Unconscious-Bias-Training

"Oft entsteht so ein Bias sogar aus guter Absicht"

22.05.2020
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Schreibt und bearbeitet Führungs- und Karrierethemen - in der Digitalredaktion von CIO-Magazin, COMPUTERWOCHE, ChannelPartner und Tecchannel. Ihre Schwerpunkte sind CIOs, IT-Arbeitsmarkt, Recruiting, Freiberufler, Aus- und Weiterbildung, IT-Gehälter, Work-Life-Balance, Employer Branding, Führung und und und.  Wenn sie nicht gerade Projekte wie den "CIO des Jahres" betreut. Hofft auf mehr Frauen in der IT.
Im Unconscious-Bias-Training will das Beratungsunternehmen Avanade mit Stereotypen und Vorurteilen aufräumen. HR-Managerin Anna-Maria Friedrich erklärt im Interview, warum das gerade für Führungskräfte und Personalentscheider wichtig ist, und gibt Tipps, wie man selbst gegen Unconscious Bias vorgehen kann.

Was ist ein Unconscious-Bias-Training eigentlich?

Friedrich: "Wer seine Denk- und Glaubensmuster versteht und erkennt, kann eigenen Vorurteilen aktiv entgegenwirken. Das Ziel des Trainings ist es, einerseits überhaupt erst einmal Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen und andererseits die Selbstreflexion der eigenen Voreingenommenheit direkt zu aktivieren."

Anna-Maria Friedrich, Avanade: "Wer seine Denk- und Glaubensmuster versteht und erkennt, kann eigenen Vorurteilen aktiv entgegenwirken."
Anna-Maria Friedrich, Avanade: "Wer seine Denk- und Glaubensmuster versteht und erkennt, kann eigenen Vorurteilen aktiv entgegenwirken."
Foto: Avanade

Wo gibt es konkret Handlungsbedarf?

Friedrich: "Ein Szenario: Frauen können sich durch ihre eigenen Vorurteile teilweise selbst im Weg stehen. Zum Beispiel sehen sie spannende Stellenausschreibungen, bewerben sich aber nicht darauf, weil die Stelle nicht in Teilzeit ausgeschrieben ist - ohne nachzufragen, ob das überhaupt eine Option wäre. Es wäre natürlich gut, wenn Frauen hier mutiger wären, aber: Warum sind so viele Stellenanzeigen unbewusst "männlich" ausgerichtet? Hier können Unternehmen viel gewinnen, Stichwort Fachkräftemangel. Und entsprechend sensibilisierte Führungskräfte sind dabei der Schlüssel.

Oder stellen Sie sich einmal Menschen vor, die mit bestem Wissen und Gewissen der festen Überzeugung sind, nicht voreingenommen zu sein - und die sich dann an der einen oder anderen Stelle doch selbst ertappen. Oft entsteht so ein Bias sogar aus guter Absicht, etwa im kulturellen Bereich. Das kann zum Beispiel relevant sein bei Feiertagen: Wenn da Brückentage frei gegeben werden, ist das zwar gut gemeint, aber nicht jeder Feiertag ist für jeden Mitarbeiter gleich wichtig. Es ist einfach grundsätzlich ratsam, manche Automatismen zu hinterfragen und gegebenenfalls zurückzufahren und Dinge bewusst anzusprechen. Insofern gibt es immer mal Erstaunen und daraus resultieren Akzeptanz und Einsicht."

Unconscious-Bias-Training bei Avanade

Warum und seit wann führt Avanade das durch?

Friedrich: "Uns liegt viel an der Zusammenstellung von gemischten und bunten Teams, aus zwei Gründen: Zum einen sind diverse Unternehmen nachweislich erfolgreicher, weil die Mitarbeiter kreativer arbeiten und zum anderen stellen wir fest, dass davon auch die Arbeitsatmosphäre spürbar positiv profitiert. Darum haben wir dieses Thema bereits vor einigen Jahren auf unsere allgemeine Agenda gesetzt und 2016 im Recruiting damit begonnen, und es wird als Unternehmensziel von allen Mitarbeitenden aktiv verfolgt."

Für welche Zielgruppe sind Unconscious-Bias-Trainings geeignet?

