Mitarbeiterführung

Raus aus dem Einheitsbrei

13.04.2014
Von Harald Schumacher, Henryk Hielscher, Michael Kroker, Jürgen Salz, Mario Brück, Hans-Jürgen Klesse und Peter Steinkirchner
Die Zahl der Unternehmen wächst, die ihre Beschäftigten an der langen Leine führen, damit diese mehr Innovationen zuwege bringen - oder überhaupt bei der Firma anheuern. Was daraus entstehen kann.

Die Musiker waren die Idee von Stefan Dombrowski. Stolz steht der 39-jährige gelernte Röntgentechniker vor der Elbphilharmonie, der neuesten Attraktion im Hamburger Miniatur Wunderland. Während am Original immer noch gewerkelt wird, probt im Nachbau - ein Meter lang, 82 Zentimeter hoch - bereits das Orchester. Die Streicher, Blechbläser und Flötisten, jeweils gerade mal zwei Zentimeter hoch, wiegen sich im Takt.

"Alle Musiker sind mit einem dünnen Draht am Boden befestigt, die Bewegungssteuerung erfolgt über drei hinter den Wänden des Konzertsaals versteckte Elektromagneten, die die Figuren mal in die eine, mal in die andere Richtung ziehen", erklärt Modellbauer Dombrowski seine Welt der Winzlinge.

Die Anlage verdankt die Stadt Hamburg nicht nur Dombrowski, sondern vor allem dessen Chefs, den Zwillingen Gerrit und Frederik Braun. Die beiden Unternehmer, die den Freizeitpark, 250 Meter Luftlinie von der echten Elbphilharmonie entfernt, 2001 gegründet haben, pflegen eine besondere Philosophie. Sie räumen ihren Mitarbeitern so viel Freiheit wie möglich ein.

Konkret heißt das: Für die Miniatur-Wunderland-Kreativtruppe aus 50 Modellbauern und Elektrotechnikern gelten keine Restriktionen wie Kostenvoranschläge, Budgets oder Zeitvorgaben. Nur mit Mitarbeitern an der langen Leine, so die Überzeugung der Braun-Zwillinge, kann ihr Unternehmen erfolgreich sein. Denn erst dann entstünden auch überraschendende oder pfiffige Einfälle wie die Magnet-Musiker.

"Die Vielfalt der Ideen macht den Reiz der Anlage aus", sagt Frederik Braun, und sein Mitarbeiter Dombrowski ergänzt: "Wenn wir eine Idee haben, überlegen wir, wie man sie realisieren könnte, und dann tüfteln wir so lange, bis es funktioniert."

Ihr Unternehmen braucht neue Ideen? Räumen Sie Ihren Mitarbeitern mehr Freiräume im Arbeitsalltag ein.
Ihr Unternehmen braucht neue Ideen? Räumen Sie Ihren Mitarbeitern mehr Freiräume im Arbeitsalltag ein.
Foto: Julien Eichinger - Fotolia.com

Das freie Überlegen und Tüfteln an der Alster hat Gigantisches in Klein hervorgebracht. 900 Züge mit gut 15.000 Waggons auf 13 Kilometer Gleisanlagen rollen durch Hamburg, alles en miniatur. Es gibt eine Fantasiestadt Knuffingen mit eigenem Flughafen. Wer will, kann sich die USA mit der Spielhölle Las Vegas und Miami in Florida, die Alpen oder Skandinavien, jeweils im Maßstab 1:87 verkleinert, anschauen. Die Abwechslung kennt keine Grenzen. Auf dem Mast eines Seglers balancieren, gefertigt von Dombrowskis Kollegin Elke Bochonek, Käpt’n Blaubär und sein begriffsstutziger Matrose Hein Blöd aus der "Sendung mit der Maus". Anderswo pinkeln zwei Männer im hohen Bogen von einer Brücke. Und ein Tierarzt leistet einer lilaweißen Milka-Kuh Geburtshilfe.

Das Kreativkonzept des Unternehmerduos geht auf. Die Vielfalt der Ideen lockt inzwischen jährlich mehr als eine Million Besucher in die Hamburger Speicherstadt. Neben Hafen und Reeperbahn zählt das Wunderland mittlerweile zu den größten Attraktionen der norddeutschen Metropole. Der Umsatz dürfte im zweistelligen Millionenbereich liegen; genaue Zahlen veröffentlichen die Gründer nicht.

