Novitätenparade von Big Blue richtet sich gegen Anbieter von technisch- wissenschaftlichen Systemen:

Neue 4300er eröffnen IBM-Scientific-Offensive

23.09.1983

STUTTGART (ha) - Mit der Ankündigung neuer Midrange-Produkte weist IBM nicht nur die Universalrechnerkonkurrenz in die Schranken, sondern geht erstmals auch massiv gegen traditionelle Minicomputeranbieter wie Digital Equipment und Data General vor. Der Marktführer preist die Systeme 4361 und 4381 - unterstützt durch einen Sack voll Softwarenovitäten - gleichermaßen für technisch-wissenschaftliche wie kommerzielle Anwendungen an. Drastische Preissenkungen bei den bisherigen 4300-Rechnern, bei der Serie 3083 sowie Modellerweiterungen bei der 3083 E auf 24 und 32 MB dürften nach Ansicht von Marktbeobachtern den IBM-Wettbewerb zu Gegenreaktionen zwingen.

Das Announcement der neuen 4300-Prozessoren, die unter dem Codenamen "Glendale" in Zusammenarbeit der europäischen IBM-Töchter entstanden sind, hat im unteren Mainframe-Bereich eine veränderte Situation geschaffen. Nicht nur die "Allround-Funktionen" der neuen Maschinen, sondern auch ein deutlich verbessertes Preis-/Leistungsverhältnis setzt die IBM-Konkurrenz in Zugzwang. Ging der Marktführer mit den Ankündigungen der letzten Jahre vornehmlich gegen PCM-Mitbewerber vor, so wird deutlich, daß mit der Produktstrategie für die neuen 4300-Systeme jetzt auch die "Nicht-Kompatiblen" Honeywell, Univac und Burroughs sowie, im technisch-wissenschaftlichen Bereich, traditionelle Minimaker wie Digital Equipment, Data General oder Prime ins Visier genommen werden. (siehe Kolumne Seite 7)

Die neuen Prozessoren erweisen sich als regelrechte Low-cost-Systeme. Einstiegsmodelle der 4361-Reihe mit jeweils 2 MB Hauptspeicherkapazität bieten die Stuttgarter für rund 420 000 Mark (Modellgruppe 4) und 550 000 Mark (Modellgruppe 5) an. Grundversionen der 4381 mit jeweils 4 MB Zentralspeicherkapazität und sechs Kanalpfaden kosten 910 000 Mark (Modellgruppe 1) beziehungsweise etwa 1,2 Millionen Mark (Modellgruppe 2).

Gleichzeitig senkt Big Blue die Kaufpreise für das System 4331 um 11 bis 13 Prozent und für die 4341 um 13 bis 18 Prozent. Heruntergesetzt wurden auch die Kosten für Hauptspeichererweiterungen und die Verkaufspreise für die Magnetbandeinheit 3420 einschließlich Steuereinheit um 15 Prozent. Bereits vor einer Woche gab IBM Preisreduktionen für Mainframe-Jumbos der Serien 3083, 3081 und 3084 bekannt.

Mit den neuen Rechnern schließt der Marktführer jetzt die Lücke, die bisher zwischen den Systemen 4341 und 3083 klaffte, in der sich vor allem die japanischen PCM-Anbieter Fujitsu und Hitachi - hierzulande durch Siemens, BASF und National Advanced Systems (NAS) vertreten - erfolgreich breitmachten. Falls die 4361 nicht die anderen Systeme der 4300-Serie und die 4381 nicht die bisherigen 3083E-Prozessoren ersetzen sollen, geben die Leistungsüberlappungen bisher selbst IBM-Beobachtern noch Rätsel auf. So bezeichnen die Stuttgarter die 4361 mit ihren Modellgruppen 4 und 5 als eine konsequente Weiterentwicklung und Ergänzung der 4331 unter Beibehaltung der /370-Architektur. Bereits installierte 4331-Systeme könnten beim Kunden zur leistungsstärksten 4361-5 ausgebaut werden. Die Leistung dieses Modells übertrifft IBM-Angaben zufolge eine 4341-2 bei kommerziellen Anwendungen um den Faktor zwei bis drei, bei technisch -wissenschaftlichen Anwendungen um den Faktor drei bis sechs. Das wesentlich verbesserte Leistungsverhalten bei technisch-wissenschaftlichen Applikationen sei neben einem veränderten Systemdesign, einem neuen Instruktionsprozessor und einem dedizierten Kanalprozessor, vor allem auf die Einrichtung für Gleitkomma-Multiplikationen zurückzuführen. Diese bewirke, daß sich das System bei derartigen Rechenvorgängen wie eine 64-Bit-Maschine verhalte. Zudem werde das neue Softwarepaket "Acrith" zur Erreichung maximaler Genauigkeit bei Gleitkommaoperationen bei der 4361 durch Mikrocode-Instruktionen unterstützt.