Friedrich: "Generell für jeden. Wenn Unternehmen jedoch zum Beispiel aus Ressourcen-Gründen abwägen müssen, würde ich immer bei den Führungskräften und Personalentscheidern starten. Als eine weitere wichtige Zielgruppe sehe ich neu eingestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und da vor allem die Juniors, also unsere zukünftigen Entscheider. Ein Unconscious-Bias-Training kann zum Beispiel ein Teil des Onboarding-Programms sein, in Verbindung mit der Vermittlung der Unternehmenswerte."

Wie ist das Training aufgebaut?

Friedrich: "Wir haben ein Online-Modul etabliert, dessen Inhalte durch persönliche Übungen vertieft werden. Dabei handelt es sich nicht nur um reine Theorie, weil die Inhalte des Trainings auch durch praktische Übungen erfahrbar gestaltet sind. Das sogenannte FLEX-Modell (Focus, Learn, Engage, eXpand) bildet dabei die Grundlage des Konzepts. Vereinfacht gesagt geht es darum, seine eigenen Überzeugungen zu überprüfen, mit anderen in den Dialog zu treten, daraus zu lernen und so seine Entscheidungsmöglichkeiten zu erweitern."

Ist die Teilnahme freiwillig?

Friedrich: "Die Teilnahme ist insofern verpflichtend, als dass es für Führungskräfte und Hiring-Entscheider Bestandteil ihres definierten Trainingsplans ist. Es ist nicht so, dass das Thema unbeliebt wäre. Unsere Führungskräfte sind sich auch hier ihrer Verantwortung bewusst und verstehen und genießen die Vorteile diverser Teams. Außerdem lässt sich das Training als Online-Veranstaltung von überall aus absolvieren. Das alles trägt zur hohen Akzeptanz bei."

No-Gos im Diversity-Zeitalter

Was sind in Zeiten von Diversity absolute No-Gos in Unternehmen?

Friedrich: "Es gibt nach wie vor einige No-Gos, die herumgeistern, etwa Vorurteile gegenüber einem Geschlecht oder einer Kultur. Dabei sollten Unternehmen bedenken: Der Verzicht auf Talente kostet so viel mehr als vielleicht damit verbundene überschaubare Aufwendungen. Auch die weiteren "klassischen" Voreingenommenheiten etwa in Bezug auf Sexualität oder Alter dürfen heutzutage kein Thema mehr sein.

Andererseits sollte die Erwartungshaltung auch nicht zu groß sein. Der Mensch tickt einfach ein Stück weit, wie er tickt. Entscheidend ist, dass Unternehmen damit und daran arbeiten. Neue Team-Mitglieder müssen sich ja auch erst einmal fachlich einarbeiten. Diese Zeit erhalten sie, und das sollte auch für das Thema Unconscious Bias gelten. Wer allerdings heute noch ein homophobes Tatsch-Monster einstellt, sollte vielleicht seine Recruiting-Kriterien überdenken."

Haben Sie Tipps für Mitarbeiter und/oder Unternehmen, die in Sachen Unconscious Bias etwas unternehmen wollen?

Friedrich: "Es gibt natürlich eine Reihe von Tipps. Das fängt mit so einfachen Dingen an, wie einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Jeder Mensch mit ein wenig Empathievermögen ist dazu imstande: Wie würde ich mich an der Stelle meines Gegenübers fühlen, wenn ich so behandelt werde. Dieses Prinzip, die goldene Regel sozusagen, kennen wir alle. Wir müssen sie nur anwenden. Allerdings ist 'nur' hier kein kleines Wort. Es geht eben viel um die nachhaltige Erzeugung von Bewusstsein. Da sind richtige Trainings schon wichtig. Unternehmen sollten also investieren und das Wort Investment auch bewusst so verstehen: Geld aufwenden, um daraus künftig einen Nutzen zu ziehen. Auch ein einmaliges Training, extern durchgeführt, kann hier schon viel Wirkung zeigen."

Über Avanade

Avanade ist Anbieter von digitalen Services, Business- und Cloud-Lösungen sowie designorientierten Anwendungen auf Basis des Microsoft-Ökosystems und beschäftigt weltweit 38.000 Mitarbeiter in 25 Ländern. Das Unternehmen wurde im Jahr 2000 von Accenture LLP und der Microsoft Corporation gegründet und gehört heute mehrheitlich Accenture. In Deutschland arbeitet Avanade auf ein ausgeglichenes Verhältnis weiblicher und männlicher Mitarbeiter hin, mit wachsendem Erfolg: 30 Prozent der Neueinstellungen sind weiblich.