Kommentar

Office-Tools im Überfluss: Interner Collaboration-Wettstreit bei Microsoft?

Thomas Maier ist als Berater und Trainer zum Thema Collaboration und SharePoint tätig. "Dabei fühlt es sich für mich so an, als ob die User in einer riesigen Villa, einer SharePoint Villa leben würden. Doch leider bewohnen viele Anwender nur eine geringe Fläche in ihrer Villa, der Rest bleibt ungenutzt", so der Autor. Das Ziel des Experten ist es, dass Anwender ihren SharePoint besser ausnutzen und dass sie die bezahlten Funktionen auch nutzen – bevor sie anbauen.
Office 365 Teams ist eine coole Toolsammlung und gefällt mir sehr gut. Auch die App, die man sich dafür herunterladen kann, ist wirklich prima. Zurzeit sprudeln neue Tools und Ideen förmlich aus Microsoft heraus. Ich frage mich manchmal: Wer entwickelt diese ganzen Sachen überhaupt? Hat Microsoft seine Mitarbeiteranzahl verfünffacht?
Microsoft baut konsequent sein Portfolio rund um Tools für Teamarbeit aus.
Microsoft baut konsequent sein Portfolio rund um Tools für Teamarbeit aus.
Foto: Rido - shutterstock.com

Während wir - zumindest gefühlt - vor dem Jahr 2010 nur alle drei Jahre etwas von Microsoft gehört und gesehen haben, so überrascht uns seit einiger Zeit Microsoft fast jeden Monat mit neuen Tools und Entwicklungen.

Microsoft gibt sich aber anscheinend gar nicht damit zufrieden, "ein Tool" für einen Zweck zu entwickeln, sondern es fühlt sich an, als ob jeweils drei oder mehr Tools gegeneinander antreten. Die Foren und Blogs im Internet explodieren förmlich von Artikeln mit "Was nutze ich wann?".

Merkwürdige Entwicklung

Eine eigenartige Entwicklung ist es ja schon, was Microsoft da fabriziert - einmal am Beispiel von Teams. Wir haben zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Teams bereits im Portfolio:

- Yammer

- Skype for Business

- Skype

- SharePoint Newsfeed (abgekündigt)

- SharePoint Blog

- SharePoint Diskussion

- Office 365 Gruppe mit "Unterhaltungen"

Nun wurde also der Entschluss gefasst: Wir entwickeln ein neues Produkt namens Teams. Dazu brauchen wir auch einen Bereich auf dem wir uns unterhalten können. Vielleicht wurde auch mal ein Blick auf das Portfolio geworfen, aber anscheinend wurde dann der Entschluss gefasst: "Ne, das passt uns nicht, wir entwickeln was Neues!". Oder wie ist das bei Microsoft wohl gelaufen?

Laut Microsoft fügt sich Teams nahtlos in das Office-365-Universum ein.
Laut Microsoft fügt sich Teams nahtlos in das Office-365-Universum ein.
Foto: Microsoft

Ihre Meinung ist gefragt!

Das Erstaunlichste ist doch, dass erst vor kurzem Office 365 Gruppen erschienen sind. Die Gruppe integriert sich auch in Outlook, und dort steht dann ein Bereich "Unterhaltungen" zur Verfügung. Soweit ja prima. Auch Microsoft Teams gründet im Hintergrund eine Gruppe. Wenn ich nun in ein Team reingehe, dann sehe ich: "Unterhaltungen". Super Sache, denke ich mir. Dann wechsle ich zu Outlook, dort wird sogar schon meine Gruppe mit dem gleichen Namen eingeblendet. Ich schau auch dort in die Unterhaltung rein und stelle fest: Keine meiner bisherigen Nachrichten wird dort angezeigt. Da haben die Jungs von Microsoft doch tatsächlich zweimal in kurzer Zeit ein Feature entwickelt mit dem Namen "Unterhaltungen", welche dann nichts miteinander zu tun haben…?!?

SkunkWerke

Mich erinnerte die Situation an eine andere Episode in der IT Geschichte: Steve Jobs zu Zeiten von Lisa, dem Vorgänger des Macintosh. Wie ist der Macintosh entstanden? Apple baute einen Computer: das war "Lisa". Steve Jobs war damit nicht glücklich - doch ging er hin und sagte: "Hört auf damit, wir machen jetzt etwas neues?" Nein, das tat er nicht. Er ließ den Großteil der Belegschaft weiter an Lisa arbeiten. Nur die besten Mitarbeiter zog er heraus und ließ sie völlig frei etwas Neues kreieren ohne Zwänge, an irgendetwas Bestehendes anzuknüpfen zu müssen.

In einer Firma wurde also zweimal das gleiche Produkt entwickelt. Diese konkurrierten dann miteinander. Man nennt diese "Unterabteilung" dann SkunkWerk. Wer Lust hat, kann ja mal danach Googeln. Ob das irgendwas mit dem Geschehen bei Microsoft zu tun hat, weiß ich natürlich nicht. Als Außenstehender wirkt es aber so, als ob es nicht nur ein SkunkWerk dort gibt, sondern vielleicht auch gleich vier oder fünf… Das ganze bleibt also spannend.

Ist das überhaupt ein Problem, wenn es mehrere Tools für einen Zweck gibt?

Nun nochmal zurück zu der Frage: "Wann nutze ich was?" Gibt es wirklich ein Problem oder wird hier nur etwas zum Problem gemacht?

Wie oben bereits gesagt, wird viel über das Thema "Wann nutze ich was?" diskutiert und viele Nutzer und Entscheider sind davon auch ein Stück weit verunsichert. Das Problem gibt es aber überall. Die allgemeine Verunsicherung ist aber wohl eine Besonderheit, welche speziell in der IT-Welt da ist.

Denken Sie doch mal an Ihren Büromöbel-Hersteller: Haben Sie vor einem Stuhlkauf, alle Stühle ausprobiert, welche der Hersteller Ihnen angeboten hat? Haben Sie auch alle Stühle von den anderen Herstellern getestet und dann Rankings erstellt?

Sind Sie verunsichert, nachdem Sie einen Stuhl gekauft haben? Gerade dann, wenn Ihr Büromöbel-Hersteller danach eine weitere Serie auf den Markt gebracht hat? Hinterfragen Sie dann Ihre Entscheidung? Beklagen Sie sich auch, wenn Sie ins Möbelhaus kommen, dass Sie schier am Verzweifeln sind, weil es ja alleine in diesem Möbelhaus hunderte ähnlicher Stühle gibt?

Wir können mit einem Überangebot an Produkten in anderen Branchen wohl deutlich besser umgehen als im IT-Bereich. Dort waren wir es gewohnt, dass es "EIN" Textverarbeitungsprogramm gibt, "EINE" Tabellenkalkulation und "EIN" E-Mail-Programm. Der Hersteller hat uns schlicht keine Wahl gelassen. Es scheint so, als würde sich das in Zukunft ändern - und wir müssen wohl auch in Zukunft lernen damit umzugehen. (hal)