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Oracle will durch Zukäufe wachsen

26.06.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Obwohl Oracle-Chef Lawrence "Larry" Ellison alles andere als ein Fan von Zukäufen ist, werden Akquisitionen in der mittelfristigen Strategie des Datenbankriesen eine wichtigere Rolle spielen als früher. Dies erklärte Vice President Chuck Phillips gestern auf der Hausmesse Appsworld in London. "Wenn es Konsolidierung gibt, dann treiben wir diese lieber voran als zuzusehen", sagte Phillips, der erst kürzlich nach Jahren als Wall-Street-Analyst zu Oracle gewechselt war. Das Unternehmen brauche neue Produkte, Vertriebskanäle und Partner. Diese ließen sich nicht auf die Schnelle entwickeln, und deswegen werde es sicher einige Übernahmen geben - es gebe bestimmte vertikale Märkte, in die Oracle hinein wolle.

Noch keine Entscheidung hat Oracle laut Phillips bezüglich eines möglichen Kaufs von J.D. Edwards vorbehaltlich der Übernahme von Peoplesoft getroffen. JDE unterscheide sich aber kulturell von Oracle und Peoplesoft, was für eine Akquisition beider Firmen auf einmal "inkrementelle Risiken" bedeute.

Nach einer Übernahme von Peoplesoft sieht Phillips SAP als größten Rivalen. Oracle könnte nach seiner Einschätzung rund 30 Prozent der bisherigen Peoplesoft-Anwender an die Walldorfer verlieren. "Wir wollen alle Peoplesoft-Kunden halten, aber das größte Risiko sind Anwender mit SAP Financials und Peoplesoft HR. Wir werden alles tun, um diese nicht zu verlieren, aber das passiert schon jetzt." Längerfristig stellen auch Microsoft und Open Source Herausforderungen dar. "Wir müssen das ganze Open-Source-Ding im Auge behalten, auch wenn es heute noch keine Rolle spielt. Vor fünf Jahren war Linux noch kein Faktor, heute aber ist es einer. SAP hat einen großen Marktanteil und hat im Vergleich zu uns und Peoplesoft über die letzten acht Quartale zugelegt", so Phillips. Die Kombination aus Oracle und Peoplesoft würde SAP besser unter Druck setzen können und gleichzeitig Schutz gegen Microsoft bieten.

Unterdessen hat Peoplesoft den erfahrenen Kartellanwalt Gary Reback (54) engagiert, um Oracles feindliche Übernahme abzuschmettern. Der Experte hatte in den 90er Jahren unter anderem die Übernahme von Intuit durch Microsoft verhindert und durch einen achtseitigen Brief an das Justizministerium bezüglich Microsofts Taktiken im so genannten Browser-Krieg gegen Netscape letztlich das große Kartellverfahren gegen den Redmonder Konzern ins Rollen gebracht. (tc)