NFC im Handy als Vorreiter

RFID-Chip unterm Fell - total normal

01.07.2014
Von Nikolai Zotow
Dagmar Wörner von Henkel wettet, dass in zehn Jahren 20 Prozent der Europäer einen Chip im Körper tragen. Frettchen und teure Katzen haben ihn jetzt schon. Anwendungen für Menschen sind auch bereits parat.

Wo liegen die Vorteile eines subkutanen RFID-Chips? Hier wäre zunächst der medizinische Bereich zu nennen. Besonders in der Altenpflege bei dementen Personen wäre ein entsprechendes Implantat nützlich - denn die Patienten könnten ihre "Kennung" im Gegensatz zu Ausweisen oder Chipkarten nicht mehr verlieren. Ein weiteres Argument für einen einpflanzbaren RFID-Chip ist die Steigerung des Komforts bei Zahlungen oder Identitätskontrollen. So benötigt der Träger keine Geldbörse mit Ausweispapieren wie einem Personalausweis mehr - der Chip könnte als Legitimation herangezogen werden. Diese Idee hat auch eine Zeit lang eine Diskothek in Barcelona umgesetzt: Stammkunden konnten sich eine elektronische VIP-Karte von medizinisch geschultem Personal einsetzen lassen.

Dagmar Wörner ist Mitarbeiterin der Integrated Business Solutions bei Henkel.
Dagmar Wörner ist Mitarbeiterin der Integrated Business Solutions bei Henkel.
Foto: Henkel

Ein Mikrochip, den man immer parat hat, hat einen wesentlichen Vorteil: Es ist relativ schwierig, ihn zu stehlen. Besonders in Ländern mit hoher Kriminalitätsrate ist das ein gewichtiges Argument. Kreditkarten, Geld und Papiere können bei einem Straßenüberfall oder Wohnungs- oder Hauseinbruch leicht entwendet werden. Setzt man bei Bezahlvorgängen oder Zutrittskontrollen auf Biometrie, lassen sich einige Systeme durch von benutzten Trinkgläsern abgenommene Fingerabdrücke überlisten. Hartgesottene Kriminelle haben in einigen Fällen schon komplette Finger abgetrennt, um an Geld oder durch verschlossene Türen zu kommen. Einen Mikrochip aus dem Körper zu schneiden ist schon komplexer. Durch seine geringen Ausmaße - er ist in etwa so groß wie ein Reiskorn - müsste man ihn erst einmal finden. Daher könnte ein Implantat zunächst in Städten mit hoher Kriminalitätsrate reüssieren.

Anwendungen weisen den Weg

Mittlerweile gehört das Implantieren von subkutanen Chips bei Haustieren zum Alltag.
Mittlerweile gehört das Implantieren von subkutanen Chips bei Haustieren zum Alltag.
Foto: 123RF

Um die Prognose, dass 20 Prozent der Menschen in Europa einen subkutanen RFID-Chip tragen werden, richtig zu beurteilen, muss man einen Blick auf die typischen Anwendungsgebiete werfen. Im übertragenen Sinne könnte diese Prognose schneller Wirklichkeit werden, als es anfangs den Anschein hat. Einen mobilen "Identitäts-Chip" führen faktisch viele mit sich - in Form eines Smartphones. Die Komponenten für die Nutzung der Near Field Communication (NFC) sind bereits in den führenden Smartphone-Modellen integriert.

Letztendlich erfüllen sie einen ähnlichen Zweck wie ein Implantat. Wie weit NFC bereits in den Angebotspaletten der Telekommunikationsanbieter vorhanden ist, zeigt ein Blick auf die Website von T-Mobile. Von insgesamt 114 bestellbaren Smartphones verfügten im Mai 2014 bereits 45 über die drahtlose Übermittlungstechnik.

Auch belegen Zahlen des Nürnberger Marktforschungsunternehmens GfK diese Entwicklung. Waren im Zeitraum Januar bis März 2012 nur 4,4 Prozent der verkauften Smartphones mit NFC ausgestattet, steigerte sich dieser Anteil für denselben Zeitraum des darauffolgenden Jahres auf 44,5 Prozent. Im ersten Quartal 2014 verfügte knapp die Hälfte (49,1 Prozent) über die RFID-Funktechnologie.

NFC als Vorreiter

Hauptzweck von NFC soll die bequemere Abwicklung von finanziellen Transaktionen im Handel sein. Speziell ausgerüstete Registrierkassensysteme tauschen beim Bezahlvorgang Daten über NFC mit dem Smartphone des Käufers aus. Da Smartphones von den meisten ohnehin ständig mitgeführt werden, kann man im übertragenen Sinne von einem "Implantat" sprechen. Denn die Funktion ähnelt in diesem Fall einer angestrebten Eigenschaft des subkutanen RFID-Chips.

Nimmt man allein die Bezahlfunktion, würde eine entsprechend ausgerüstete EC-Karte ebenso gute Dienste leisten. NFCs in Smartphones bieten den Vorteil, dass diverse Funktionen bündelbar sind. So hat der Hannoveraner Automobilzulieferer Continental zusammen mit dem niederländischen Chip-Hersteller NXP auf dem Mobile World Congress 2011 in Barcelona eine Lösung zur Entsperrung von Kraftfahrzeugen vorgestellt - auch dies ein Einsatzgebiet für einen subkutanen Chip.

Der Telekommunikationsanbieter Vodafone bietet mit seinem Wallet eine Bezahlfunktion bereits an. Hier kann man in ausgesuchten Geschäften Kleinbeträge mit seinem Smartphone an einem Terminal bezahlen. Bei Beträgen über 25 Euro ist aus Sicherheitsgründen die Eingabe einer Geheimnummer notwendig.

RFID im Reisepass

Handys mit Near Field Communication zeigen, welche Anwendungen denkbar sind.
Handys mit Near Field Communication zeigen, welche Anwendungen denkbar sind.
Foto: cio.de

Eine fast vollständige Abdeckung hat RFID beim Identitätsnachweis. Die neueren maschinenlesbaren Reisepässe sind mit RFID-Chips ausgestattet. Hier verlangen einige Grenzbehörden, wie die der Vereinigten Staaten, zwingend einen solchen Reisepass - andernfalls wird der Grenzübertritt wesentlich erschwert beziehungsweise unmöglich.

Wie Dagmar Wörner in ihrer Wette geschrieben hat, könnten sich Implantate zunächst in der Medizin durchsetzen. Hier beschrieb sie eine Anwendung im Gesundheitssektor am Beispiel des Feldversuchs mit VeriChip, den die in Florida ansässige Alzheimer Community Care finanziert hat. Tatsächlich wird die Anwendung implantierter RFID-Chips auch in Europa diskutiert.

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