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SAPs Data Warehouse wird erwachsen

20.04.2000
Integration kann zum Bumerang werden

CW-Bericht, Bernd Seidel

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit ihrem "Business Information Warehouse 2.0" (BW) will SAP den klassischen Data-Warehouse-Anbietern im R/3-Umfeld Geschäft abjagen. Technisch ist das Produkt keine Meisterleistung, doch allein die enge Kopplung an das ERP-Paket R/3 ist für viele Anwender Grund genug, das Tool zu testen.

"Wer hätte das gedacht? Noch vor zwei Jahren hatten wir kein eigenes Data-Warehouse-Produkt, und heute gibt es Veranstaltungen, bei denen über das SAP BW und alternative Lösungen diskutiert wird", freut sich Peter Grendel auf der Podiumsdiskussion der "Information World 2000". Er ist zuständig für Corporate Marketing Data Warehouse bei den Walldorfern. Der Veranstalter Management Circle, Eschborn, hatte rund 400 Data-Warehouse-Interessierte nach Düsseldorf locken können, die über Vor- und Nachteile des BW diskutierten. Die Teilnehmer stimmten zwar der Strategie der Walldorfer grundsätzlich zu, es gab aber auch reichlich Detailkritik.

Keine technische Meisterleistung

Soviel vorweg: Eine technische Meisterleistung ist das BW 2.0 a, das seit wenigen Wochen verfügbar ist, nicht. Laut Bill Inmon, einem der Erfinder der Data-Warehouse-Idee, ist SAPs-Lösung nicht einmal ein richtiges Data Warehouse. Er moniert in seinem Aufsatz "SAP and Data Warehousing" die geschlossene, proprietäre Architektur. "Kunden sollten wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich für das SAP-Produkt entscheiden", unterstreicht auch Gunnar Weichel, Data-Warehouse-Spezialist bei CSC Ploenzke in Hamburg, Inmons Urteil. Die komplexen Strukturen, wie sie aus R/3 bekannt sind, spiegelten sich auch in SAPs Data-Warehouse-Produkt wider.

Angefangen bei den Schnittstellen, könne das BW von Datenquellen wie etwa R/3 oder Fremdsystemen nur über die SAP-eigenen Business Application Programming Interfaces (BAPIs) erreicht werden. Zur Anbindung externer Werkzeuge für Online Analytical Processing (OLAP) und für die Präsentation gibt es neben den BAPIs immerhin die Möglichkeit, auf den Microsoft-Standard OLE DB for Olap (ODBO) aufzusetzen. Insgesamt sei das BW, verglichen mit anderen Data-Warehouse-Tools, geschlossen und unflexibel, so Weichels Urteil. Carsten Bange, Analyst am Business Application Research Center (BARC) in Würzburg, hat das BW 2.0a getestet: "Das SAP BW bildet in benutzerfreundlicherer Form im Wesentlichen das Berichtswesen aus R/3 ab - mehr nicht". Für Online-Adhoc- Analyse, einem Einsatzgebiet von Data Warehouses, sei es von der Architektur her weniger geeignet.

Hausaufgaben teilweise erledigt

SAP hat aber mit Release 2.0 auch einen Teil der Hausaufgaben, die in der Vorgängerversion offen geblieben waren, erledigt. Dazu gehört das inkrementelle Laden von Daten aus operativen Systemen oder die Möglichkeit, zwischen unterschiedlichen Analysebereichen (Infocubes) wie Personal, Vertrieb und Controlling übergreifend navigieren zu können - im Fachjargon als "Drill Across Cubes" bezeichnet. Zudem lassen sich nun auch Daten aus dem Operational Data Store (ODS), dem Herzstück eines Data Warehouse, sowie direkt aus dem operativen R/3-System für Auswertungen heranziehen. Vorgefertigte Warehouse-Modelle - sogenannter Business Content mit entsprechenden Extraktoren für R/3-Daten und vorgefertigten Analysewürfeln - sorgen überdies für kurze Implementierungszeiten, verspricht SAP-Manager Grendel. Allesamt Verbesserungen, die bei Produkten von Mitbewerbern wie Acta oder Informatica schon zum Standard gehören.

