Tipps zur indirekten Nutzung

SAP - Freund oder Feind?

Als Geschäftsführer der ConSalt Unternehmensberatung GmbH befasst sich Dr. Jan Hachenberger mit den Herausforderungen von CIOs im digitalen Wandel und berät mittelständische Unternehmen und internationale Konzerne in den Themenfeldern IT Innovationsagenda, Cloud Transition, IT Service Management sowie zu IT und Software Asset Managements. Neben seiner beruflichen Tätigkeit ist er als Dozent auf nationalen wie internationalen Kongressen, zum Beispiel IAITAM, anzutreffen.
Meldungen über Klagen der SAP gegen verschiedene Unternehmen haben viele Anwender aufgeschreckt. Immer geht es um indirekte Nutzung von SAP-Software und zugleich um viel Geld. Doch was ist eigentlich indirekte Nutzung, wie kann sie festgestellt und korrekt lizenziert werden?

Über viele Jahre hinweg war das Verhältnis zwischen SAP und ihren Anwendern von einem hohen Maß an Vertrauen geprägt. Die Unternehmen, die auf SAP-Software setzten, waren sich bewusst, dass die tiefe Integration von SAP in die Unternehmensprozesse mit Abhängigkeiten zu dem Softwarehersteller verbunden war, nahmen dies aber billigend in Kauf - zumal damit auch andere Optionen zur Verfügung standen, beispielsweise die Möglichkeit, SAP-Lösungen individuell an konkrete Anforderungen im Unternehmen anpassen zu können.

Um Ärger mit SAP zu vermeiden, sollten Anwender genau zählen, wer oder was wie oft auf SAP-Software zugreift.
Um Ärger mit SAP zu vermeiden, sollten Anwender genau zählen, wer oder was wie oft auf SAP-Software zugreift.
Foto: Capslock - shutterstock.com

Auf der anderen Seite unterstützte SAP die Unternehmen, indem der Softwarehersteller ihnen bei der Integration und Anpassung der Software zur Seite stand, ihnen preislich entgegenkam oder Lizenzbestimmungen anbot beziehungsweise akzeptierte, die vom üblichen Standardangebot abwichen, dafür aber besser auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten waren. Mit dieser Strategie hat sich SAP über die Jahre zum Marktführer für ERP Software entwickelt.

Doch in Zeiten, in denen auch eine SAP gezwungen ist, gegenüber Aktionären regelmäßig Erfolge nachweisen zu müssen, sucht der größte deutsche Softwarehersteller intensiv nach neuen Einnahmequellen. Neben Umsätzen aus dem Verkauf weiterentwickelter Software oder neuer Produkte, zum Beispiel S/4 Hana, könnte SAP durch der Erhöhung der Softwarepflegegebühren oder der Kosten für Supportverträge zusätzliche Einnahmen realisieren.

Steigen die Wartungsgebühren, sehen Anwender rot

Zumindest die letzte Option ist immer wieder in Diskussion, würde aber große Teile der SAP-Kundschaft schmerzhaft treffen und erheblichen Druck in Richtung SAP aufbauen. Man erinnere sich nur an die Ankündigung der Erhöhung der Wartungsgebühren im Jahr 2008. Damals entstand quasi über Nacht eine Protestbewegung, die das SAP-Management zwang, die Erhöhung der Wartungsgebühren auszusetzen. Die Wartungsgebühren wurden später zwar erhöht, allerdings in kleineren Schritten.

Da aber mit dem Verkauf von Software, und sei sie noch so innovativ, nicht das gewünschte Umsatzwachstum realisiert werden kann - hier hat SAP ihre Kunden auf Grund der starken Integration in Unternehmensprozesse regelrecht konditioniert, die Software nur dann anzupassen oder neue Komponenten einzuführen, wenn es durch Prozessanpassungen notwendig wird - und Wartungsgebühren nur moderat erhöht werden können, bleibt SAP scheinbar keine andere Option, als nach alternativen Einnahmequellen zu suchen.