Der auf Large-Scale-Integration-Technologie (LSI) basierende Rechnerkomplex verfügt über eine Hauptspeicherkapazität von zwei bis zwölf Megabytes. Unterstützt wird die 4361 wahlweise durch die Betriebssysteme SSX/VSE, DOS/VSE VM/SP und OS/VS1. Die Modellgruppe 5 ermöglicht darüber hinaus den Einsatz von MVS/370.

Die Hauptspeicherkapazität der 4381 ist von 4 bis 16 MB ausbaubar. Der Prozessor unterstützt alle wesentlichen IBM-Betriebssysteme wie MVS/XA, MVS/370, VM/XA Migration Aid VM/SP, DOS/VSE und OS/VS1. Zwei Mikroprogrammroutinen mit Anwendungsfunktionen sollen die Ausführung technisch-wissenschaftlicher Programme beschleunigen. Das neue Programmprodukt "Engineering/Scientific Assist" (E/S Assist) unterstützt dabei laut IBM die Vektorrechnung und verkürzt die Ausführungszeit um bis zu 35 Prozent gegenüber der Verarbeitung in Anwender-Unterprogrammen. Mit einer weiteren Softwarenovität, dem "Elementary Math. Library Assist" (EMLA) könne der Prozessor 4381-2 die mathematischen Funktionen Logarithmus, Exponentialfunktion und Quadratwurzel gegenüber normaler Instruktionsverarbeitung in einem bis zu 64 Prozent kürzeren Zeitraum ausführen.

Erstmalig zum Einsatz bringt die IBM auf der 4381 ein Kühlsystem, bei dem zur Abführung der entstehenden Wärme jeder Mehrschichtkeramikträger mit einem eigenen Kühlkörper aus Aluminium zu einem "Multi Chip Modul" (MCM) verbunden wird.

Mit dem Rechner-Announcement stellt IBM gleichzeitig neue Peripheriegeräte vor. Die Magnetplatteneinheit 3370 wurde durch ein Modell 2 erweitert. Im Vergleich zu dem bereits vermarkteten System sei jetzt durch eine höhere Spurdichte auf den Plattenoberflächen sowohl die Speicherkapazität auf 729,8 MB je Einheit erhöht, als auch die Zugriffszeit verbessert worden.

Der IBM-Drucker 3268 wurde um das Modell C02 für Farbdruck in den Farben rot, grün und blau erweitert. Die Druckleistung betrage laut IBM 340 Zeichen pro Sekunde.

Im Softwarebereich stellen die Stuttgarter neben weiteren Produkten den Anwendungsgenerator "ELIAS/MVS" (Expandable Level Interactive Application System/Multiple Virtual Storage) zur professionellen Erstellung und Pflege von Stapel- und CICS-Anwendungen unter den Betriebssystemen MVS/XA MVS/370 und MVS/SP vor. Zentrale Komponente für Anwendungsentwicklung ist IBM zufolge das. "Repositorium", aus denen die Anwendung zusammengestellt wird.

Erste Auslieferungen des in Böblingen entwickelten Systems 4361 sieht IBM für die Modellgruppe 5 im ersten Quartal 1984 für die Modellgruppe 4 etwa ein viertel Jahr später vor. Der Rechnerkomplez 4381 sei bei der Modellgruppe 2 ab April 1984, bei der Modellgrupppe 1 ab drittes Quartal 1984 verfügbar. Erstauslieferungen für die neuen Magnetplatteneinheiten 3370 sind für das zweite Quartal des nächsten Jahres geplant, der IBM-Drucker 3268-CO2 ist ein viertel Jahr vorher erhältlich.