Mobile-App-Entwicklung

Progressive Web Apps – Hot Shit oder Developer-Spielzeug?



Maximilian Hille ist Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Cloud Computing, Social Collaboration und Mobile Innovations.
Zukünftig sollen mobile Anwendungen mit viel Funktionalität und Interaktion ihren Platz im Browser haben und die Existenz der App-Stores ein wenig in Frage stellen - für Unternehmen bedeutet das mehr Interaktion und weniger Umwege zu ihren Kunden.

Nur wenige Jahre ist es her, da haben die Unternehmen noch damit gekämpft, ihren eigenen Markenauftritt fit für die mobilen Endgeräte zu machen. Im Herbst 2015 waren nur wenige der Top-500-Unternehmen mit ihren eigenen Webseiten so weit fortgeschritten, dass diese auch auf mobilen Endgeräten richtig angezeigt werden. Schnell mussten die anderen Unternehmen nachziehen und mit dedizierten mobilen oder responsiven Webseiten auch mobil für die Kunden gut sicht- und erreichbar zu sein.

Progressive Web Apps vereinigen Funktionalitäten von Web- und Native-Apps.
Progressive Web Apps vereinigen Funktionalitäten von Web- und Native-Apps.
Foto: Shutter_M - shutterstock.com

Dieses Spiel spielen die Unternehmen und deren Marketingabteilungen seitdem immer wieder. Nach den mobilen Webseiten brauchten die Unternehmen native mobile Apps, um ihre Kunden bei der Stange zu halten. Als es davon irgendwann zu viele gab, mussten die Apps schließlich auch interaktiv und “engaging” sein, um sich abzuheben.

Ähnliches wird passieren, wenn Voice-Interfaces um Alexa und Co. einen großen Teil der täglichen Interaktion mit den Kunden übernehmen sollen.

Diese Relikte existieren auch jetzt noch, denn es gibt zahlreiche Apps in den App Stores oder auf den Smartphones der Nutzer, die einfach nicht genutzt werden. Für die Unternehmen fließen teilweise hohe Entwicklungs- und Bereitstellungskosten den Bach herunter und damit auch die Hoffnung, durch die eigene Mobility-Offensive ein strahlender Stern der innovativen Unternehmen zu werden.

Aber es gibt Hoffnung. Mit Progressive Web Apps (PWA) versprechen die Anbieter eine leichtere Handhabung der Apps und gleichzeitig hohen Funktionsumfang. Progressive Web Apps vereinigen Funktionalitäten von Web und Native Apps. Sie werden für alle Betriebssysteme einheitlich erstellt, über eine URL aufgerufen, können aber mehr Interaktion hervorbringen und native Endgeräte-Funktionen nutzen. Damit wird der Einstieg für die Nutzer wieder einfacher, die Unternehmen können eine neue Art der Mobile Digital User Experience bieten.

Progressive Hä..? Worin unterscheiden sich Progressive Web Apps von Web & Native Apps?

Schon vor den Progressive Web Apps haben die normalen Web Apps weit mehr geleistet, als nur Inhalte über das Internet anzuzeigen. Die Interaktion auf den Webseiten kam schon häufig an die User Experience einer echten App heran. So können seit einiger Zeit Videos abgespielt werden oder Artikel über Online Shops angesehen, verglichen und gekauft werden. Das alles funktioniert vor allem Dank Java, HTML5 und Co. Durch zusätzliche Tools und Frameworks können Progressive Web Apps die bisherigen Möglichkeiten noch erweitern. Dabei sind sie keine eigenständige Technologie, sondern ein Zusammenschluss vieler einzelner.

Zu den neuen Tools und Services, die diese Erweiterung erst ermöglichen, zählen maßgeblich:

  • Application Shell: PWAs werden im Browser über eine URL aufgerufen. Die App Shell legt beim ersten Aufruf dieser URL im Gerätecache die dynamischen Inhalte ab. Dabei orientiert sich der Aufbau der App-Funktionalitäten am Browser und vor allem der technischen Möglichkeiten des Endgeräts.