So wie andere Softwarehersteller - wenn auch mit einiger Verspätung - hat SAP damit begonnen, Kunden zu auditieren. Und damit ist nicht die regelmäßig stattfindende Systemvermessung (License Administration Workbench: LAW) gemeint. Auch das ist sicherlich ein Mechanismus, mit dem SAP sicherstellt, dass Unternehmen für den Einsatz von SAP Software die entsprechenden Lizenzgebühren abführen. Allerdings ist der Vermessungsprozess limitiert.

Wenn schon Audit, dann richtig

Mit der Durchführung von Audits signalisiert SAP, dass es offenbar stärkerer Kontrollen bedarf, um insbesondere die Nutzung individuell vereinbarter Lizenztypen oder die indirekte Nutzung von SAP-Software festzustellen und die betroffenen Kunden hierfür bezahlen zu lassen. Begleitet werden die Audit-Aktivitäten von SAP von einzelnen Eskalationen, im Rahmen derer SAP Kunden bei Feststellung eines Lizenzverstoßes und erfolgloser Einigung zur Nachlizenzierung auf Schadensersatz verklagt. Da dies in der Vergangenheit nie der Fall war oder zumindest nicht an die Öffentlichkeit geraten ist, schlagen die aktuell durch die Presse gehenden Streitfälle umso größere Wellen in der SAP Anwenderlandschaft.

Erst gingen im Februar 2017 Meldungen durch die Presse, wonach Diageo, ein weltweit tätiger Hersteller alkoholischer Getränke, von SAP auf die Zahlung von über 50 Millionen Euro verklagt wird. Im April 2017 wurde dann bekannt, dass ebenfalls im Februar 2017 SAP gegenüber der AB Inbev, der größten Brauereigruppe der Welt, eine Forderung in Höhe von mehr als 500 Millionen Euro erhoben hat. Im ersten Fall ist der Grund der Forderung bekannt. Es geht um unlizenzierte indirekte Nutzung von SAP. Im zweiten Fall ist die getroffene Formulierung der AB Inbev unspezifischer, aber auch hier wird auf indirekte Nutzung verwiesen (Seite 154):

"SAP Arbitration On 21 February 2017, SAP America, Inc. ("SAP") commenced an arbitration in New York against Anheuser-Busch Companies, LLC pursuant to the Commercial Arbitration Rules of the American Arbitration Association. The statement of claim asserts multiple breaches of a 30 September 2010 Software License Agreement (together with related amendments and ancillary documents, the "SLA") based on allegations that company employees used SAP systems and data-directly and indirectly-without appropriate licenses, and that the company underpaid fees due under the SLA. The statement of claim seeks both reformation of the SLA in certain respects and also damages potentially in excess of USD 600 million. We intend to defend against SAP's asserted claims vigorously."

Alles eine Frage der Nutzung

Der eine oder andere SAP-Kunde wird sich angesichts dieser Streitfälle fragen, was als indirekte Nutzung von SAP-Software anzusehen ist, und warum SAP auf eine Lizenzierung indirekter Nutzung besteht. Im Verständnis von SAP bezeichnet Nutzung ...

"… die Ausführung der Prozessfunktionen der Software, das Laden, das Ausführen, der Zugriff auf, die Verwendung der Software oder das Anzeigen von Daten, die aus diesen Funktionen hervorgehen. Die Nutzung kann über eine Schnittstelle, die mit der Software oder als Teil der Software ausgeliefert wurde, über eine Schnittstelle des Auftraggebers oder eines Drittanbieters oder über ein anderes zwischengeschaltetes System erfolgen."

