Sapphire 2010

SAP stellt sein Geschäft neu auf

18.05.2010
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.

Die Strategie

Die neue SAP-Führung aus Jim Hageman Snabe und Bill McDermott, die nach der überraschenden Absetzung von Léo Apotheker im Februar dieses Jahres erst wenige Monate im Amt ist, setzt mit der Akquisition von Sybase gleich zu Beginn eine deutliche Duftmarke im Markt. Die Meinungen unter Analysten und Experten darüber sind allerdings geteilt. Böse Zungen sprechen von blindem Aktionismus. Andere Branchenbeobachter bewerten den Deal als zukunftsweisend und Schritt in die richtige Richtung.

Kritiker werfen SAP vor, mit der Übernahme von Problemen im Kerngeschäft ablenken zu wollen. Zuletzt hatte der Konzern durch die überraschende Erhöhung der Wartungsgebühren viel Vertrauen unter den eigenen Kunden verspielt. Darüber hinaus klagten die SAP-Anwender über immer komplexer werdende Softwaresysteme, die nur noch mit großem Aufwand zu handhaben seien. Dazu kamen in der Ära Apotheker Zerwürfnisse zwischen dem Management und der SAP-Belegschaft, speziell in der Entwicklungsabteilung. All diese Faktoren sorgten im Februar dieses Jahres dafür, dass Apotheker seinen Hut nehmen musste.

Bei all den technischen Visionen, mit denen die neue SAP-Führung an alte Erfolge anknüpfen will, müssen die frisch gebackenen CEOs weiter daran arbeiten, die Fehler der Vergangenheit auszubügeln. Hageman Snabe beteuerte auf der Sapphire, der Konzern habe in den zurückliegenden Monaten gezielt den Kontakt zu den Kunden gesucht und werde dies auch in Zukunft verstärkt tun. Außerdem arbeitet der Konzern mit Hochdruck daran, SAPs Entwicklungsmannschaft neu aufzustellen. Ziel ist es, die Entwickler wieder stärker zu motivieren sowie Ideen und Innovationen schnell in marktreife Produkte umzusetzen.

Doch nicht nur das wird Zeit brauchen. Auch die technischen Innovationen, mit denen SAP den künftigen Geschäftserfolg sichern möchte, fallen nicht vom Himmel. Gerade die oft beschworenen In-Memory-Datenbanken sind - abgesehen von einzelnen Nischenprodukten - noch weit von der Marktreife entfernt. Neben technischen Hausaufgaben müssen die SAP-Verantwortlichen ihren Kunden vor allem erklären, wo die praktischen Business-Vorteile der neuen Technik liegen. Kein Anwenderunternehmen wird seine bewährte Datenbank ausmustern, nur weil SAP eine neue Technik anbietet. Die Walldorfer müssen an dieser Stelle aufpassen, nicht die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit zu begehen. Vor Jahren hatte der ehemalige SAP-Chef Henning Kagermann gebetsmühlenartig versucht, den Anwendern die theoretischen Vorteile von Service-orientierten Architekturen näher zu bringen. Die Kunden bemängelten indes immer wieder, dass es SAP nicht gelinge, den praktischen Business-Nutzen der neuen Softwarearchitektur zu belegen.

Auch im Mobility-Sektor muss SAP noch Hausaufgaben erledigen. Zwar ist der Konzern hier in der Entwicklung ein ganzes Stück weiter und kann bereits konkrete Produkte anbieten. Der Markt bietet aus Sicht von Marktforschern jedoch viel Potenzial. Gartner zufolge wird 2013 die Zahl der weltweit eingesetzten Smartphones und Internet-fähigen Mobiltelefone mit 1,82 Milliarden Geräten die Zahl der global genutzten PCs (1,78 Milliarden Rechner) überflügeln. Mobile Endgeräte seien der neue Desktop, glaubt auch McDermott und verkündete, mit den neuen Techniken würden sich die Spielregeln im gesamten Markt verändern.

Wie der Konzern, der nach der Sybase-Übernahme rund 100.000 Firmennamen auf seiner Kundenliste zählt, in Zukunft eine Milliarde Nutzer erreichen will, ist noch ein Rätsel, zumal Anwender mehr denn je auf die IT-Kosten achten. Kein Unternehmer wird für seine gesamte Belegschaft vollwertige SAP-Lizenzen inklusive nachfolgender Wartungsgebühren einkaufen, wenn das Gros der mobilen SAP-Nutzer nur einzelne, dedizierte Prozessschritte mit der mobilen Anwendung abwickelt. SAP wird daher seine Lizenzmetriken nachbessern und deutlich flexibilisieren müssen, um die Kunden von seinen Visionen zu überzeugen.