Technische Lorbeeren wollten sich die Walldorfer aber auch nicht verdienen. Ihr stärkstes Argument bei der Vermarktung des Reporting- und Analyse-Tools ist die Integration. Das BW ist eng mit dem hauseigenen ERP-Paket (Enterprise Resource Planning) R/3 verbunden, das mittlerweile mehr als 20 000 mal installiert ist: "Diese Verknüpfung erlaubt es Anwendern, Lösungen rasch zu implementieren. Daten und deren Beschreibungen sind im R/3 bereits angelegt und lassen sich eins zu eins ins BW laden", argumentiert Grendel. Ein SAP-BW-Projekt dauere deshalb durchschnittlich nur knapp 4,5 Monate.

Gute Integration mit R/3

Wichtig ist ihm aber vor allem, dass nicht nur eine technische Integration zwischen den beiden Systemen existiert, sondern auch betriebswirtschaftliche Inhalte übertragen werden: "Die zeitraubende Beschreibung von Metadaten kann entfallen, da die Definitionen in R/3 und dem BW identisch sind." Damit scheint SAP, den Nerv vieler Anwender zu treffen: "Wir machen gerne Abstriche bei der Leistungsfähigkeit und den Funktionen, so lange die Integration zum R/3-System gewährleistet ist", so der Tenor auf der Düsseldorfer Veranstaltung.

Die Erfahrungen von Robert Marek, Managing Director des Bertelsmann-Dienstleisters CM4, unterstreichen diese Argumente: "Der Aufwand für Extraktion, Transformation und Laden (ETL) von Daten aus R/3 ins BW ist dank der Kopplung auf ein Minimum beschränkt." CM4 hat für die Buchclub-Sparte von Bertelsmann ein Data-Mart realisiert, bei dem BW-Analysen Teile der CRM-Anwendungen (Customer Relationship Management) steuern. Konkret: Auswertungsergebnisse aus dem Warehouse lassen sich automatisch ins Call-Center für Direkt-Marketing-Maßnahmen einspeisen.

Die Vorteile der Durchlässigkeit zwischen dem ERP- und Data-Warehouse-System gelten allerdings nur für die SAP-Welt. Für BARC-Mann Bange ist das zu kurz gedacht: Die Erleichterungen beim ETL-Prozess, der durchaus 70 bis 80 Prozent des Aufwands für ein "normales" Data-Warehouse-Projekt ausmachen kann, greifen nur in einer geschlossenen SAP-Umgebung, das sollte Kunden bewusst sein. Schon bei Modifikationen am R/3-Basissystem, die zur gängigen Praxis gehören, ist die Integration per Knopfdruck außer Kraft gesetzt. Selbst SAP weiß, dass 92 Prozent ihrer Kunden zusätzlich Lösungen von Fremdherstellern einsetzen, wie eine vom Hersteller selbst in Auftrag gegebene Studie zeigte.

Integration von Fremddaten ist aufwendig

Wer auf eine reine SAP-Welt vertraut, muss kräftig Hand anlegen, wenn Fremddaten zu integrieren sind. Analysten der Gartner Group empfehlen in ihrer "Research Note" vom 17. März 2000 den Einsatz des BW nur, wenn dieses mindestens 50 Prozent der auswertungsrelevanten Daten aus R/3 bezieht. BW-Tester Bange erhöht diesen Anteil sogar auf rund 80 Prozent. Der Grund: Die Integration externer Datenquellen ist aufwendig. SAP biete lediglich zwei Möglichkeiten: Zum einen die hauseigenen BAPIs sowie die Aufnahme der Daten als Flatfile - ein durchaus gängiges, aber antiquiertes Verfahren. Mittlerweile steht für die Anbindung von Daten von Dun and Bradstreet sowie AC Nielsen ein Data Provider Interface (DW DPI) zur Verfügung. Diese Quellen lassen sich im BW-Frontend, dem "Business Explorer", einbinden, ohne das sie physikalisch vorgehalten werden.

