Web

 

Rückblick: Das IT-Jahr 2000 (2)

28.12.2000
Zwischen den Jahren wirft Computerwoche online wie versprochen einen ausführlichen Rückblick auf das IT-Jahr 2000. Im heutigen zweiten Teil: März, April und Mai.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Zwischen den Jahren wirft Computerwoche online wie versprochen einen ausführlichen Rückblick auf das IT-Jahr 2000. Im heutigen zweiten Teil: März, April und Mai.

MÄRZ

Bundeskanzler Gerhard Schröder bewilligt 20.000 Green Cards und erobert sich damit die Herzen der High-Tech-Unternehmer. Obwohl der Vorstoß noch einige Schönheitsfehler aufweist, wie etwa die Begrenzung der Anstellung ausländischer Mitarbeiter auf fünf Jahre, findet der Vorstoß breite Unterstützung. Nun muss sich allerdings zeigen, ob die deutschen Unternehmen tatsächlich für Entwickler aus Osteuropa und Asien attraktiv sind.

Ausverkauf bei 3Com. Nach der Ausgliederung der Handheld-Tochter Palm will sich das Unternehmen jetzt auch noch von dem Geschäft mit Modems und Switches trennen. Außerdem müssen einige tausend Mitarbeiter gehen. Das Management hat sich offensichtlich bei dem Vorhaben überhoben, als End-to-End-Anbieter gegen Cisco anzutreten und konzentriert sich zunehmend auf Konsumerprodukte von Web-Kameras bis zu Netzwerk- und PC-Karten. Auch die Trennung vom Highend-Networking-Geschäft deutet auf eine derartige Strategie, obwohl 3Com für das Großkundengeschäft noch einige Feigenblätter, sprich Switches, im Angebot behält.

Seit Februar steht das Debis Systemhaus zum Verkauf. Als Käufer waren Siemens Business Services (SBS), CSC Ploenzke, Cap Gemini und die IBM im Gespräch. Den Zuschlag erhält jedoch die Deutsche Telekom, die nach ihrem Börsengang über eine gut gefüllte Kriegskasse verfügt.

Der Hype für Application Software Providing (ASP) erreicht seinen Gipfel. Die SAP kündigt ein eigenes Tochterunternehmen für diesen Geschäftszweig an. Und selbst Microsoft, bislang jeder Verlagerung der Rechenleistung vom Client zum Server abhold, bekundet vage Absichten, Angebote auf Basis von Windows 2000 anzubieten. Während Microsofts ASP-Projekt auf Unglauben stößt, gibt das SAP-Engagement Anlass zu Spekulationen über ein mögliches Versiegen der bisherigen Einnahmequellen. Darauf deutet auch, dass sich SAP durch eine Allianz mit Clarify Know-how für Customer-Relationship-Management (CRM) ins Haus holt.

Onlineshopping kommt ins Gerede. Eine Umfrage von Boston Consulting bei 12.000 Konsumenten fördert zu Tage, dass fast die Hälfte über missglückte Einkaufsversuche klagen. Das ist insofern ein Alarmzeichen, als 28 Prozent der unzufriedenen Kunden angaben, die entsprechende Site nie wieder besucht zu haben. Das Hauptproblem ist, dass ein langsamer Seitenaufbau und eine unübersichtliche Struktur die Geduld der Surfer bei der Suche nach den gewünschten Produkten überstrapazieren.

Die Schnäppchenjagd im Web kann teuer kommen. Immer öfter beklagen sich Kunden, dass selbst bei Internet-Einkaufsgemeinschaften à la Letsbuyit.com höhere Preise zu zahlen seien als im Laden. Dabei soll der Zusammenschluss helfen beim Hersteller Mengenrabatte zu bekommen.

General Motors, Ford und Daimler-Chrysler beschließen den Aufbau eines gemeinsamen Online-Marktplatzes für Zulieferer und Händler mit der Bezeichnung Covisint. Die Technik kommt von Oracle, Commerce One und Cisco Systems. Das Einkaufsvolumen auf dem für November geplanten Marktplatz soll jährlich 240 Milliarden Dollar betragen. Die Zusammenarbeit der Konkurrenten erregt den Verdacht der Wettbewerbshüter, der sich aber bis zum Herbst ausräumen lässt. Bis Ende des Jahres ist von dem für November angekündigten Marktplatz nicht viel mehr als eine Demo-Version zu sehen.

