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RealNetworks zerrt Microsoft vor den Kartellkadi

19.12.2003
Der Streaming-Media-Pionier RealNetworks will von Microsoft mehr als eine Milliarde Dollar Schadenersatz. Der Redmonder Konzern missbrauche im Bereich Media Player weiterhin sein Monopol.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der Streaming-Media-Pionier RealNetworks hat gestern ein neues Kapitel in Microsofts nicht enden wollender Geschichte von Kartellprozessen aufgeschlagen und den Redmonder Konzern vor einem Bundesgericht im kalifornischen San Jose wegen Missbrauchs seiner Monopolstellung verklagt.

Microsoft habe, so der Vorwurf, PC-Herstellern seinen "Windows Media Player" aufgezwungen und gleichzeitig die Installation von Konkurrenzprodukten wie des "Real Player" eingeschränkt. "Wir werfen Microsoft vor, dass es eine breite Palette räuberischer Praktiken verwendet, um sein Betriebssystemmonopol zu schützen und um ein neues Monopol im Bereich digitaler Medien zu errichten", erklärte RealNetworks' stellvertretender Generaljustiziar David Stewart. Zu Microsofts Taktiken gehören laut RealNetworks Produktbündelung, restriktive Lizenzierung, Exklusivverträge, räuberische Preisgestaltung, die Weigerung ein "nacktes" Windows zu liefern sowie das Zurückhalten von für die Interoperabilität mit Windows essentiellen Informationen.

RealNetworks fordert aufgrund dieses aus seiner Sicht illegalen Geschäftsgebarens Schadenersatz, wie CEO Rob Glaser - der frühere Microsoft-Manager hatte RealNetworks 1995 gegründet - in einer Stellungnahme erklärte. Die Höhe der Forderungen könnte demnach über eine Milliarde Dollar hinausgehen. "Wir wollen Microsofts Verhalten im Bereich digitaler Medien stoppen und wir wollen eine angemessene Entschädigung für den Schaden, den Microsoft uns verursacht hat", ergänzt Stewart.

Die im November 2002 zwischen Microsoft, dem US-Justizministerium sowie einer Reihe einzelner Bundesstaaten erzielte Einigung im großen Kartellprozess sei fehlerhaft, so der RealNetworks-Jurist weiter. Eigentlich sehe diese vor, dass Microsoft nichts gegen PC-Hersteller unternehme, die mit ihren Rechnern konkurrierende Nicht-Microsoft-Software ausliefern: "Die Übereinkunft hat viele Löcher, und Microsoft nutzt diese alle. Das Unternehmen beeinflusst weiterhin, wie PC-Anbieter Media Player installieren, und zwingt sie, Windows Media Player zu verwenden."

Doch damit nicht genug, so Stewart: Microsoft verhindere außerdem, das Verbraucher den Windows Media Player deinstallierten. "Die Einigung mit dem DOJ ändert nichts an Microsofts rücksichtslosem Verhalten, und wir werfen ihnen sogar eine Ausweitung ihres Fehlverhaltens vor." Noch 1997 habe Microsoft im Bereich digitaler Medien praktisch keine Rolle gespielt, im Jahr 2002 aber aufgrund seines "wettbewerbswidrigen Verhaltens" RealNetworks bei Marktanteil und Nutzung überholt.

Microsoft hat in einer ersten Stellungnahme erklärt, RealNetworks habe eine "Rückspiegel-Klage" eingereicht. Es gebe im Markt für digitale Medien einen "lebhaften Wettbewerb". PC-Hersteller hätten genau so wie Endanwender die freie Wahl, welche Wiedergabesoftware sie verwenden wollten. "Dies ist ein Fall, wo ein führender Anbieter versucht, das Kartellrecht zu nutzen, um seinen Marktanteil zu vergrößern und den Wettbewerb zu verringern, dem es gegenübersteht", erklärte Konzernsprecher Jim Desler. "Hier werden nur Themen wieder aufgewärmt, die vor Gericht bereits ausführlich abgehandelt und in eine harten, aber fairen Einigung beigelegt wurden."

Richard Doherty, Analyst bei der Envisioneering Group, hält die Klage von RealNetworks indes für alles andere als haltlos und erwartet, dass andere Anbieter von Mediaplayern wie etwa Apple ("Quicktime") sich der Klage anschließen. "Im Markt für Media Player gibt es keine Chancengleichheit", so der Experte. "Microsofts eigenes Team erhält Zugang zu Nuancen, seien es Features oder Fallstricke, des hauseigenen Betriebssystems, die nicht mit Dritten geteilt werden, wie es im Sinne der Kartelleinigung eigentlich passieren sollte."

Michael Gartenberg von Jupiter Research konstatiert, es gehe bei dem Fall nicht um Technik, sondern um Geschäftspraktiken. "Sowohl Microsofts wie auch RealNetworks' Formate werden heute auf breiter Front unterstützt. Die Frage ist, welche Auswirkungen das Bundling des Media Players mit Windows hat und welche Methoden von Microsoft es verhindern, dass PC-Anbieter den Player von RealNetworks verwenden."

RealNetworks hat gleich drei Kanzleien engagiert, die das Unternehmen in dem Rechtsstreit unterstützen sollen: Bartlit Beck Herman Palenchar & Scott, die Summit Law Group sowie McManis Faulkner & Morgan.

Das Bundling des Windows Media Player mit dem Betriebssystem ist auch ein Kernvorwurf in der Kartellermittlung der Europäischen Union gegen Microsoft, in der eine Entscheidung noch aussteht (Computerwoche online berichtete). Sollte Brüssel hier ein Exempel statuieren, könnte es neben Auflagen Microsoft zu einer Geldbuße von theoretisch bis zu zehn Prozent seines Jahresumsatzes verdonnern. Beobachter vermuten, dass RealNetworks seine Klage wegen des in Kürze bevorstehenden Urteils in Europa jetzt lanciert hat, um möglicherweise davon zu profitieren. Dies könnte aus Sicht von Experten aber auch kontraproduktiv sein, da die Wettbewerbshüter in den USA und Europa vielfacher unterschiedlicher Ansicht sind und die amerikanischen Kartellwächter Microsoft gegen eine harte Entscheidung auf dem alten Kontinenten "in Schutz nehmen" könnten.

Ebenfalls noch anhängig ist die Kartellklage von Sun Microsystems gegen Microsoft, bei der es um Java geht. Dieses Verfahren dürfte sich allerdings noch Jahre hinziehen. (tc)