Zufriedenere Mitarbeiter sind kreativer

Die Mitarbeiter einfach mal machen lassen - auf diese Idee verfallen auch andere Unternehmen, vom Sensorenhersteller bis zum IT-Konzern. Die Folgen sind greifbar: Die zufriedeneren Mitarbeiter sind kreativer. Mehr Freiheiten fördern zudem das Image des Arbeitgebers, wenn sich in Zeiten des demografischen Wandels der Wettbewerb um Fachkräfte verschärft.

"Das Interesse der Unternehmen, den Mitarbeitern mehr Freiräume zu geben, wächst", sagt Erik Bethkenhagen, Geschäftsführer bei Kienbaum in Gummersbach bei Köln, der vor allem die Personalabteilungen von Unternehmen berät. Ein Grund sind die steigenden Ansprüche der Mitarbeiter an ihre Tätigkeit. Soziologen haben Absolventen, die derzeit von den Hochschulen in die Unternehmen strömen, "Generation Y" (abgeleitet vom englischen "why") getauft. Die Mitarbeiter von morgen stellen häufiger als früher die Sinnfrage und wollen sich stärker im Beruf verwirklichen, gleichzeitig aber auch genügend Zeit für Freizeit und Familie haben. "Denen müssen die Unternehmen etwas bieten", sagt Berater Bethkenhagen.

Dabei sind mehr Freiheit, Freizeit und Flexibilität für die Unternehmen kein Selbstzweck. Den meisten, die derzeit bei ihm anfragen würden, gehe es "nicht um Philanthropie oder um demokratischere Strukturen im Betrieb". Im Vordergrund stehe schlicht, "die Potenziale der Mitarbeiter zu heben". Die Formel vieler Unternehmer ist deshalb sehr einfach. "Zufriedenere Teams sind erfolgreichere Teams", sagt Ana-Cristina Grohnert, Personalchefin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, früher Ernst & Young. "Das lässt sich klar belegen."

Die Palette der Freiheiten, die die Unternehmen in dieser Absicht ihren Mitarbeitern gewähren, ist vielfältig. Ideen dazu gibt es in Firmen aller Klassen, in der 23-Mitarbeiter-Agentur CPP aus Offenbach ebenso wie im Weltkonzern Adidas.

Während andere arbeiten, dürfen die Beschäftigten am Konzernsitz im fränkischen Herzogenaurach Sport treiben, so oft und so lange sie wollen - sofern sie die Zeit morgens oder abends dranhängen. Die 3.400 Mitarbeiter in der Zentrale können aus mehr als 200 kostenpflichtigen Kursen wählen - von Yoga und Pilates bis hin zu Fußball, Basketball, Boxen oder Squash. Wer will, kann seine Laufrunden im eigenen Adi-Dassler-Stadion mit dem WM-tauglichen Rasen drehen. Im nächsten Frühjahr eröffnet auf dem Firmengelände ein 1.100 Quadratmeter großes Fitness-Center. Bald soll auch der 15 Meter hohe künstliche Kletterfelsen stehen.

Der Leistungsdruck ist immens bei Adidas, der Konkurrenzkampf in der Sportartikelindustrie hart. Mit einem Jahresumsatz von knapp 15 Milliarden Euro rangieren die Franken mit großem Abstand auf Platz zwei hinter dem US-Giganten Nike. Um nicht zurückzufallen, zählt jede Minute. Die Idee, Mitarbeitern trotzdem freizugeben für Sport während der Arbeitszeit, stammt vom kalifornischen Outdoor-Ausrüster Patagonia. Dessen Gründer Yvon Chouinard lässt seine Leute während der Arbeit im Pazifik surfen. Dem Erfolg tut das keinen Abbruch: Der Patagonia-Umsatz, der für 2013 bei etwa 600 Millionen Dollar liegt, wächst seit Jahren zweistellig.

Auch Adidas profitiert, wenn die Gehirnzellen der Mitarbeiter etwa beim Laufen stimuliert werden. Produktmanager Andrew Barr zum Beispiel schnürt gemeinsam mit Kollegen mittags häufiger mal die Laufschuhe. "Klar sprechen wir dabei auch immer wieder über neue Produktideen", sagt der gebürtige Schotte.

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