Apple Car

Nissan will sich nicht degradieren lassen

16.02.2021
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Medienberichten zufolge hat es der japanische Autobauer Nissan abgelehnt, Autos für Apple zu bauen. Man könne darüber reden, Apple-Dienste zu den eigenen Fahrzeugen hinzuzufügen, aber nicht umgekehrt.
Grünes Licht fürs Apple Car? Nissan scheint kein Interesse daran zu haben, Auftragsfertiger für den iPhone-Konzern zu werden.
Grünes Licht fürs Apple Car? Nissan scheint kein Interesse daran zu haben, Auftragsfertiger für den iPhone-Konzern zu werden.
Foto: zomby - shutterstock.com

Apples Einstieg in den Automarkt gestaltet sich offenbar nicht so reibungslos, wie man es sich im Apple Park im kalifornischen Cupertino vorstellt. Nach Informationen der "Financial Times" ist eine potenzielle Partnerschaft mit Nissan wegen unterschiedlichen Vorstellungen über die Markenhoheit gescheitert. Apple wollte die Japaner demnach überzeugen, Autos mit Apple-Brand zu fertigen, doch für Nissan kommt der Bau eines Fahrzeugs ohne eigene Marke nicht in Frage.

Das Apple Car und die Urangst vor dem Silicon Valley

Die US-amerikanische Medienseite "Ars Technica" titelte süffisant: "Nissan will nicht das neue Foxconn der Autoindustrie werden". Dahinter steckt die Urangst von Nissan und anderen Autobauern, von Silicon-Valley-Unternehmen wie Apple, Google und auch Tesla überrannt und zu "Hardwarelieferanten" degradiert zu werden. Der Inbegriff eines solchen Auftragsfertigers ist Foxconn aus Taiwan: Das Unternehmen stellt an verschiedenen Produktionsstätten in China Smartphones, Computer und andere Elektronikprodukte in großen Mengen für Apple und andere Hightech-Unternehmen her - zu geringen Löhnen und unter oft menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen.

Nissans Chief Operating Officer Ashwani Gupta sagte der Financial Times, man werde natürlich berücksichtigen, was die Kunden wollten. "Daher könnten wir durchaus eine Partnerschaft mit Apple eingehen. Aber dazu müssten wir ihre Services an unser Produkt anpassen, nicht umgekehrt." Immerhin darf sich Nissan als Pionier in der Elektromobilität bezeichnen: Den Nissan Leaf gab es schon vor mehr als zehn Jahren.

Apple indes dürfte versuchen, über seine starke Marke und seine jahrzehntelange Erfahrung im Design von Benutzerschnittstellen in den Automarkt vordringen. Derzeit beweist Tesla eindrucksvoll, dass Software und ein gutes User Interface durchaus eine disruptive Kraft entfalten können. Weitere Wettbewerbsfelder sind das autonome Fahren und eine zukunftsfähige Batterietechnik - Bereiche, in denen Apple ebenfalls die Herausforderung annehmen will.

Mobilität der Zukunft - Autobauer in der Defensive

Die klassischen Autobauer haben diesen mehrfachen Paradigmenwechsel in Richtung autonomes Fahren, E-Mobilität und Usability in den vergangenen Jahren zu spät erkannt oder waren aufgrund ihrer über Jahrzehnte etablierten Strukturen nicht in der Lage, schnell genug zu reagieren. Jetzt bemühen sie sich mit aller Macht, die Angriffe seitens der IT-Wettbewerber abzuwehren.

Doch das dürfte schwer werden. Gerade erst Mitte Januar berichteten Medien von großen Softwareproblemen beim Volkswagen-Konzern. Fahrer des Golf 8 und des Elektrofahrzeug Golf ID.3 klagten über zu häufige Fehlermeldungen und ein unsicheres Fahrgefühl. Volkswagen-Chef Herbert Diess hatte zuvor angekündigt, die Wolfsburger wollten bei der Software im Fahrzeug künftig eine Spitzenposition einnehmen. Rund 27 Milliarden Dollar sollen in diesen Bereich fließen, unter anderem in ein eigenes Betriebssystem für die Fahrzeuge aller Kernmarken.

Apples offensive Partnersuche im Automarkt zeigt, dass der Markteintritt der Silicon-Valley-Giganten nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Die Nachrichtenagentur "Bloomberg" berichtete etwa von Apples Verhandlungen mit Kia und dessen Muttergesellschaft Hyundai, die allerdings ergebnislos abgebrochen worden sein sollen. Laut Financial Times soll sich Apple auch um BMW als potenziellen Partner bemüht haben.

Wie "MacRumors" berichtet, arbeitet Apple schon seit 2014 mit zunächst 1.000 Mitarbeitern an Technologie für selbstfahrende Autos (Project Titan). Schon bald war von Tiefschlägen zu hören, 2016 soll das Projekt vor dem Aus gestanden haben. Geschäftsführer und Hunderte von Mitarbeitern mussten gehen, doch dann übernahm John Giannandrea, Apple's KI- und Machine-Learning-Boss, die Verantwortung und war erfolgreicher. Ein nächster Schritt gelang mit der Einstellung von Tesla-Ingenieur Doug Field im Jahre 2018.

Apple Car - in Eigenregie nach Übernahme?

Seit Dezember 2020 ist nun absehbar, dass Apple an einem Premium-Fahrzeug arbeitet, das in drei bis sechs Jahren herauskommen und voraussichtlich von Anfang an vollständig autonom fahren wird. Dafür entwickelt der Konzern ein neues "Monozellen"-Batteriedesign, das die Kosten für Batterien stark senken und die Reichweite des Fahrzeugs erhöhen soll. Diese "Next-Level-Technologie" soll ähnliche Maßstäbe wie das erste iPhone setzen, schreibt MacRumors.

Allerdings müssen Testfahrten bei einer kalifornischen Aufsichtsbehörde angemeldet werden, und deren Angaben zufolge hat Apple bislang weit weniger Tests durchgeführt als beispielsweise die Google-Tochter Waymo oder das Startup Cruise. Letzteres ist ein Joint Venture von GM und Honda, das bereits 770.000 Testmailen auf Kaliforniens Straßen zurückgelegt hat. Die Google-Tochter hat es auf 629.000 Meilen gebracht, allerdings testet sie auch in anderen US-Bundesstaaten.

Sollte Apple keinen Partner in der Automobilbranche finden, könnte sich der iPhone-Bauer mühelos einen Autobauer kaufen. In den Kassen des höchstbewerteten Unternehmen der Welt (Börsenwert: 1,9 Billionen Dollar) schlummert ein Cash-Bestand von über 77 Milliarden Dollar. Unternehmen wie Nissan, Ford oder Stellantis (Fiat Chrysler und Groupe PSA) könnte Apple also nahezu aus der Portokasse bezahlen.