Krach bei Fujitsu-Siemens. Seit der Fusion im Oktober 1999 hat das Unternehmen zwischen Verluste in Höhe von 60 bis 70 Millionen Euro angehäuft. Geschäftsführer Winfried Hoffmann und President Robert Hoog ziehen jetzt die Konsequenzen und nehmen ihren Hut. Neuer Chef wird der Siemens-Manager Paul Stodden.

APRIL

Schuldig: Microsoft, so das Gericht, hat seine Monopolstellung bei PC-Betriebssystemen missbraucht. Noch steht das Strafmaß nicht fest. Kurz darauf ordnet der Richter, wie vom US-Justizministerium und den 17 gegen Microsoft klagenden Bundesstaaten die Zerschlagung des Konzerns an. Microsoft will Berufung einlegen. Der seit Mai 1998 laufende Prozess wird sich also noch eine Weile hinziehen.

Das Ende Dotcom-Booms ist gekommen. Erst jetzt ist klar, dass Mitte März der Zenith der Börsenbewertungen von Internet-Firmen überschritten wurde. Binnen eines Monats fällt der Index der Technologie-Börse Nasdaq um 30 Prozent. Jetzt melden sich die Marktforscher zu Wort, die es schon immer besser gewusst haben wollen. Gartner-CEO Michael Fleisher verkündet nun, dass 95 bis 98 Prozent der Dotcoms in den kommenden zwei Jahren untergehen oder übernommen werden. Viele der Startups hätten keine seriösen Business-Pläne, überschätzten die Technik und gäben viel zu schnell viel zu viel Geld aus. Dabei haben jene Dotcoms, die übernommen werden noch Glück. Am härtesten trifft es nun die jungen Unternehmen, denen die Finanzanalysten zu einem raschen Wachstum geraten haben, und deren Finanziers nun angesichts der hohen Investitionen kalte Füße bekommen. Plötzlich fordern Geldgeber, denen es bislang nichts ausmachte, wenn die Verluste einer Firma deren Umsatz überstiegen, schwarze Zahlen. Auch viele Venture-Kapitalisten fühlen sich nicht mehr an ihre Finanzierungszusagen gebunden und lassen ihre einstigen Zöglinge wie heiße Kartoffeln fallen.

"Ich will nie wieder von Problemen bei Strato hören", tönt Xlink-Chef Koen Bertoen noch im Februar auf der CeBIT. Sein Unternehmen ist für die technische Infrastruktur des Web-Hosters zuständig. Doch die Pannenserie findet kein Ende. Allein für den März werden elf Störfälle gemeldet. Hinzu kommt, dass das Unternehmen nun auch noch von der Kündigungswelle überfordert ist. So berichten Kunden, dass der Umstieg auf einen anderen Hoster derzeit mehrere Monate dauern kann.

Die EU sieht sich auf der Überholspur. Auf dem Beschäftigungsgipfel der Europäischen Union wird großspurig beschlossen die USA wirtschaftlich zu überholen. Ein zentrale Rolle soll dabei die Internet-basierte Wissensgesellschaft spielen.

DER EU-ZEITPLAN

Schaffung des rechtlichen Rahmens für den elektronische Geschäftsverkehrs noch in diesem Jahr.

Schaffung eines vollständig integrierten und liberalisierten TK-Markts bis Ende 2001.

Senkung der Kosten für den Internet-Zugang durch mehr Wettbewerb noch vor Ende 2000.

Internet-Zugang für alle Schulen bis 2001., Ausbildung der Lehrer bis 2002.

Onine-Zugang zu den wichtigsten Diensten der öffentlichen Hand bis 2003.

Hochgeschwindigkeitsnetze für alle europäischen Länder.

Mal wieder Strategiewechsel bei Novell: Diesmal erhofft sich der Netzwerkspezialist das Heil von der "Directory Enabled Net Infrastructure" (Denim). Wie kaum anders zu erwarten stehen die hauseigenen Directory Services im Zentrum einer Vision, bei der LAN, WAN und Internet nur noch als ein Netz wahrgenommen werden sollen. Unterstützung findet das Konzept bei Lucent, IBM, Sun und Texas Instruments.

Das Desaster bei Baan will kein Ende nehmen. Die ersten drei Monate dieses Jahres reihen sich nahtlos an die vorhergehenden sechs verlustreichen Quartale. Diesmal liegt der Verlust bei 26 Millionen Dollar gegenüber 19 Millionen im gleichen Vorjahreszeitraum. Nun will sich das Unternehmen auf seine Ursprünge im Produktions- und Fertigungssektor besinnen und zum wiederholten Male drastische Sparmaßnahmen durchführen. Inzwischen sucht das einst als SAP-Herausforderer apostrophierte Unternehmen einen Käufer.