  • Service Workers: Die Service Workers sind JavaScript-Anwendungen, die im Hintergrund einer Web App arbeiten können - auch wenn die Website nicht geöffnet ist. Dies ist eines der Kern-Features, die aus der nativen App-Welt stammen und nun für den Browser bereitgestellt werden. Sie übernehmen das Caching oder weitere Programmlogiken, um die PWA bspw. auch offline funktionsfähig zu machen. Alle Service Worker arbeiten mit HTTP und sind der Grund, warum die Anbieter der mobilen Browser die Entwicklung maßgeblich beeinflussen.

  • Web App Manifest: Das Web App Manifest macht den hybriden Charakter nahezu komplett. Im wesentlichen ermöglicht es die “Installation” der Web App auf dem Home-Bildschirm. Das ist soweit schon bekannt, da Website-Shortcuts auf ähnliche Weise installiert werden konnten. Jedoch installiert das Web App Manifest tatsächlich eine App, deren Funktionen sofort bereitgestellt werden können.

  • Push Notifications: Push Notifications von nativen Apps sind bekannt. Das gleiche geht nun auch mit den PWAs, die eigentlich nur zu einer URL gehören.

Diese Tools sorgen mitsamt aller bekannten Web-Development-Technologien und Frameworks dafür, dass die Progressive Web Apps ihren Hybrid-Charakter erfolgreich ausspielen können. Charakteristisch für Progressive Web Apps sind daher folgende Merkmale:

  • Progressivität: Die PWA passt sich dem jeweiligen Endgerät und Browser an und stellt die Inhalte und Funktionen in Abhängigkeit davon bereit.

  • Responsivität: Desktop, Tablet und mobiles Endgerät können gleichzeitig unterstützt werden, die App passt sich an das Display an.

  • Offline-Fähigkeit: Die Apps können offline geöffnet und verwendet werden. Optimalerweise werden Interaktionen mit notwendigem Internetzugang gecached und bei stabiler Verbindung direkt ausgeführt.

  • Installierbar: Wie echte Apps können die PWAs auf dem Home Screen sein und einige Funktionen nativ nutzen, wenngleich der Kern über das Web bereitgestellt wird.

  • Updates: Wie ein Cloud Service wird die App immer über das Internet auf den neuesten Stand gebracht.

  • Usability: Die PWAs können einfach über URLs gefunden und genutzt werden, ohne Installationen abzuwarten - Plug & Play neu definiert.

  • Gesichert: Die https-Verschlüsselung ist nur eine von vielen notwendigen Maßnahmen für den Schutz der Daten.

  • Administration: Die PWA kann für alle Endgeräte bereitgestellt werden und verwendet ein Technologie- und Framework-Set, sodass die Administration möglichst einfach ist.

Damit ist es tatsächlich so, dass die Progressive Web Apps sich der meisten Stärken der Alternativen Web und Native Apps bedienen können und gleichzeitig die Schwächen derselben überwinden. In Sachen Go-To-Market, Usability und User Journey, sowie im Hinblick auf die Ausnutzung der Endgeräte-Technologie haben die Progressive Web Apps klare Allrounder-Qualitäten. Lediglich die Monetarisierung der Anwendungen ist noch schwierig.

Eigenschaften von Progressive Web Apps, Web Apps und Native Apps im Überblick
Eigenschaften von Progressive Web Apps, Web Apps und Native Apps im Überblick
Foto: Crisp Research AG 2018

Auch die Tools, Frameworks und technologische Reife könnten derzeit besser sein. Die oben beschrieben Technologien funktionieren allesamt und werden u.a. von Google durch namhafte Player vorangetrieben. Auch erste App Builder verwenden diese. Das Hauptproblem ist aber derzeit, dass Apple nur zögerlich auf den PWA-Zug aufspringt und trotz des letzten Updates in der Grundausrichtung des iOS-Betriebssystems Schwierigkeiten bestehen, das Konzept in exakt gleicher Form auch anzuwenden. Hier muss noch eine Lösung gefunden werden, bis die verbleibenden Developer wirklich unter Zugzwang stehen, ihre PWA-Expertise zu beweisen.