Hilfreich für die Integration, so die Auguren, seien ETL-Werkzeuge von Fremdanbietern wie Acta, Informatica oder ETI. Diese böten deutlich mehr Möglichkeiten, Daten aus Fremdsystemen zu übernehmen, zudem verfügten diese Tools über zertifizierte Schnittstellen zu R/3 sowie eine benutzerfreundlichere Programmierung - Abap-Kenntnisse, die bei SAPs Mechanismen gefragt sind, sind hierbei nicht erforderlich. Ein Wermutstropfen ist allerdings der hohe Preis für die ETL-Werkzeuge: Unter 100 000 Mark sind die Datensammler nicht zu bekommen: "Erst wenn viele Quellen zusammengeführt werden müssen und zahlreiche Metadaten zu verwalten sind, rechnet sich der hohe Anschaffungspreis", lautet das Resümee von Norbert Egger, Data-Warehouse-Spezialist und Geschäftsführer der IIT in der Schweiz.

Komplexität nimmt stetig zu

Doch auch innerhalb einer reinen R/3-BW-Umgebung müssen sich Anwender auf steigende Komplexität einstellen. BW kann sich als Pferdefuß entpuppen: So ist SAP auf Drängen der Kunden zunehmend bemüht, den Inhalt von Analyseanwendungen "vorzudenken" - SAP bezeichnet das als "Business Content", der im wesentlichen in Informationswürfeln ("Infocubes") vorgehalten wird. Laut Grendel stehen mit BW 2.0a mehr als 450 Reports (Queries und Arbeitsmappen) sowie über 110 Infocubes bereit - Tendenz stark steigend. Infocubes speichern zusammengehörige Daten in einem mehrdimensionalen Modell. So gibt es beispielsweise Würfel für Vertrieb, Human Resources, Finanzen, Controlling etc.

Hier warnt Analyst Bange: Der Business Content wachse mit jedem Release des BW kräftig, da SAP versuche, immer mehr Anforderungen von Kunden gerecht zu werden. "Das System wird dadurch sehr unübersichtlich und es besteht die Gefahr, Reports, die wirklich gebraucht werden, nicht zu finden." Bei der rasanten Weiterentwicklung sei das Warehouse-Tool bald so komplex zu bedienen, wie es R/3-Anwender von den mittlerweile rund 25 000 Tabellen kennen: "Die Analogie ist frappierend", meint Bange. "Ohne fremde Hilfe ist das BW dann nicht mehr beherrschbar."

SAP-Manager Grendel lässt die Kritik an dem Wildwuchs von Business Content und Infocubes nicht gelten: "Die Würfel sind fachlich nach Branchen und Anwenderrollen gegliedert, so dass die Auswahl der benötigten Bausteine erleichtert wird", hält er dagegen. Außerdem dienten die Cubes lediglich als Basis und könnten mit SAP-Tools problemlos ergänzt oder angepasst werden: "Die Häme von Mitbewerbern, die Cubes müssten weggeworfen werden, sobald externe Systeme anzubinden sind, ist unbegründet."

Excel zu schwach als Analyse-Frontend

Anlass zur Kritik gibt Anwendern das Analyse-Frontend - der von SAP mitgelieferte Business Explorer (Bex). Dieser fußt auf dem Tabellenkalkulationsprogramm "Microsoft Excel" und ist für übersichtliche Management-Grafiken nur bedingt einsetzbar und recht unflexibel, konstatiert CSC-Ploenzke-Berater Weichel. IIT-Mann Egger geht noch weiter: "Die Visual-Basic-Programmierung für das Excel-Frontend nicht zumutbar. Das geht so weit, dass ich Projekte ablehne." Sobald sich an der Datenbasis etwas ändere, sei die Anpassung und Wartung der Makros nicht mehr bezahlbar. Für ihn ist das BW im R/3-Umfeld dennoch konkurrenzlos. Wichtig sei nur die richtige Mischung von Tools: Für die Datenbeschaffung ein geeignetes ETL-Werkzeug eines Drittanbieters, den Business Content von SAP und das Frontend von einem Spezialisten wie Arcplan, MIS oder Business Objects.

