SAP sorgt für Aufruhr im weltweiten ERP-Geschäft

24.09.2007
Der Mittelstandsvorstoß von SAP stößt auf ein zwiegespaltenes Echo im Markt. Während sich die Analysten vorsichtig optimistisch zu Business ByDesign (vormals A1S) äußerten, hat die Konkurrenz erwartungsgemäß nur Häme für den Branchenprimus übrig.

SAPs Ankündigung, mit "Business ByDesign" ab dem kommenden Jahr ein komplettes Business-Software-Paket zur Miete anzubieten, hat die Branche aufgewirbelt (siehe auch: SAP lüftet Geheimnis um neue Mittelstandssoftware). Nach langer Geheimniskrämerei hatten die SAP-Verantwortlichen erst vor wenigen Tagen den Schleier über ihrer neuen Mittelstandsofferte gelüftet. Ab Anfang des kommenden Jahres will der ERP-Weltmarktführer (Enterprise Ressource Planning) eine On-Demand-Lösung anbieten, deren Funktionsspektrum alle Geschäftsanforderungen von Unternehmen abdecken soll. Der Preis werde bei 133 Euro pro Nutzer und Monat liegen, hieß es.

Lawson: "Desaster ByDesign"

Die Reaktionen, die diese Ankündigung im weltweiten Softwaremarkt hervorrief, reichen von Begeisterung bis hin zu offenem Spott. "SAPs Business ByDesign erinnert mich eher an Desaster ByDesign", lästert beispielsweise Friedbert Schuh, General Manager des ERP-Anbieters Lawson in Central Europe. Das Paket sei ein Ersatz für das ERP-Einstiegspaket SAP Business One. Keine Aussagen zur Verfügbarkeit, Partnerkonflikte und fehlende Migrationsperspektiven machten das SAP-Produkt zudem für den Mittelstand unattraktiv. Mittelständler benötigten eine an ihre spezifischen Bedürfnisse angepasste Softwarelösung, die sich außerdem zügig und günstig implementieren lasse. "Business ByDesign sehen wir als Mogelpackung, bei der schnell mehr als 200.000 Euro auf fünf Jahre gesehen zusammenkommen, und das bei einem limitierten Funktionsumfang."

"Die zuletzt von SAP verkündete A1S-Saga ist ein weiteres Zeichen der Identitätskrise des Konzerns", stößt Alastair Sorbie, CEO von IFS, ins gleiche Horn. Business ByDesign stehe zudem mit den anderen Mittelstandsprodukten der SAP in extremer Konkurrenz. Keine dieser Lösungen werde darüber hinaus den Anforderungen der adressierten Klientel gerecht. Mittelständler benötigten flexible, passende und sichere Produkte – "keine fadenscheinigen Angebote von Trittbrettfahrern."

Ein Grund für die Breitseiten der Konkurrenz könnte jedoch auch darin liegen, dass diese sich durchaus Sorgen um die eigenen ERP-Claims machen. Die Analysten der Experton Group gehen jedenfalls davon aus, dass alle bestehenden Business-Software-Anbieter in diesem Segment unter erheblichen Druck geraten werden, sollte Business ByDesign kurzfristig wie erwartet von den Anwendern angenommen werden.

SaaS kommt auf Touren

Nach Einschätzung der Experton Group wird die Affinität der Anwender in Deutschland gegenüber Software-as-a-Service-Angeboten größer. Derzeit taxieren die Experten das Gesamtvolumen dieses Geschäfts hierzulande auf 270,5 Millionen Euro. Bis 2010 soll dieser Markt auf ein Volumen von 577 Millionen Euro anwachsen. Weltweit soll der SaaS-Umsatz von 4,6 Milliarden Dollar in diesem Jahr auf 9,1 Milliarden Dollar im Jahr 2010 ansteigen. In Deutschland wird soll Ansicht der Experton Group das ERP-on-Demand-Geschäft von derzeit 9,5 Millionen Euro im Jahr auf 108,5 Millionen Euro explodieren. Weltweit würden die Geschäfte mit vermieteten ERP-Suiten von 138 Millionen Dollar im laufenden Jahr auf knapp 1,26 Milliarden Dollar in drei Jahren anwachsen. Das sind zwar respektable Wachstumsraten, allerdings machen Softwareservices derzeit nur einen marginalen Anteil am gesamten Softwaregeschäft aus. So werden die Softwareanbieter aus Sicht der Experton Group hierzulande in diesem Jahr insgesamt 18,8 Milliarden Euro umsetzen. Die 270,5 Millionen Euro aus dem SaaS-Geschäft sind gerade einmal 1,4 Prozent davon.