Comet ist verglüht: Die seit rund einem Jahrzehnt dahindümpelnde betriebswirtschaftliche Software "Comet" ist am Ende. Die einst stolze Kundenbasis von 50.000 schmolz seit der Fusion von Nixdorf und Siemens DI zu Siemens-Nixdorf mit jedem Besitzerwechsel auf zum Schluss etwa 6000 User dahin. Nun hat die Comet AG die Betriebsstillegung der Q.4 IBS bekannt gegeben, deren Entwickler-Mannschaft zuletzt versuchte der Uraltsoftware eine Internet-Aufmachung zu verpassen.

MAI

I love you: Digitale Liebesgrüße aus Manila zogen eine Spur der Verwüstung durch das weltweite Datennetz. Eine Visual-Basic-Script-Datei im E-Mail-Anhang zerstört Bild- und Musikdateien und verschickt sich selbst an alle in Outlook-Adresslisten verzeichneten User. 50 Millionen Rechner sind betroffen, die Schäden werden auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt. In den USA werden die zum Beispiel die Rechner des Automobilherstellers Ford in Detroit lahm gelegt, hierzulande gehörten Microsoft, Siemens und BMW zu den Opfern. Kritiker sehen die Schuld nicht nur bei den Virenproduzenten, sondern auch bei Microsoft, dessen E-Mailsystem Anhängen den Zugriff auf die Festplatte erlaubt. Davon unabhängig demonstriert der Vorfall die Anfälligkeit mit E-Mail arbeitenden Weltwirtschaft.

Schwache PC-Nachfrage in Europa: Die Umsatzerlöse sind im ersten Quartal dieses Jahres von 9,3 auf 8,5 Milliarden Dollar zurückgegangen. Eigentlich hatten die Hersteller nach der Kaufzurückhaltung wegen der Datumsumstellung ein Anziehen des Geschäfts erwartet. Insider munkeln bereite von einer sich andeutenden Marktsättigung, die dann allerdings in den USA stärker hätte zu Buch schlagen müssen, wo man vermutet, dass in 60 Prozent aller Haushalte Computer laufen.

Logistik-Marktplatz für PC-Hersteller: Die Computerbranche folgt dem Vorbild der Automobilhersteller und beschließt den Bau eines virtuellen Marktplatzes zur Einbindung ihrer Zulieferer. Die Initiatoren sind HP, Compaq, AMD, Gateway, Hitachi, Infineon, Samsung, NEC, Quantum, SCI Systems, Western Digital und Loectron. Die IBM winkt ab.

Bewegung am Markt für Handheld-Computer: Der Palm bekommt zunehmend Konkurrenz. Nach ersten wenig erfolgreichen Anläufen Konkurrenzprodukte auf Basis von Windows CE herauszubringen, hat Microsoft sein Mini-Betriebssystem überarbeitet. Damit und mit einem bunten Display sollen nun die neuen Geräte von Casio, Compaq und HP den Durchbruch bringen. Am ähnlichsten ist dem Vorbild Palm jedoch der von Handspring angebotene "Visor". Ungewöhnlich ist, dass sich dieses Marktsegment in den USA völlig anders entwickelt als in Europa. Während jenseits des großen Teiches Internet- und Sprachfähigkeit in die Handheld-Computer einfließen, bauen die Anbieter auf dem alten Kontinent Handys mit den Internet-Features und Funktionen wie Terminplanern und Adressbüchern aus.

Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen in Großbritannien kostet die fünf Sieger insgesamt 75 Milliarden Mark. Bundesfinanzminister Hans Eichel hofft für Deutschland auf einen ähnlich warmen Geldregen. Die zwölf hiesigen Bewerber jedoch machen sich Sorgen um die Kosten für die Frequenzen, die ihnen den Weg zum Geschäft mit Internet-Handys bahnen sollen.

SAP holt sich Hilfe. Die Walldorfer beerdigen ihre Pläne die Internet-Technik des Mysap.com-Marktplatzes selbst zu entwickeln. Stattdessen holt man sich die Systeme von Marktführer Commerce One ins Haus. Ähnlich schwer tut sich das Unternehmen offensichtlich auch bei der Entwicklung einer Software für Customer Relationship Management (CRM). Hier soll die Nortel-Tochter Clarify insbesondere mit ihrer Call-Center-Lösung helfen SAP-Schwächen zu beheben.

