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Novell: Chris Stone spricht Klartext

21.03.2002
Nach dreijähriger Auszeit ist Querdenker Chris Stone zurück bei Novell. Am Rande der Hausmesse Brainshare stand der Vice Chairman Rede und Antwort.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach seinem Weggang im Jahr 1999 ist Chris Stone seit kurzem wieder bei Novell. Als Vice Chairman, Office of the CEO steht er dem früheren CTP-Chef und neuen Novell-Chief-Executive Jack Messmann bei der strategischen Neuausrichtung des Unternehmens zur Seite. Am Rande der Hausmesse Brainshare gab er den US-Kollegen von der "Computerworld" ein interessantes Interview.

CW: Sie haben in Ihrer Keynote angekündigt, Sie würden Microsoft in Sachen aggressiver Taktik den Schneid abkaufen. Könnten Sie das ein wenig ausführen?

STONE: Microsoft hat in der Vergangenheit auf unseren Channel gezielt. Sie suchen nach unseren Partnern im Kanal und geben ihnen NT, wenn sie Netware dafür fallen lassen. Das ist ihre Strategie, und die war sehr erfolgreich. Warum sollten wir das also nicht auch tun? Novell ist eine von diesen Firmen, die nur herumsitzt und jammert. Damit machen wir Schluss. Wir gehen zum selben Channel und sagen: "Hey, was haltet Ihr von Netware 6 kostenlos?" Zurzeit kassieren wir von unseren Channel-Partnern nämlich eine horrende Summe dafür, dass sie auf unsere neuen Produkte upgraden.

Wenn Sie eine Kostenanalyse machen, ist das so: Wenn Sie eine bestimmte Plattform wegschenken, dann verkaufen Sie etwas anderes - so macht es Microsoft. Sie haben unseren Kanal auf unsere Kosten gekauft und dabei noch zusätzlichen Umsatz generiert. Warum machen wir das nicht genauso? Das tun wir einfach.

CW: Warum haben Sie das dann nicht hinbekommen, als Sie früher schon einmal bei Novell waren?

STONE: Unter Eric Schmidt hatte ich dazu nicht die ausreichenden Befugnisse. Ich war ein Terrorist ohne Land.

CW: Wie wollen Sie denn Ihren Plan für aggressiveres Marketing auf Kosten von Microsoft mit Ihrem Ziel von besserer Integration und Schnittstellen unter einen Hut bringen, das wiederum stark von Microsoft abhängt?

STONE: Die Balance mit Microsoft müssen wir vor allem in zwei Schlüsselbereichen erarbeiten: Aus der Protokoll-Perspektive werden wir SOAP [Simple Object Access Protocol] unterstützen - nicht als Wrapper, sondern native SOAP-Protokolle. Und wir müssen auch Active Directory weiterhin unterstützen. Tatsächlich werden wir "Zenworks" entsprechend erweitern. Das ist ein bisschen etwas anderes als die Leute von uns erwarten.

Und aus der Entwicklersicht, wenn Microsoft sein ".Net" mit einigen seiner Dienste herausbringt, dann müssen ihre und unsere Developer-Teams zusammenrücken und öfter kommunizieren. Es wird also bei einigen Protokollen und Entwicklersachen eine freundliche Kooperation geben, aber natürlich Kampf auf dem Markt um Umsätze. Das ist für unsere Anwender wichtig, weil einfach jeder dieses Zeug hat.

CW: Bekommen Sie von Microsoft alles was Sie brauchen?

STONE: Nein, absolut nicht.

CW: Was tun Sie dagegen?

STONE: Da gibt es mehrere Wege. Wir können freundlicher sein und stärker kooperieren, vor allem mit ihrem Entwickler- und Evangelism-Team, wo sie uns tatsächlich ein paar von den Schnittstellen geben, die wir gern hätten. Und es gibt andere Mittel.

CW: So wie Sun es gerade macht - Microsoft auf eine Milliarde Dollar verklagen?

STONE: Andere Mittel, zu denen ich hier nichts sagen werde. Sagen wir einfach, sie sind ein aggressiver Haufen und wir sollten uns nicht zurücklehnen und tatenlos zusehen.

CW: Wie würden Sie Ihr Arbeitsverhältnis zu Microsoft beschreiben?

