Chemie, Gesundheit, Medien und mehr

Neue Digital Hubs sollen Wirtschaft in die Spur bringen

21.04.2017
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director a.D. von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO.
Geht die digitale Transformation in Deutschland schnell genug? Hinken deutsche Firmen hinterher? Die Meinungen dazu sind unterschiedlich, doch die von der Politik forcierten Digital Hubs, die gemeinsame branchenweite Projekte fördern und den Betrieben Hilfestellung geben sollen, machen Hoffnung. Sieben neue Hubs wurden soeben angekündigt.

Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, hat sieben neue Digital Hubs angekündigt. Bis Mitte März konnten Städte ihr Interesse beim Ministerium anmelden. Ein unabhängiger Beirat, der mit prominenten Persönlichkeiten unterschiedlicher Profession besetzt ist, fällte nun folgende Entscheidung:

  • Chemie wird in Ludwigshafen und Mannheim ansässig,

  • Future Industries in Stuttgart,

  • Gesundheit in Nürnberg und Erlangen,

  • InsurTech in Köln,

  • Künstliche Intelligenz in Karlsruhe,

  • Medien in Potsdam und

  • Smart Systems, Energie und Internet of Things in Dresden und Leipzig.

Bereits zum IT-Gipfel Ende 2016 in Saarbrücken hatte das Bundeswirtschaftsministerium den Startschuss für die ersten fünf "Digital Hubs Germany" gegeben. Sie sollen die regionale und internationale Zusammenarbeit von Unternehmen und Gründern fördern - rund um die Themen einer Leitindustrie oder einer zentralen Technologie. Vorbild ist das Silicon Valley, wo eine Kombination aus Gründern, Startups, großen Technologieunternehmen und exzellenten Wissenschaftlern ständig digitale Innovationen hervorbringt.

Die ersten fünf Digital Hubs

In Dortmund und Hamburg organisieren sich mittlerweile die Logistiker in einem solchen Hub, wobei in der Westfalenmetropole die Intralogistik im Mittelpunkt steht, während sich die Hansestadt auf maritime Themen sowie City-Logistik konzentriert. Ein hessischer Hub mit Schwerpunkt in Frankfurt am Main und Darmstadt beschäftigt sich mit der Banken- und Fintech-Welt. Auch Berlin ist ein Standort für Fintechs, aber ebenso für das Internet of Things. Themen rund um die Mobilität bearbeitet der Münchner Hub.

Treibt den digitalen Wandel der deutschen Wirtschaft mit "Digital Hubs" voran: Brigitte Zypries, Bundeswirtschaftsministerin.
Treibt den digitalen Wandel der deutschen Wirtschaft mit "Digital Hubs" voran: Brigitte Zypries, Bundeswirtschaftsministerin.
Foto: BMWi/Susanne Eriksson

Die Arbeit in diesen ersten fünf Hubs hat schon begonnen. So entwickeln in Frankfurt Banken und Startups gemeinsam innovative Finanzlösungen. In München wurde Anfang Februar der Mobility Hub eröffnet, am 1. Mai soll die erste Phase der "Digital Product School" starten. Dort arbeiten Mitarbeiter von Audi, BMW, Daimler und SAP gemeinsam mit Studenten an konkreten Kundenproblemen rund um die Mobilität der Zukunft. Zudem haben 30 Unternehmen ihre Bereitschaft zur Mitarbeit im Hamburger Logistik-Hub bekundet, der zum 1. April startete. Auch in Dortmund können Unternehmen schon verschiedene Logistik-Technologien testen, der offizielle Start dieses Hubs erfolgt in ein paar Wochen.

Bitkom: Digitalisierung ist eine große Herausforderung

Der ITK-Branchenverband Bitkom bergüßt die Initiative. "Mit den digitalen Hubs schaffen wir Orte, an denen die Unternehmen Seite an Seite arbeiten, Erfahrungen und Lösungsansätze austauschen und die modernsten Technologien wie 3D-Drucker und Virtual-Reality-Brillen nutzen können", sagt Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. "Wir wollen die Digitalisierung nicht nur bewältigen, wir wollen sie gestalten. Die Hubs sollen internationale Standards setzen und weltweite Strahlkraft entwickeln."