Standardsoftware-Anbieter J.D. Edwards zieht die Notbremse. Nach dem Rücktritt von CEO Doug Massingill Ende April und einer Gewinnwarnung Anfang Mai steht nun eine Umstrukturierung des Unternehmens an. Man trennt sich von rund 13 Prozent seiner Mitarbeiter sowie von seinen ASP-Ambitionen.

Das Geschäftsmodell der Application Software Provider (ASP) kommt nicht in die Gänge. Nach über einem Jahr massivem Marketing und gewaltigen Wachstumsprognosen stellt sich Ernüchterung ein. So erscheinen auf einer ASP-Konferenz in Dänemark nur 13 von 500 angekündigten Anwendern. Doch die Analysten bleiben dabei: Europa ist reif für diesen Markt.

Shakeout bei virtuellen Marktplätze: Das Marktforschungsinstitut ARM Research sagt den meisten der rund 600 amerikanischen Online-Märkten das baldige Ende voraus. Diese Prognose deckt sich mit denen vieler Insider, die ebenfalls der Meinung sind, dass sich je Branche nur ganz wenige dieser Marktplätze etablieren werden. Hinzu kommt, dass die jetzt existierenden Systeme meist sowohl technisch als auch vom Geschäftsmodell unausgereift sind. Vollständige Geschäftstransaktionen vom Angebot über Auslieferung bis Bezahlung sind nur in wenigen Ausnahmefällen möglich.

Die Branche erkennt die Bedeutung von Integrations-Werkzeugen. Web-Systeme und Marktplätze müssen untereinander und mit der Unternehmens-DV integriert werden. Hier findet hinter den Kulissen derzeit der Löwenanteil der Arbeit von IT-Spezialisten statt. Die Bedeutung der dafür nötigen Werkzeugen zeigen zwei milliardenschwere Übernahmen durch Webmethods und Vignette. Die auf Anbindung von Web-Handelsplätzen spezialisierte Webmethods Corp. legt sich für 1,3 Milliarden Dollar in Aktien Actice Software zu, einen Spezialisten für Enterprise Application Integration (EAI). Webmethods´ Konkurrent Ondisplay wird derweilen für 1,28 Milliarden Dollar - ebenfalls in Aktienwährung - von Vignette geschluckt.

In Hannover beginnt die Expo 2000, die unter dem Motto Mensch, Natur, Technik steht. IT-Themen spielen dabei eher die Rolle von Infrastruktur, die man braucht, um zu überlegen wohin die Reise in die Zukunft gehen soll. So zumindest sieht es die IBM-Projektleiterin für den "Planet of Visions". Dazu passt, dass auch in anderen Ausstellungsbereichen Wissen und Vernetzung von Wissen im Vordergrund stehen und nicht die technischen Applikationen.

Spätestens mit dem Bankrott von Boo.com hat das Dotcom-Sterben nun auch Europa erreicht. Miss-Management und eine überladene Website gelten als Grund für das Ende des Internet-Modehauses. Nutznießer der Konsolidierung bei den Internet-Startups sind unter anderen die großen IT-Unternehmen. Sie können nun preisgünstig mit den Dotcoms fehlendes Know-how aufkaufen.

Das EU-Parlament verabschiedet die Richtlinie zum elektronischen Geschäftsverkehr. Ziel ist die Erhaltung der Freizügigkeit für den europaweiten Handel auch über das Netz. Allerdings müssen die Online-Händler ihren Kunden Kontaktmöglichkeiten garantieren und ihre Adresse mitteilen.

Datenschutz ist in den USA ein heiß diskutiertes Thema, seit die Pläne der Internet-Werbeagentur Doubleclick bekannt wurden, die Messungen des Surfverhalten mit personenbezogenen Daten zu verknüpfen. Proteste von Surfern, Kunden und Aktionären zwangen die Internet-Werbeagentur Doubleclick im März von ihren Plänen abzurücken. Doch die damit lassen sich die Wogen nicht glätten. Um gesetzliche Datenschutzvorgaben zu verhindern, tun sich nun vor allem renommierte IT-Anbieter zusammen und machen wie etwa die Netcoalition Vorschläge zu einer Selbstkontrolle der Branche, die weitgehend den mit der EU verabredeten Safe-Harbor-Regeln entsprechen. So sollen die Regeln für den Umgang mit persönlichen Daten offen gelegt und den Kunden die Kontrolle darüber gegeben werden. Die Resonanz der Dotcoms ist gleich Null.

