Die Nürnberger Fachmesse für Automatisierungstechnik SPS IPC Drives entwickelt sich zu einer weiteren Leistungsschau für Industrie 4.0 und die digitale Transformation. Damit rücken Themen aus der IT-Welt wie Cloud- und Big-Data-Technologien, Augmented Reality, Machine Learning oder Digitaler Zwilling stärker in den Fokus der Industrie-Automatisierung.

Ähnlich wie etliche teilnehmende Firmen kann man auch die Fachmesse SPS IPC Drives, ein Akronym für "Speicherprogrammierbare Steuerung, Industrie-PC, Drives" (elektrische Antriebe), als ein Hidden Champion bezeichnen. Vor 29 Jahren - 1990 - ins Leben gerufen, wurde die Messe für elektrische Automation am Nürnberger Dutzendteich schnell zu einem Pflichttermin und wartete gerade in den letzten Jahren mit wachsenden Zahlen auf - selbst wenn es 2018 mit 65.700 Besuchern erstmals einen kleinen Besucherrückgang gab.

Das Bild trügt: Nach einem langsamen Start füllten sich die Hallen der SPS IPC Drives
Das Bild trügt: Nach einem langsamen Start füllten sich die Hallen der SPS IPC Drives
Foto: Manfred Bremmer/Computerwoche

Dafür stieg die Zahl der Hallen auf der 136.000 qm großen Fachmesse in diesem Jahr erneut um eine auf nun 17 an. Ein Grund dafür war, dass der Ausstellungsbereich "Software- und IT in der Fertigung" 2018 neben der Halle 6 nun auch die Nachbarhalle 5 umfasste. Das Thema IT stand auch auf den Gemeinschaftsständen "Automation meets IT" und "Wireless in Automation" im Vordergrund. Schließlich haben deren Kernthemen Industrie 4.0 und innovative Funktechnologien ebenso einen Einfluss auf die Automatisierungswelt von morgen.

Doch nicht nur dort, sondern praktisch auf der gesamten Messe konnten sich Fachbesucher über digitale Lösungen, Cyber-Security oder Cloud-Dienste informieren - neben IT-Größen wie AWS, Cisco, Dell EMC, Microsoft, SAP oder Telekom haben inzwischen auch viele der traditionell stark vertretenen Firmen aus dem Industriebereich entsprechende Produkte im Portfolio.

"Der Deutsche Mittelstand ist auf dem Weg zu Industrie 4.0"

Die Euphorie bei den Anbietern ist groß, denn wie Siemens-Vorstand Klaus Helmrich ausführte, sei 2018 endlich der Zeitpunkt gekommen, dass die Kunden die Industrie-4.0-Lösungen implementieren. "Immer mehr Industrieunternehmen, insbesondere aus dem Mittelstand, sind auf dem Weg zur Industrie 4.0 und erhöhen schon jetzt mit digitalen Lösungen ihre Wettbewerbsfähigkeit", erklärte Helmrich im Rahmen der Siemens-Pressekonferenz auf der SPS IPC Drives. "Dies betrifft alle Branchen mit sich schnell wandelnden Marktanforderungen, wo zunehmend Produkte in kleinerer Stückzahl schnell und flexibel hergestellt werden müssen."

Aus Sicht von Siemens-Vorstand Klaus Helmich ist die Digitalisierungsbotschaft bei den Kunden angekommen.
Aus Sicht von Siemens-Vorstand Klaus Helmich ist die Digitalisierungsbotschaft bei den Kunden angekommen.
Foto: Manfred Bremmer/Computerwoche

Auf der Messe zeigte Siemens entsprechend zahlreiche Neuheiten aus den Bereichen Automation und industrielle Software, industrielle Kommunikation, industrielle Sicherheit und industrielle Services. Um Anwender bei der Umsetzung ihrer IoT-Projekte zu unterstützen, bietet Siemens nun etwa für seine MindSphere-Plattform drei neue Anwendungspakete (Connect & Monitor, Analyze & Predict, Digitalize & Transform), einschließlich umfassender Beratungsleistungen, an. Die Pakete sollen unter anderem dabei helfen, Assets noch schneller anzubinden, zu analysieren und zu optimieren sowie ungeplante Anlagenstillstände vorherzusagen und zu verhindern. Darüber hinaus vereinfachen sie die Entwicklung neuer Services und Geschäftsmodelle.

CW-Redakteur Jürgen Hill diskutierte im Messe-Forum der SPS mit Tresmo-CEO Jan Rodig und Dr. Myriam Jahn CEO von Q-loud über die Ergebnisse der Studie.
CW-Redakteur Jürgen Hill diskutierte im Messe-Forum der SPS mit Tresmo-CEO Jan Rodig und Dr. Myriam Jahn CEO von Q-loud über die Ergebnisse der Studie.
Foto: Nicole Bruder/IDG Business Media GmbH

Dass das Thema IoT endgültig in den deutschen Unternehmen angekommen ist, ist auch eine Quintessenz der IoT-Studie von IDG Research Services, die auf der Messe in Nürnberg vorgestellt wurde.

Hier finden Sie die IoT-Studie 2019 zum Download

Außerdem erläuterte der Siemens-Vorstand am Beispiel von HPE-Tochter Aruba, welche Bedeutung Kooperationen im Zeitalter von Industrie 4.0 haben. Die beiden Unternehmen haben im Rahmen einer strategischen Partnerschaft vereinbart, ihre komplementären Produktportfolios zusammenzulegen, um Kunden bei der Realisierung von integrierten IT/OT-Netzen - von der Fabrikhalle bis in Büroumgebungen hinein - zu unterstützen.