STONE: Die meisten von den Typen kenne ich. Sie erinnern sich - als Gründer der OMG habe ich dieses Ding namens CORBA [Common Object Request Broker Architecture] gebaut, ich habe mir also mit diesen Jungs lange Zeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Als wir CORBA erträumten, da haben sie entschieden "Das können wir besser", und dann kamen sie mit OLE [Object Linking and Embedding], COM [Component Object Model] und schließlich DCOM [Distributed Component Object Model]. Also wir haben auf jeden Fall eine Beziehung.

CW: Hat Novell den Java-Zug verpasst?

STONE: Ja, absolut. Das haben wir versaut.

CW: Worauf führen Sie das zurück?

STONE: Wir konnten nicht loslassen. Wir konnten uns nicht von NLMs [Netware Loadable Modules] trennen, wir konnten uns nicht von NCPs [Netware Core Protocols] trennen. Es gibt eine Million von diesen proprietären Schnittstellen in Novells Produkten. Selbst als Eric Schmidt damals von Sun zu Novell kam, konnte ich ihn nicht überreden, das los zu werden.

CW: Machen Sie sich angesichts der starken Partnerschaft zwischen Novell und Compaq Sorgen um den geplanten Merger von Compaq mit Hewlett-Packard?

STONE: Ich mache mir höchstens Gedanken um einigen Schwung, weil sie so tief in diese Sache verstrickt sind. Fusionen brauchen Zeit. Wenn man sich Compaq ansieht, dann schlucken sie immer noch an den Übernahmen von Tandem und DEC - das ist noch nicht abgeschlossen, klare Sache. Dies wäre also nur eine riesige Ablenkung. Für Novell geht es um diese Ablenkung und wie sich die auf unsere Fähigkeit auswirkt, gemeinsam mit Compaq voran zu kommen.

CW: Was kann Novell für Anwender tun, die verschiedene Produkte gekauft und diese noch nicht unter einen Hut gebracht haben?

STONE: Nun, man hat ihnen einen Haufen Dinge verkauft - da muss man einfach ein Portal anschaffen. Wie viele IT-Abteilungen kennen Sie, die tatsächlich ein paar Portale über ihre eigenen Umgebungen hinaus integriert haben? Nennen Sie mir eine - es gibt keine. Es ist wirklich traurig, wie viel Geld für Dinge wie iPlanet ausgegeben wurden, damit man ein Portal bekommt.

Wie viele solcher Projekte sind noch im Gange, wie viele eingestellt? Nur ganz wenige gibt es noch - deswegen wird zurzeit wenig gekauft. Sie haben sich alle ausgebremst und werden nicht damit fertig, den ganzen Schrott zu implementieren, den sie in den letzten paar Jahren angeschafft haben. An sich ist das aber eine Chance; es bietet uns interessante Möglichkeiten, eine Reihe von Services an den Mann zu bringen.

CW: Sie haben manch gute Technik. Macht das Novell zu einem primären Übernahmekandidaten?

STONE: Nein, das interessiert uns nicht. Als Management wollen wir das einfach nicht. Wir wünschen uns, dass das Unternehmen aus eigener Kraft Erfolg hat.

CW: Glauben Sie, dass Sie dafür die nötige Technik und Ressourcen schon besitzen?

STONE: Nein, das tun wir nicht.

CW: Müssen dann Sie auf Einkaufstour gehen? Falls ja: Welche Lücken gilt es zu füllen?

STONE: Ja. Wir haben eine Menge über Web-Services geredet. Was ist hier die fehlende Komponente? Ein Autorenwerkzeug. Im Bereich Web-Services braucht man einen Application Server, man braucht eine komplette Authoring- und Entwicklungsumgebung. Das ist ein interessantes Feld, auf dem wir uns umsehen sollten.

CW: Sie arbeiten ja mit Bea zusammen, das gerade ein Autoren-Tool für Web-Services herausgebracht hat. Werden Sie in diesem Bereich etwas mit Bea machen?

STONE: Wir werden weiter mit Bea arbeiten, wir haben eine enge Beziehung zu ihnen. Aber wir müssen natürlich abwarten, wie sich die Beziehung entwickelt.

CW: Wenn Sie zurückblicken und irgendeine Entscheidung rückgängig machen könnten, die Sie in Ihrer Zeit bei Novell trafen - welche wäre das?

STONE: Wegzugehen. Deswegen bin ich ja zurückgekommen.

(tc)