5 Forrester-Prognosen für 2023

Rechnen Sie mit Whistleblowern in den eigenen Reihen!

21.10.2022
Von Redaktion Computerwoche
Wenn Betriebe vom rechten Weg in die Daten- und KI-Zukunft abkommen, riskieren sie, dass sich ihre Mitarbeiter als Whistleblower gegen sie wenden. Das könnte 2023 passieren, warnen die Analysten von Forrester.
Wenn Daten und KI wichtiger werden, stellen sich vermehrt ethische Fragen. Nicht alle Mitarbeitenden ziehen mit, die Stunde der Whistleblower schlägt.
Wenn Daten und KI wichtiger werden, stellen sich vermehrt ethische Fragen. Nicht alle Mitarbeitenden ziehen mit, die Stunde der Whistleblower schlägt.
Foto: Golubovy - shutterstock.com

Ähnlich wie Gartner erwarten auch die Analysten von Forrester, dass die Technologieausgaben in den Unternehmen auch in wirtschaftlich turbulenten Zeiten steigen werden. 67 Prozent der weltweiten IT-Chefs, die an der Forrester-Umfrage "Budget Pulse Survey 2022" teilgenommen haben, rechnen in den nächsten zwölf Monaten demnach mit steigenden Budgets. Ein Viertel erwartet sogar eine Erhöhung um mehr als fünf Prozent.

Forrester prognostiziert, dass die weltweiten Technologieausgaben in diesem Jahr zum ersten Mal die Marke von 4,8 Billionen US-Dollar überschreiten werden (Gartner hatte ein Plus von 5,1 Prozent auf 4,6 Billionen Dollar prophezeit). Momentan zeige sich ein ähnliches Verhaltensmuster wie auf dem Höhepunkt der Pandemie: Pragmatismus und Opportunismus überwiegen gegenüber der Angst. Anstelle von massiven Kürzungen setzten die Unternehmen auf Technologie, um ihre Kunden optimal zu bedienen.

Im Jahr 2023 kristallisiere sich heraus, wer die Marktführer von morgen seien, schreibt Forrester in dem Report Predictions 2023: Tech Leadership. Kluge ITK-Investitionen sorgten dafür, dass das künftige Wachstum gesichert werde. Dabei trenne sich die Spreu vom Weizen: Zögerer und Nachzügler liefen Gefahr, unter dem wirtschaftlichen Druck die Kosten so weit zu senken, dass sie den Kundenwert zerstören und immer mehr technische Schulden anhäufen würden. Forrester gibt folgende Prognosen ab:

1. Resilienz wird wichtiger als Kreativität

Vier von fünf Unternehmen werden bei ihren IT-Ausgaben den Aspekt der Widerstandsfähigkeit oder Resilienz in den Vordergrund rücken. Schon in diesem Jahr hätten die Unternehmen begonnen, den "kreativen" Teil ihrer Investitionen zurückzufahren und vorsichtiger zu agieren. Lieferkettenprobleme, Personalengpässe, steigende Kosten und Rezessionssorgen haben das Klima verändert.

Im Vordergrund werde bei den meisten IT-Chefs im kommenden Jahr ein pragmatischer Ansatz zur schrittweisen Verbesserung der betrieblichen Widerstandsfähigkeit stehen. Laut Forrester gibt es auch in dieser Frage Unterschiede zwischen Vorreitern und Nachzüglern. In zukunftsorientierten Unternehmen stimmen 87 Prozent der Entscheider sowohl in Business- als auch in den IT-Bereichen der Aussage zu, dass Widerstandsfähigkeit nur durch verstärkte Innovationstätigkeit zu erreichen sei. In konservativeren Betrieben glauben indes nur 21 Prozent daran. Forrester stellt fest: "Erwarten Sie 2023 eine noch stärkere Konzentration auf die Modernisierung von Geschäftsprozessen, Automatisierung, Risikomanagement und Employee Experience".

2. Betriebe gehen neue Wege beim Recruiting

Der Fachkräftemangel spitzt sich weiter zu. Laut Forrester wird jede dritte Führungskraft aus dem Technologiebereich neue Partner für die Personalsuche einspannen. Der Hintergrund: IT-Talente, die in der Lage sind, die Geschäfte digital neu zu gestalten, Hybrid-Cloud-Umgebungen einzurichten und zu steuern sowie moderne Anwendungen zu entwickeln, die Wachstum und Differenzierung vorantreiben, bleiben Mangelware. Heute dauert es im weltweiten Durchschnitt 69 Tage, um eine IT-Stelle neu zu besetzen, verglichen mit 41 Tagen, die das Einstellen von Fachkräften in anderen Bereichen braucht.

Hunderttausende Positionen können nicht besetzt werden, weil es an geeigneten Kandidaten fehlt. Um die Lücken zu schließen und die Kapazitäten und Fähigkeiten im Jahr 2023 zu verbessern, wird sich laut Forrester ein Drittel der Führungskräfte nicht mehr nur auf ihre traditionellen Recruiting-Partner verlassen. Stattdessen werden sie Marktplätze für freiberufliche Talente nutzen, etwa Catalant, Topcoder, Toptal oder Upwork.

Diese experimentierfreudigen Anwender werden zudem mit Universitäten und Informatikschulen zusammenarbeiten und Lernressourcen von Anbietern wie Infosys Springboard oder Salesforce Trailhead nutzen, um Teams weiterzubilden und neue Pipelines für die Zukunft aufzubauen. Forrester empfiehlt den Führungskräften, beide Wege zu gehen und vor allem auch die vorhandenen Entwickler intensiv einzubinden. Die wüssten meistens am besten, wo qualifizierte Kolleginnen und Kollegen einen neuen Job suchen.