Als weiteres Beispiel nannte Helmrich die ausgebaute Kooperation mit Bentley Systems. Beide Unternehmen hatten kürzlich die gemeinsame Entwicklung der PlantSight Cloud Services bekannt gegeben. Damit haben Anwender über ein einfaches Webportal jederzeit Zugriff auf 1D/2D/3D-Daten - und damit einen stets aktuellen digitalen Zwilling der Anlage. Dies ist insbesondere für Anlagenbetreiber angesichts der langen Lebensdauer ihrer Prozessanlagen und fortlaufender Investitionsprojekte ein entscheidender Vorteil.

Aber auch andere Unternehmen hatten Lösungen für die vernetzte Fabrik mit nach Nürnberg gebracht. So gab ABB auf der SPS einen ersten Ausblick auf die Lösung Asset Management Application. Die Software soll Betreibern von Industrieanlagen eine Echtzeit-Zustandsüberwachung von Maschinen bieten, um so Ausfallzeiten zu reduzieren, Geräteausfälle zu vermeiden und den Betrieb und die Wartung der Installationen zu optimieren. ABB ermöglicht dazu eine vorausschauende und präventive Instandhaltung, indem die Anlagenzustände diagnostiziert und drohende Geräteprobleme vor Ort und auf globaler Unternehmensebene mithilfe von Machine-Learning-Methoden voraussagt werden.

Die Asset Management Application von ABB ermöglicht eine Zustandsüberwachung von Anlagen in Echtzeit.
Die Asset Management Application von ABB ermöglicht eine Zustandsüberwachung von Anlagen in Echtzeit.
Foto: ABB

"Eine unserer Prioritäten bei der Entwicklung der Asset Management App war es, den Kunden die vollständige Kontrolle über das Prozesswissen zu geben. Damit geben wir ihnen erstmals die Flexibilität, aus den gesammelten Informationen schnell eigene Anlagenmodelle zu erstellen", erklärte Neil Shah, Global Product Manager für Device Management & Asset Optimization bei ABB. Die Asset Management Application soll in der zweiten Jahreshälfte 2019 eingeführt werden und wird dann ein Teil von ABBs IIoT-Plattform ABB Ability.

Clevere Messmethode: Mit dem nichtinvasiven Temperaturfühler ABB NiTemp kann man auch nachträglich Messdaten erheben.
Clevere Messmethode: Mit dem nichtinvasiven Temperaturfühler ABB NiTemp kann man auch nachträglich Messdaten erheben.
Foto: ABB

Daneben gab es auf dem ABB-Stand auch interessante Detaillösungen zu sehen. So nutzt ABB beim neuen nichtinvasiven Temperaturfühler NiTemp zwei hintereinander angebrachte Sensoren und einen speziell entwickelten Berechnungsalgorithmus, um Messungen ohne Eingriffe in den laufenden Prozess vornehmen zu können. Auf diese Weise ist es möglich, nachträglich für die Verfügbarkeit und Produktivität einer Anlage wichtige Daten zu gewinnen, ohne dass ein Herunterfahren der Anlage, die Öffnung des Prozesses oder die Installation eines Schutzrohrs notwendig sind. Zielgruppe sind laut ABB Kunden aus der Öl- und Gasindustrie, der chemischen Industrie sowie der Lebensmittel- und Getränkeindustrie.

Rockwell Automation wiederum zeigte auf der SPS unter anderem die ersten Ergebnisse der im Sommer eingegangenen Partnerschaft mit PTC. So soll die gemeinsame IIoT-Lösung "FactoryTalk Innovation Suite powered by PTC" als zentrale Datenquelle für einen vollständigen Überblick über Betriebs- und Systemzustände sorgen und damit eine weitere Verbesserung des Betriebsablaufs sowie Produktivitätssteigerungen ermöglichen.

Außerdem erlaubt die neue Software-Suite Technikern unter anderem, während Entwicklungs-, Test- und Wartungsvorgängen mithilfe der Microsoft Hololens genaue Maschinen- und Diagnosedaten einzusehen. Die gemeinsame Lösung umfasst FactoryTalk Analytics, die MOM-Plattformen sowie die ThingWorx-Plattform von PTC inklusive der Kepware-Middleware und der AR-Lösung Vuforia.

Smart Production Solutions statt Speicherprogrammierbare Steuerung

Die Chancen, dass die SPS in Zukunft noch stärker Richtung Industrie 4.0 geht, sind hoch, denn die Betreibergesellschaft Mesago hat für 2019 eine Namensänderung angekündigt. Zu ihrem 30. Jubiläum soll die Automatisierungsmesse offiziell SPS genannt werden, wobei das Kürzel nicht mehr wie in der Vergangenheit für einen wesentlichen Baustein der Automatisierungstechnik - die Speicherprogrammierbare Steuerung - sondern für Smart Production Solutions stehen soll.

"Wir erweitern so den starken Markenkern für die weitere Entwicklung", erklärte Sylke Schulz-Metzner, Bereichsleiterin bei der Mesago Messe Frankfurt und dort für die SPS verantwortlich. Die SPS erhebe dadurch zusätzlich zum starken Automatisierungsprofil den klaren Anspruch, die Digitalisierungschancen für die industrielle Produktion abzubilden.