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Oracle übernimmt das Kommando bei Peoplesoft

16.12.2004

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Obwohl die 10,3 Milliarde Dollar teure Übernahme von Peoplesoft durch Oracle erst im kommenden Januar offiziell vollzogen werden soll, machen sich die Oracle-Verantwortlichen bereits an die Arbeit. So hat Oracles Co-President Charles Phillips schon die Ruder in Peoplesofts Hauptquartier in Pleasanton übernommen. Er bestätigte, Oracle werde die Peoplesoft-Produkte für mindestens zehn Jahre unterstützen. Außerdem sollen innerhalb der nächsten zwei Jahre neue Software-Releases der übernommenen Produkte auf den Markt kommen.

Damit steige jedoch die Komplexität der kommenden Integrationsaufgaben, prognostiziert Albert Pang, Analyst von International Data Corp. (IDC). Auch die Kosten für die unmittelbar anstehenden Aufgaben dürften höher als ursprünglich erwartet ausfallen.

Diese Vermutung weist Oracles Finanzchef Harry You zurück. Oracle wisse sehr genau, welche Kosten zu erwarten seien. Der Datenbankspezialist will schnell die Früchte seines Einkaufs ernten. Bereits ab dem nächsten Fiskaljahr, das im Mai 2005 beginnt, soll die Akquisition ihren Anteil zum Gesamtergebnis beitragen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss Oracle sparen. You geht davon aus, dass Peoplesofts bisherige Marketing- und Verwaltungsaufwendungen fast komplett wegfallen werden. Außerdem ist geplant, das gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsbudget um 150 bis 200 Millionen Dollar zu kürzen. Für die zu erwartenden Restrukturierungskosten hat Oracle vorgesorgt. Eine Milliarde Dollar habe der Konzern dafür beiseite gelegt, berichtet You.

Der Erfolg der Akquisition wird auch davon abhängen, ob es Oracle gelingt, die Peoplesoft-Kunden zu halten. Laut einer Umfrage der Marktforscher von AMR Research ist vor allem die ehemalige J.D.-Edwards-Klientel skeptisch was den weiteren Support durch Oracle betrifft. Viele Anwender hätten bereits gedroht, die Wartungsverträge zu kündigen und Drittanbieter mit der Betreuung ihrer Systeme zu beauftragen. Doch gerade die Wartungseinnahmen sind Experten zufolge das Kronjuwel Peoplesofts. Im abgelaufenen dritten Quartal 2004 belief sich dieser Posten auf rund 320 Millionen Dollar. Für das gesamte Jahr geht man bei Peoplesoft von rund 1,2 Milliarden Dollar Wartungsumsatz aus. Abwanderungen schließen die Oracle-Verantwortlichen auch gar nicht aus. So rechnet Oracle-President Phillips mit über zehn Prozent abtrünnigen Peoplesoft-Anwendern.

Analysten zweifeln, ob die Integration so leicht wird, wie es Oracle glauben macht. Beispielsweise muss der Datenbankspezialist mit der versprochenen Unterstützung der bisherigen Peoplesoft-Produkte auch deren Datenbankanbindung an konkurrierende Systeme supporten. Viele Peoplesoft-Kunden arbeiten mit Datenbanken von IBM und Microsoft. Oracles eigene Applikationen sind dagegen auf die eigenen Datenbank hin zugeschnitten.

Für Christian Glas, Analyst von Pierre Audoin Consultants, wird viel davon abhängen, wie Oracle das Peoplesoft-Portfolio in seine Plattform einbinden kann. Seiner Einschätzung zufolge wird sich der Kampf um das Applikationsgeschäft auf der Infrastruktur-Flanke entscheiden. Hier tritt Oracle gegen SAPs "Netweaver"-Plattform an. Obwohl Oracle auf diesem Feld auf Basis der eigenen weit verbreiteten Datenbank gute Chancen hätte, hat das Unternehmen mit seinem Data-Hub-Konzept noch nicht viel erreicht, bilanziert Glas.

Es ist anzunehmen, dass Oracle die Peoplesoft-Produkte auf die eigene Plattform hin trimmen wird. Vor diesem Hintergrund dürfte die erst vor wenigen Monaten vereinbarte Partnerschaft zwischen Peoplesoft und IBM am Ende sein, mutmaßt Glas. Beide Anbieter hatten vereinbart, die Peoplesoft-Applikationen enger mit IBMs Middlewar-Plattform "Websphere" zu verknüpfen. Oracle-President Phillips hat bereits angekündigt, die verschiedenen Kooperationen Peoplesofts zu prüfen. Zwar habe er noch zu wenige Detailinformationen, was mit IBM vereinbart worden sei. Es könne jedoch nicht im Interesse Oracles sein, zusätzlich mehr IBM-Technik in seinem eigenen Software-Stack zu integrieren, macht Phillips klar. (ba)