Voice-over-IP (VoIP) gewinnt an Konturen. Auf der Fachmesse Network + Interop in Las Vegas präsentierte allein Siemens 21 Lösungen vom Telefonen über IP-Gateways bis hin zu Kommunikations-Servern. Cisco war mit der Vorstellung eins IP-basierten Telefoniesystem etwas bescheidener. Weitere VoIP-Techniken kamen von Sphere Communications und Shoreline Communications. Für Unternehmen ist VoIP im lokalen Netz zunehmen eine Option, während ein breiter Einsatz von IP-Telefonen für Otto Normalverbraucher noch auf sich warten lässt.

Die im Februar angekündigte Fusion zwischen Inprise und Corel ist gescheitet. Grund ist die schlechte Geschäftssituation von Corel. Ohne Partner Inprise stehen die Kanadier jetzt vor einem Scherbenhaufen. Das Unternehmen befindet sich bei rückläufigen Umsätzen in akuter Geldnot. Doch ohne neue Umsätze lässt sich der Aktienkurs nicht stimulieren, und ohne Geldzufluss verliert die Firma ihren Handlungsspielraum, um das geplante "Linux-Powerhouse" zu realisieren.

DIE WICHTIGSTEN TRENDS

Die Anbieter von Standardsoftware können ihre Prognosen nicht erfüllen, wonach das Geschäft nach den Jahr-2000-Projekten wieder anziehen würde. Tatsächlich gehören betriebswirtschaftliche Systeme zunehmend zur Infrastruktur für Techniken wie Knowledge-, Customer-Relationship- und Supply-Chain-Management. Außerdem wurden allerorten virtuelle Marktplätze erprobt, die ebenfalls Standardsoftware voraussetzen.

Zu den technischen Highlights gehört zudem die flächendeckende Etablierung der Auszeichnungssprache XML. So positioniert sich heute ein Softwarehaus wie die Software AG als XML-Company.

Wichtiger als in den vergangenen Jahren war die Schaffung der politischen Rahmenbedingungen für die globalisierte Wissensgesellschaft. "Wagniskapital" und "Startup-Mentalität" sind hierzulande keine Fremdworte mehr. Zu den Rahmenbedingungen gehören aber auch internationale Regeln für den Datenschutz wie etwa das zwischen EU und USA ausgehandelte Safe-Harbor-Abkommen. Hinzu kommen die Vorschläge der EU-Kommission für eine Besteuerung des transatlantischen Online-Handels sowie die europaweite Fernabsatzrichtlinie.

Die meisten Schlagzeilen machten sicher die Versteigerungen der UMTS-Lizenzen, die in Großbritannien und Deutschland astronomisch hohe Summen in die Kassen der Finanzminister spülten. Diese Maßnahmen sind Ausdruck eines neuen europäischen Selbstbewusstseins. Symbol für die auch von den Politikern auf dem Gipfel von Lissabon vorgetragene Hoffnung die Amerikaner bald wirtschaftlich einholen zu können, ist der Erfolg des von Europa ausgehenden Handy-Geschäfts. Hier fehlt es in den USA an landesweiten Standards.

Zudem gelten künftig nicht mehr so sehr PCs als Hoffnungsträger der Zukunft, sondern das Massengeschäft mit computerisierten Geräten mit Internet-Anschluss, für die Handys eine gute Ausgangsbasis bieten. Auf Messen wie CeBIT und Systems waren in diesem Jahr derartige Prototypen und Geschäftsmodelle dafür das Hauptthema.

Auf der negativen Seite der Bilanz schlägt vor allem der Einbruch an den Börsen zu Buch. Wurde bis März des Jahres jede Internet-Idee mit astronomischen Kursbewertungen belohnt, gleichgültig wie viel Verluste das Dotcom-Unternehmen aufzuweisen hatte, so werden nun sogar Unternehmen mit schwarzen Zahlen in den Sog des Kursverfalls gerissen, nur weil sie in der Internet-Branche tätig sind.

Schließlich machten Hacker-Angriffe auf die Verletzlichkeit einer durch Internet-Technik globalisierten Wirtschaft aufmerksam. So brachen Anfang des Jahres einige große Internet-Service-Provider unter so genannten Denial-of-Service-Attacken zusammen, später legte der I-love-you-Virus weltweit die E-Mailsysteme vieler Firmen lahm und im Herbst demonstrierten Hacker, dass ihnen selbst die geheimen Forschungslaboratorien von Microsoft offen stehen.