Die Analysten von Forrester wagen einen Ausblick und sehen ein Krisenjahr auf uns zukommen, in dem Resilienz wichtiger wird als Kreativität.
Die Analysten von Forrester wagen einen Ausblick und sehen ein Krisenjahr auf uns zukommen, in dem Resilienz wichtiger wird als Kreativität.
Foto: jorgen mcleman - shutterstock.com

3. Nicht alle SaaS-Anbieter überstehen die Krise

Forrester glaubt, dass der zunehmende wirtschaftliche Druck Opfer in den Reihen der Software-as-a-Service-(SaaS-)Anbieter fordern wird. Die Analysten erwarten wenigstens einen aufsehenerregenden SaaS-Ausfall, der größere Kreise ziehen wird. Hintergrund sei, dass IT-Verantwortliche in der Krise rationalisieren, vereinfachen und den Druck verstärken würden. Kleinere SaaS-Anbieter, die oft noch nicht rentabel wirtschafteten, könnten in diesem wirtschaftlich unbeständigen Umfeld unter die Räder kommen.

Angesichts des aufkommenden finanziellen Drucks würden einige den Laden dicht machen, andere zum Ziel von Übernahmen werden - mit gutem oder eben schlechtem Ausgang für ihre Produkte. Anwender sollten sich darauf vorbereiten, ihre Anbieter prüfen und Notfallpläne erstellen, die SaaS-Ausfälle, Übernahmen und Produktabkündigungen berücksichtigen.

4. Nearshore in Afrika wird salonfähig

Mindestens ein in Europa ansässiger größerer IT-Dienstleister wird ein großes Nearshore-Technologiezentrum in Afrika eröffnen. Laut Forrester bekunden in einer älteren Umfrage 65 Prozent derer, die Veränderungen im Bereitstellungsmodell ihres Dienstleisters erwarten, dass sie einen verstärkten Einsatz von Onshore-, Nearshore- oder Onsite-Personal erwarten. Nur 17 Prozent glauben, dass in Zukunft auch Offshore-Arbeitskräfte stärker gefragt sein werden.

Für Anwender gehe es darum, gemeinsam mit ihren Servicepartnern gemischte Teams möglichst in der gleichen oder einer benachbarten Zeitzone aufzustellen. Zwar seien immer noch die Kosten der wichtigste Faktor bei Sourcing-Entscheidungen, doch inzwischen sei das Management der Risiken beinahe genauso wichtig geworden.

Für den US-Markt arbeiten latein- und südamerikanische Länder wie Argentinien, Brasilien, Kolumbien und Mexiko seit Jahren an Programmen für den Ausbau ihrer technischen Dienstleistungsindustrie. Die Nachfrage nach Fachkräften ist nahezu unstillbar. Allein Accenture habe inzwischen die Zahl von 720.000 Mitarbeitern überschritten.

Die Suche nach neuen Talentzentren geht also weiter, auch für europäische Betriebe. Diese werden sich laut Forrester nach Afrika orientieren. Länder wie Ghana, Kenia und Äthiopien verfügten über mehrsprachige, international ausgebildete Talente. Die Regierungen dort legten großen Wert darauf, diese Spezialisten zu fördern.

5. Ethische Fragen rufen Whistleblower auf den Plan

Eine ethische Fragestellung betrifft Forresters letzte Prognose: Mindestens zwei Tech-Whistleblower werden demnach 2023 auch außerhalb der Big-Tech-Branche für Schlagzeilen sorgen. Hintergrund ist die gestiegene Sensibilität der Gesellschaft in ethischen Fragen, insbesondere was den Umgang mit Daten und mit künstlicher Intelligenz angeht.

Den Analysten zufolge berichten schon 20 Prozent der Entscheidungsträger, die mit Datenanalyse und KI zu tun haben, dass das fehlende Vertrauen ihrer Mitarbeitenden die größte Herausforderung geworden sei. Viele Beschäftigte in der IT-Szene wollen demnach mit Produkten, Anwendungen und Verträgen, die heikle ethische Fragen aufwerfen, nichts zu tun haben.

Vorbilder dieser Skeptiker sind Whistleblower wie die ehemalige Facebook-Managerin Frances Haugen, die über die Geschäftspraktiken ihres Arbeitgebers ausgepackt hatte, oder Peiter "Mudge" Zatko, der Ungereimtheiten bei Twitter aufdeckte. Forrester glaubt, dass die Zahl der Whistleblower, die ihre oder andere Unternehmen zur Rechenschaft ziehen wollen, zunimmt. Bislang seien die großen Tech-Unternehmen das naheliegende Ziel gewesen. Aber durch den Digitalisierungstrend und das gewachsene Interesse an Kundendaten und -verhalten gerieten auch andere Unternehmen ins Visier der Whistleblower.

Die Prognose lautet daher: Im Jahr 2023 werden sich Technologieverantwortliche in jeder Branche im Fadenkreuz wiederfinden. Wenn Unternehmen durch den Einsatz moderner Technologien ihre Effizienz verbessern und innovativer werden wollen, müssen sie damit rechnen, dass sie für etwaige negative Effekte, die sie verursachen, zur Rechenschaft gezogen werden. Dabei steht viel auf dem Spiel: 39 Prozent der befragten US-Amerikaner würden nach einer vernichtenden Schlagzeile nicht mehr für das betroffene Unternehmen arbeiten. Es ist also wichtiger denn je, Technologie verantwortungsvoll einzusetzen und ethische Fragestellungen besonders ernst zu nehmen. (hv)