Newsletter von Ed Yourdon progressive Entwickler sollen jetzt zu Guerilla-Taktiken greifen

18.02.1994

MUENCHEN (CW) - Der Softwaremethoden-Guru Ed Yourdon haelt offenbar die DV-Manager in vielen Unternehmen fuer innovationsfeindlich. In der Ankuendigung zu seinem neuen Newsletter "Ed Yourdons Guerilla Programmer" fordert er die Entwickler an der Basis zur Beseitigung verkrusteter DV-Strukturen auf.

Vergangenheitsorientierte Manager seien daran schuld, so moniert Yourdon, dass "mehr als eine halbe Million Mitarbeiter in den vergangenen zwei Jahren von Computeranbietern entlassen wurden". Auch beim Downsizing in den Anwenderunternehmen seien von den Programmierern vor allem die bis dato gehaetschelten Spezialisten fuer MVS/CICS, IMS und Cobol auf der Strecke geblieben.

Angesichts eines verstockten DV-Managements bleibe den Entwicklern nur noch die Wahl, entweder dem Unternehmen und sich selbst mit Hilfe von Guerilla-Taktiken eine Zukunft zu schaffen oder zu gehen. Mit diesem Ausweg, den Yourdon als letzte Konsequenz der meisten von ihm empfohlenen Taktiken fordert, verlangt er den Programmierern angesichts der derzeitigen Arbeitsmarktsituation allerdings nicht wenig Mut ab. Hier einige von Yourdans Kampfparolen im gekuerzten Wortlaut.

Taktik 1: Warnung vor dem Umstieg auf C++

Zwar hat sich der Einsatz von objektorientierten Techniken in den vergangenen 18 Monaten verdreifacht, doch gleichzeitig sackte deren Ansehen unter neuen Techniken vom ersten auf den letzten Platz ab. Beim Aufspringen auf den Objekt-Zug ist also Vorsicht angebracht.

Fazit: Entgegen anderslautenden Behauptungen ist der Umstieg von C nach C++ keineswegs der einfachste Weg zur Objektorientierung. Vielmehr kann das Erlernen von C++ zum Desaster werden, solange man nicht neben der Sprache das objektorientierte Konzept verinnerlicht hat. Am besten laesst sich diese Grundlage aber ohne Vorkenntnisse irgendeiner Programmiersprache erwerben.

Taktik 2: Neue Ueberlebenstechniken

Fuer Entwickler, die Client-Server-Techniken, objektorientierten Methoden und Windows NT auszuweichen versuchen, ist es hoechste Zeit fuer eine Umschulung. Unsere Zivilisation wird nicht mehr lange auf CICS- und IMS-Programme angewiesen sein.

Fazit: Die DV-Organisationen ignorieren aktuelle Techniken auf eigene Gefahr - das gilt auch fuer Programmierer. Entwickler, die bei ihrer Fortbildung von ihrem Arbeitgeber behindert werden, sollten sich daher nach einem anderen Job umsehen.

Taktik 3: Wann es Zeit ist, zu gehen

Entwickler, die den Eindruck haben, ihre bisher altmodische DV- Organisation sei noch zu retten, sollten

- eine Diskussion unter Kollegen anregen,

- am Diskurs in oeffentlichen Netzen e la Compuserve und Internet teilnehmen,

- Fachleute von aussen in das Unternehmen einladen,

- die Kosten fuer moderne Vorgehensmethoden erkunden und

- Verbesserungen von sich aus initiieren und einfuehren.

Fazit: Wehrt sich das Unternehmen beharrlich gegen solche Aktivitaeten, so ist das ein klares Zeichen dafuer, dass die Organisation doch nicht zu retten ist. Dann ist es hoechste Eisenbahn, sich ein lohnenderes Betaetigungsfeld zu suchen.

Taktik 4: Das Risiko des sicheren Arbeitsplatzes

Sich selbststaendig machen ist riskant. Diese Entscheidung sollte nie fallen, wenn man bereits entlassen ist, sondern vielmehr das Ergebnis einer etwa einjaehrigen Informationsphase und intensiver Gespraeche mit Freelancern sein. Fazit: Auch wer glaubt, dass seine Arbeitsstelle sicher ist, sollte sich gleichwohl bewusst machen, dass es riskanter sein kann in einem konservativen Unternehmen zu bleiben, als zu gehen. Dann kann man wenigstens ueber die eigene Zukunft selbst entscheiden.