"Konzept und Produkt sind absolut beeindruckend und treffen den Bedarf der Anwender", begeistert sich Andreas Zilch, Experton Group Lead Advisor, über SAPs Software-as-a-Service-Initiative (SaaS). Damit werde sich dieses Konzept zumindest mittelfristig durchsetzen und einen Paradigmenwechsel im Segment der Business Software einläuten. Darüber hinaus hebt die Experton Group vor allem die vereinfachte Konfiguration sowie die tiefe Integration der einzelnen Bestandteile Financial Management, Human Resources (HR), Customer Relationship Management (CRM), Supplier Relationship Management (SRM), Supply Chain Managment (SCM), Project Management, Compliance Management und Executive Management Support.

SAP lässt Fragen offen

"Konzept und Produkt sind absolut beeindruckend und treffen den Bedarf der Anwender", meint Andreas Zilch, Experton Group Lead Advisor, zu Business ByDesign.
"Konzept und Produkt sind absolut beeindruckend und treffen den Bedarf der Anwender", meint Andreas Zilch, Experton Group Lead Advisor, zu Business ByDesign.

Allerdings gibt es aus Sicht der Analysten auch das eine oder andere Fragezeichen, das SAP noch auflösen muss. Beispielsweise sei die tatsächliche Verfügbarkeit von SAP Business ByDesign für den Gesamtmarkt weiterhin offen. Es sei enttäuschend, dass SAP bei einem solchen Announcement keine festen Daten nennen kann, moniert Zilch. "Hier zeigt sich die noch immer bestehende Verunsicherung innerhalb von SAP." Die Aussage des Konzerns, noch den wirtschaftlichen Hintergrund abklopfen zu müssen, sei unbefriedigend. Vielmehr vermuten die Experten, dass der Softwareanbieter noch technische Probleme beispielsweise in Sachen Skalierbarkeit lösen sowie die endgültige Vertriebs- und Partnerstrategie festlegen muss.

Bislang ist die Rolle der Partner nach Einschätzung der Experton Group nicht geklärt. Auf der anderen Seite benötigen die Kunden Hilfe beim Customizing der Lösung sowie bei der Übernahme der bestehenden Daten und Systeme – Aufgaben die im Mittelstand meist von kleineren Softwarepartnern und Systemhäusern übernommen werden. Zudem bleibt aus Sicht der Analysten die Abgrenzung von Business ByDesign zu den anderen Mittelstandsprodukten der SAP Business One und Business All in One bis dato schwammig. Auch die Migrationsmöglichkeiten seien bislang nur ungenügend diskutiert worden.

Experton Group: SAP darf sich mit Business ByDesign nicht irritieren lassen

"SAP hat mit Business ByDesign nur einen Versuch", warnt Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications von IDC.
"SAP hat mit Business ByDesign nur einen Versuch", warnt Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications von IDC.

Trotz dieser Kritik glaubt die Experton Group SAP auf dem richtigen Weg, sofern sich der Konzern langfristig orientiere, massiv investiere und sich nicht von eventuellen Verzögerungen und vermeintlichen Misserfolgen irritieren lasse. SAP habe beim Wechsel von R/2 auf R/3 schon einmal einen Paradigmenwechsel erfolgreich durchgezogen. Allerdings handle es sich bei Business ByDesign um eine ungleich größere Herausforderung, warnen die Experten.

"SAP hat mit Business ByDesign nur einen Versuch", meint Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications von IDC. Damit erklärt der Branchenkenner den aus seiner Sicht vorsichtigen, wenn nicht gar zögerlichen Markteintritt des ERP-Marktführers. SAP müsse aufpassen, sich nicht bestehendes Geschäft kaputt zu machen. Spies geht jedoch davon aus, dass sich dies in einem gewissen Umfang nicht zu vermeiden sei. Auch der IDC-Analyst verweist auf die bislang ungeklärte Rolle der Partner. Allerdings sei ein funktionierendes Partner-Ökosystem elementar für die SAP. Den Preis bezeichnet Spies in Verbindung zum avisierten Funktionsumfang als aggressiv. Es bleibe jedoch abzuwarten, wie umfangreich das Spektrum tatsächlich sein wird.

SAP muss langfristig planen

Über den möglichen Erfolg von Business ByDesign äußern sich die Analysten nur vorsichtig. Aus Sicht der Experton Group seien kurzfristig keine signifikanten Umsatzanteile von dem neuen Geschäft zu erwarten. Erfolge würden sich frühestens ab 2009 einstellen. Sollte die Strategie allerdings aufgehen, dann könnte SAP die eigenen Ziele deutlich übertreffen. Statt der für 2010 anvisierten 10.000 Business ByDesign-Kunden könnten dann auch 20.000 Unternehmen die Mietlösung einsetzen, was für den Konzern ein zusätzliches Umsatzpotenzial von etwa einer Milliarde Dollar bedeuten würde.

Von seinem Gesamtziel, in drei Jahren 100.000 Firmennamen auf seiner Kundenliste zu zählen, wird sich der Konzern allerdings verabschieden müssen, glaubt Christian Hestermann, Research Director von Gartner. (ba)