Plattner: "Abap und Java sind künftig gleichberechtigt"

20.12.2001
MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die Integrationsplattform "Mysap Technology" ist für SAP eine der bedeutendsten Innovationen. Statt mit betriebswirtschaftlicher Standardsoftware will das Walldorfer Softwarehaus nun auch mit seiner Technik Geld verdienen. Vorstandssprecher Hasso Plattner erläutert im Gespräch mit den CW-Redakteuren Christoph Witte und Martin Ottomeier die neue Lösung und das Verhältnis zur Konkurrenz.

CW: Was ist Mysap Technology?

PLATTNER: Mysap Technology ist eine eigene Philosophie. Das Projekt hat langfristigen Charakter und wird noch viel Arbeit erfordern - insbesondere, es in unseren verschiedenen Anwendungssystemen auch zu leben. Alle Abteilungen müssen da mitziehen.

CW: Was zeichnet es aus?

PLATTNER: Zunächst einmal können wir bei einer Transaktion mehrere interpretierende Sprachen verwenden. Bisher hatten wir eine interpretierende Sprache, nämlich Abap. Anwendungen in Programmiersprachen wie C oder Java konnten nur als Unterprogramme verwendet werden. Künftig können Anwendungskomponenten gleichberechtigt entweder als Abap-, Javabeans- oder Java-Anwendung erstellt werden. Das Frontend wird komplett auf Java-Technologie ausgerichtet. Bis jetzt war es an die Windows-Plattform gebunden. Jeder, der Java Server Pages (JSP) programmieren kann, kann nun auch Anwendungen für Mysap erstellen.

CW: Wofür werden Sie Mysap Technology nutzen?

PLATTNER: Auf dieser Grundlage werden wir neue Anwendungen erstellen, zum Beispiel Marktplätze und Portale. Das sind logische Konzepte, die auf der neuen Technik aufsetzen. Mit ihr können künftig Komponenten für Mysap auch auf andere Weise als Abap-Programm erstellt werden.

CW: Werden Sie Mysap-Komponenten ebenfalls in Java programmieren? Und welche Zukunft hat Abap langfristig?

PLATTNER: Wir werden sowohl in Java als auch in Abap programmieren. Eine neue Komponente, die wir beispielsweise in fünf Jahren entwickeln werden, wird immer noch mehr Anteile in Abap als in Java haben. Java hat zum Beispiel keine Tabellenverarbeitung. Eine kommerzielle Anwendung besteht aber im Wesentlichen aus Datenbankabfragen und geschachtelten Tabellenverarbeitungen. Die Benutzeroberfläche erstellen wir dagegen künftig in Java. Alle unsere Abap-Entwickler werden jetzt jedenfalls auch auf Java geschult.

CW: R/3 ist dann also nur noch eine Komponente in dieser Anwendungswelt?

PLATTNER: Genau. Und dementsprechend werden wir R/3 auch nicht mehr fortentwickeln. Das für Mitte nächsten Jahres angekündigte R/3 Enterprise wird das letzte R/3-Release sein. Danach werden wir Funktionalität in R/3 nur noch aus Kompatibilitätsgründen vorhalten. Nur noch Rechnungswesen und HR, also Personal-Management sowie Lohn und Gehalt, werden dort weiter gepflegt. Die anderen Module werden in die jeweiligen Mysap-Anwendungen übergehen, zum Beispiel unser Marketing- und Vertriebsmodul SD in Mysap CRM. Bereits heute sind 90 Prozent der SD-Funktionalität in Mysap CRM 3.0 überführt worden. R/3 wird also schrumpfen.

CW: Wenn R/3 Enterprise Mitte 2002 herauskommt, dann läuft die Wartung noch bis Mitte 2005. Heißt das, dass alle R/3-Anwender bis dahin auf Mysap umsteigen müssen?

PLATTNER: Nein. Wir werden die Fortführung der Wartung davon abhängig machen, wie viele Anwender dann noch R/3 einsetzen. Unser Ziel ist es natürlich, in etwa fünf Jahren die Mehrzahl der Kunden auf Mysap zu haben. Aber viele Anwender nutzen zum Beispiel SD-Funktionen wie Order Fulfilment. Daher werden wir SD aufrechterhalten. Aber die Weiterentwicklung geschieht in Mysap CRM.

CW: Das neue Konzept erlaubt eine leichte Integration von Anwendungskomponenten, die Drittanbieter zuliefern. Was werden Sie da zulassen?

PLATTNER: Das bestimmen die Kunden. Zum Beispiel werden wir mit Sicherheit Siebel parallel zu unserem eigenen CRM in das Portal aufnehmen. Selbst wenn Siebel nur noch die Nummer zwei ist, ist es für unsere Portalgruppe interessant, die Anwendung zu unterstützen und darauf aufbauend Anwendungen und Services anzubieten.

CW: Steht bei SAP jetzt der Plattformgedanke im Vordergrund?

PLATTNER: Für uns sind Plattform und Lösungen künftig gleich wichtig. Wir kommen aus der Lösungswelt und erweitern unser Geschäft um Plattformen. Microsoft zum Beispiel geht den umgekehrten Weg: Sie kommen aus der Plattformwelt und bieten nun unter anderem über die Great-Plains-Übernahme auch Lösungen. Microsoft wird damit ein wichtiger Konkurrent, da wollen wir gegenhalten.

CW: Aber die Software kann trotzdem integriert werden?

PLATTNER: Auch wir stellen unsere Anwendungen künftig als Web-Service zur Verfügung. Kunden haben dann die Wahl. Wir bieten ein Portal, in dem auch Microsoft-Services, zum Beispiel die Office-Suite, angeboten werden wird. Microsoft seinerseits wird SAP-Anwendungen zum Beispiel in Office einbetten.

CW: Liegt in der Konkurrenz zu Microsoft auch der Grund für die Java-Entscheidung?