Die Nutzung von SAP-Software wird in der Regel über sogenannte Packages und "SAP Named User" lizenziert. Abhängig von der Lizenzierungsmetrik des Packages müssen entsprechende Nutzungsrechte im Umfang der Package-Nutzung sowie entsprechende SAP-Named-User-Nutzungsrechte erworben werden. In der SAP Preis- und Konditionenliste werden unterschiedliche Typen von Named Usern definiert. Der einem Nutzungsszenario entsprechende Nutzertyp ist insbesondere abhängig von der Art der Nutzung durch den Endanwender. Entsprechend der Nutzung können auch Dritte, zum Beispiel Geschäftspartner, Kunden und Lieferanten, einer Named-User-Lizenzierungspflicht unterliegen.

Was ist indirekte Nutzung

Bei indirekter Nutzung erfolgt die Nutzung - wie die Bezeichnung bereits nahelegt - nicht durch direkten Zugriff auf SAP-Funktionen, über die SAP-Standardbenutzeroberfläche oder durch Verwendung der Login-Daten des zugreifenden Endanwenders. Vielmehr erfolgt der Zugriff über eine Schnittstelle oder durch eine Non-SAP-Applikation. Diese Non-SAP-Applikation kann dabei ohne eine Verbindung zur SAP-Software nicht den vollen Nutzen entfalten beziehungsweise ist in ihren Funktionen eingeschränkt. Häufig genutzte Technologien zur Verbindung von SAP-Funktionalität mit Non-SAP-Applikationen sind RFCs (Remote Function Calls), BAPIs (Business Application Programming Interfaces) oder SAP WebServices.

Eine andere Variante indirekter Nutzung stellt der Datenaustausch zwischen Non-SAP-Applikationen beziehungsweise Non-SAP-Funktionalität mit SAP-Systemen dar. Dabei kann es dazu kommen, dass Endanwender ausschließlich die Funktionalität der Non-SAP-Applikation nutzen, diese Non-SAP-Applikation jedoch im Hintergrund lesend beziehungsweise schreibend auf ein SAP-System zugreift. In diesen Fällen sind SAP Named User Lizenzen zu erwerben, da SAP Datenverarbeitungsfunktionalitäten genutzt werden, die zum Beispiel die technische oder betriebswirtschaftliche Konsistenz von Daten im Unternehmen ermöglichen beziehungsweise absichern. Insbesondere wenn die Non-SAP-Applikation zumindest teilweise von in SAP (vor-)verarbeiteten oder in SAP gehaltenen Daten abhängt, und eine Schnittstelle zwischen diesen Systemen besteht, ist von einer kostenpflichtigen Nutzung im Sinne der Notwendigkeit von Named-User-Lizenzen auszugehen.

Als weitere Varianten indirekter Nutzung gelten zum einen die Verwendung interaktiver (dynamischer) Formulare, die Endanwendern die Möglichkeit zur Anzeige von in SAP gehaltenen und verarbeiteten Daten beziehungsweise zur Eingabe von Daten in SAP geben, und zum anderen der Zugriff einer Non-SAP-Applikation auf SAP Funktionalität. Wird zum Beispiel im Rahmen eines Non-SAP-basierten Bestellprozesses eine SAP basierte Verfügbarkeitsprüfung eines Artikels oder eine Kreditprüfung durchgeführt, wird SAP indirekt genutzt.

Zu guter Letzt gilt für Geräte, die ihrerseits eine Verarbeitung von Daten in SAP auslösen, eine Lizenzpflicht. Beispiele hierfür sind Barcode Scanner, die Warenein- oder -ausgänge in SAP-basierten Bestandverwaltungssystemen auslösen. Die SAP Preis- und Konditionenliste deckt einige Szenarien durch das Angebot entsprechender transaktionsbasierter Nutzungsrechte ab. Aufgrund der Vielfalt möglicher Szenarien und deren fortlaufende technische Weiterentwicklung, man denke in diesem Zusammenhang an Entwicklungen rund um IoT, ist es allerdings auch nicht überraschend, dass SAP in der Preis- und Konditionenliste nicht alles abschließend festschreibt.