auf Novells Netware-Markt gerichtete Anpreisung als Netz-Betriebssystem. Jetzt hat Bill Gates entdeckt, daß das Betriebssystem ein gewaltiges Manko beheben kann, wenn man es zum "Hub für Intranets" ernennt.

Seine ungewöhnliche Flexibilität verdankt das Betriebssystem weniger der eingebauten Technik als der Wendigkeit des Microsoft- Marketings. Um so verblüffender ist, daß die Masche immer wieder zieht. In jedem der oben genannten Märkte konnte sich Windows NT etablieren. Als Ausnahme bestätigt lediglich der Mainframe-Bereich die Regel - aber auch das ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.