Ungeachtet der Kritik ist das BW offenbar der Renner unter SAPs "New-Dimension"-Produkten. Während SAPs Anwendungen für das Customer Relationship Management (CRM) vergleichsweise wie Blei in den Regalen liegen, konnte das BW bereits 1400 mal verkauft werden, darin sind die Installationen bei den unzähligen Software- und Beratungspartner mit enthalten. Zahlen darüber, wie viele dieser Installationen in Betrieb sind, schwanken allerdings: Laut Gartner Group arbeiten etwa 100 Kunden produktiv damit(das entspricht etwa den Informationen im Sapnet, dem Intra- und Extranet der Walldorfer). Marketier Grendel nennt rund 200 Anwendungen, wobei das größte System derzeit rund 0,5 Terabyte umfassen soll.

In einem Punkt sind sich Befürworter und Kritiker einig: Mit dem BW hat SAP das Potenzial, Marktführer im Bereich Data-Warehousing zu werden. Eine Basis von über 20 000 R/3-Installationen, ein Preis-Dumping durch Bündelungstaktik à la Microsoft, die Ausdauer vieler Kunden, auf SAP warten zu können sowie die schwachen fachlichen Argumente der Konkurrenz spielen den Walldorfern auf diesem Weg zu.

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FAZIT: PRO UND KONTRA

Pro

Integration mit R/3, kurzer ETL-Prozess möglich, wenn man im Standard bleibt

Geschlossener Kreislauf, dadurch Rückkopplung mit dem Transaktionssystem R/3

R/3-Kunden können Ressourcen wie Basis-Betreuer für BW mit einsetzen

Vorgedachter Business Content (Infoobjects, Infosources, Infocubes)

Relativ rasche Implementierung

Preis: für neue SAP-Kunden in der Lizenz enthalten, Bestandskunden zahlen Aufpreis von rund 500 Mark pro User

BW ist Analyse- und Planungsbasis für New-Dimension-Produkte (Customer-Relationship- und Supply-Chain-Management, E-Commerce, Balanced Scorecards etc.)

Kontra

Geschlossenes System mit proprieträren Schnittstellen

Integration von Drittsystemen aufwendig

Abap-Kenntnisse erforderlich, für Nicht-SAP-Kunden ist das BW also eher keine Option

Performance bei großen Datenmengen (> Terabyte) ist fraglich

Präsentations-Tool im Standard nur Microsoft Excel

Stark wachsender vorgedachter Business Content erschwert die Suche nach dem gewünschten Report, Beratungsaufwand kann dadurch erheblich steigen

Analyse-Tool arbeitet als reine Rolap-Engine, Performance ist fraglich

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Hintergrundinfo: Die BARC-Studie

Das Business Application Research Center (BARC) ist aus den langjährigen

Aktivitäten am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik an der Universität

Würzburg entstanden. Es ist eine

herstellerunabhängige Institution, die Unternehmen eine praxisbezogene und fundierte Unterstützung bei der Auswahl von Anwendungen gibt.

Die aktuelle BARC-Studie "Data Warehouse" erläutert unterschiedliche Ansätze zur analytischen Datenhaltung in Unternehmen mit Ihren Vor- und Nachteilen. Erstmals wird auch SAP BW Version 2.0 im Vergleich zu 11 anderen Produkten (NCR, SAS, IBM etc.) untersucht. Die Studie kostet 1059,30 Mark, jedes weitere Exemplar bei gleichem Rechnungsempfänger 310,30 Mark.

Bestellung: Tel. 089/90 48 62-0; E-Mail: info@oxygon.de