Wie der Bitkom aus einer repräsentativen Umfrage unter 504 Unternehmen aus allen Branchen erfuhr, verfolgen derzeit 76 Prozent eine Strategie, um den digitalen Wandel zu bewältigen. Mehr als die Hälfte bezeichnet die Digitalisierung als große Herausforderung für das eigene Unternehmen. Rohleder glaubt, dass es den Firmen an konkreten Hilfestellungen, Partnern und Räumlichkeiten fehlt, um gemeinsam neue Technologien und Lösungen zu entwickeln und zu testen.

Boston Consulting Group: Die Schere geht auf

Während Politik und Wirtschaft hierzulande zuversichtlich in die digitale Zukunft schauen, erkennt die Management- und Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) auch Warnsignale. Sowohl in Deutschland als auch in den USA öffne sich eine große Schere zwischen den Unternehmen, die ein hohes digitales Leistungsniveau erreichten, und denen, die den Anschluss nicht halten könnten. "In Branchen wie dem Einzelhandel zeigt sich diese Veränderung bereits", warnt Michael Grebe, Senior Partner und Technologieexperte bei BCG. Einige Unternehmen hätten sich mit digitaler Kundenansprache und Service-Orientierung zu Vorreitern aufgeschwungen, doch ebenso hätten viele etablierte Händler ihre Geschäfte mit stationärem Handel oder Katalogversand nicht ins Netz übertragen können.

Michael Grebe, Boston Consulting Group, warnt davor, dass die Digitalisierung viele Unternehmen abhängen könnte.
Michael Grebe, Boston Consulting Group, warnt davor, dass die Digitalisierung viele Unternehmen abhängen könnte.
Foto: Boston Consulting Group

In den USA gibt es laut BCG-Analyse mehr digitale Vorreiter und weniger Nachzügler als in Deutschland. Zudem gelinge es den Spitzenreitern dort sehr gut, digitalen Fortschritt in zusätzliche Unternehmenswerte umzusetzen. US-Unternehmen halten sich selbst für sehr gut darin, digitale Projekt ein eigenen Accelerator-Centern voranzutreiben. Die deutschen Vorreiter sehen ihre Stärke indes darin, klare digitale Zielbilder für das gesamte Unternehmen zu entwickeln.

Telcos hui, Maschinenbauer pfui

Ein Blick auf die Branchen zeigt laut BCG, dass der Maschinenbau in Deutschland wie auch in den Vereinigten Staaten zu den Branchen gehört, in denen der Anteil der digitalen Vorreiter besonders gering ist (20 beziehungsweise 19 Prozent). Die Telekommunikationsbranche (Deutschland: 31 Prozent; USA: 41 Prozent), Technologieunternehmen (24 Prozent/29 Prozent) und Banken (29 Prozent/27 Prozent) haben diesbezüglich einen klaren Vorsprung. Grundlage der Untersuchung ist dabei der BCG-eigene "Digital Acceleration Index" (DAI), der auf einer Selbsteinschätzung des digitalen Reifegrads von Unternehmen in 27 Digital-Dimensionen beruht. Wer auf 67 bis 100 Indexpunkte kommt, zählt zu den Vorreitern, wer es auf weniger als 43 Punkte bringt ist nach der BCG-Definition ein Nachzügler.

Die Vorreiter zeichnen sich etwa dadurch aus, dass sie ein hohes digitales Investitionsvolumen haben (die Hälfte bringt es auf mehr als fünf Prozent der Betriebskosten), junge Talente gewinnen und eine digitale Kultur leben. In diesen Unternehmen ist die Digitalisierung Chefsache und wird vom Vorstand vorangetrieben. Er setzt ambitionierte Ziele und steuert diese über ein Transformation-Office. Diese Unternehmen arbeiten mit agilen Methoden, vermeiden die Pilotierung technischer Gimmicks und nutzen Prozessdigitalisierung, um die Performance zu steigern.

Die Vorreiter eint zudem der Gedanke, ihre digitalisierte Produktion ausbauen und ihre IT effizienter aufstellen zu wollen. "Mit Beginn der Digitalisierung haben sich viele Unternehmen einen regelrechten IT-Dschungel aufgebaut", so Grebe. Auch die Nachzügler planen, ihre IT-Landschaft zu verbessern. Außerdem wollen sie in der digitalen Kundenansprache Gas geben und dabei ihre Kundendaten besser nutzen. (hv)