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Muss Microsoft seinen Explorer herausrücken?

10.04.2000
Staatsanwalt Klein: "Die Politik soll draußen bleiben"

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die US-Regierung und 19 US-Bundesstaaten erwägen, Microsoft zu zwingen, den Quellcode des "Internet Explorers" für Kunden und Computerhersteller offen zu legen. Das berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf gut informierte Kreise. Während die Kläger ein Sanktionspaket schnüren, macht sich die Opposition im Kongress stark für Microsoft. Die Republikaner haben angekündigt, das Vorgehen der Regierung gegen den Konzern untersuchen zu wollen.

Nachdem Richter Thomas Jackson in der vergangenen Woche im historischen Antitrust-Verfahren das Urteil gefällt hat, Microsoft habe seine Monopolstellung bei PC-Betriebssystemen missbraucht und damit gegen US-Kartellgesetze verstoßen (CW Infonet berichtete), sind die Kläger, das US-Justizministerium und 19 Bundesstaaten nun dazu aufgerufen, in rund zwei Wochen Vorschläge für eine Bestrafung des Softwarekonzerns zu unterbreiten. Neben der Offenlegung des Explorer-Quellcodes könnten auch weitere Geschäftszweige der Gates-Company beschnitten werden, darunter die "Microsoft Office"-Suite oder das neue Betriebssystem "Windows 2000". Staatsanwalt Joel Klein erklärte vergangenen Freitag in einer Anhörung vor dem US-Juristenverband American Bar Association, die Bestrafung von Microsoft müsse in Einklang mit dem rapiden Industriewandel stehen, damit "das Problem von gestern nicht morgen wiederholt wird". Richter Jackson wird das endgültige Strafmaß für die Redmonder erst in einigen Monaten nach weiteren Anhörungen verkünden.

In dieser Woche wird Klein vor dem Judiciary Committee des US-Kongresses die Klage der Regierung verteidigen. Vergangene Woche wurden zunehmend Stimmen der Republikanischen Partei laut, die sich für Microsoft aussprachen und eine Untersuchung darüber forderten, ob das Justizministerium in seiner Verfolgung des Softwarekonzerns zu weit gegangen sei. Die Republikaner kamen außerdem mit Bill Gates zu einem privaten Treffen zusammen. Senator Orrin Hatch, Vorsitzender des Judiciary Committees, kündigte öffentliche Untersuchungen zu den möglichen Bestrafungsmöglichkeiten von Microsoft an. Staatsanwalt Klein forderte vergangene Woche, dass sich die Politik jedoch nicht in den Fall einmischen sollte. "Wenn Amerikaner unserem Rechtssystem vertrauen sollen, müssen die Gesetze für alle gelten und Politiker dürfen keinen Anteil an der Umsetzung von Antitrust-Gesetzen haben."

Microsoft fährt inzwischen eine gewaltige Werbekampagne, die die öffentliche Meinung positiv stimmen soll. Seit Donnerstag letzter Woche läuft in allen großen TV-Kanälen jenseits des Atlantiks ein 30 Sekunden langer Werbespot, in dem sich Bill Gates persönlich an die amerikanische Nation wendet. Mit einem Pullover bekleidet erzählt er zunächst, wie damals alles begann: "Vor 25 Jahren starteten meine Freunde und ich mit nichts anderem als der Idee, dass wir die Macht des PCs für die Verbesserung der Lebensqualität einsetzen können." Jetzt habe Microsoft das Ziel, die nächste Softwaregeneration zu entwickeln, weiter innovativ zu sein und bessere Produkte herauszubringen. "Das Beste kommt erst noch," verspricht Gates am Ende des Clips. Mit dieser Kampagne, in der sich der inzwischen zum Chairman und Chief Software Architect "degradierte" Gates erstmals persönlich an die Öffentlichkeit wendet, soll jedoch nicht nur das öffentliche Image des Unternehmens aufpoliert werden. Nach Ansicht von Michael Gartenberg, Analyst bei der Marktforschungsfirma Gartner Group, will Microsoft damit auch die Gesetzgeber beeinflussen. "Microsoft hat gelernt, wie wichtig Freunde in hohen Positionen sind," kommentierte er. Inzwischen schaltet Microsoft sowohl in den USA als auch in deutschen Tageszeitungen ganzseitige Anzeigen mit ähnlicher Aussage.