New Work als Blackbox

Mit Algorithmen zur künstlichen Dummheit?

Kommentar  07.07.2020
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Frank Schabel ist Managementberater. Zuvor war er bei SAP, CSC Ploenzke sowie Hays in leitendender Funktion in den Bereichen Marketing und Kommunikation tätig.

Die Digitalisierung soll selbstbestimmtes Arbeiten forcieren. Es sind jedoch Zweifel angebracht, ob eine Welt voller Algorithmen und KI so freiheitlich funktionieren wird.

Schöne, neue Welt. Was uns New Work verheißt, klingt vielversprechend. Arbeit ist nicht mehr nur eine schnöde Erwerbstätigkeit, die uns ein schönes Leben lediglich jenseits der harten Arbeitszeit ermöglicht. Vielmehr erfüllt sie uns mit Sinn und mit dem Gefühl, zum Gemeinwohl beizutragen. In dieser Welt hat auch Führung einen anderen Charakter. Anweisungen sind nicht mehr zeitgemäß; genauso wenig wie das bekannte Muster, im Gefühl fachlicher Überlegenheit von oben herab Mitarbeiter zu kontrollieren. Nein: Neue Führung ist den Menschen zugewandt und lässt ihnen freie Hand, ihre Arbeit selbst zu gestalten. Führungskräfte werden somit zu Coaches und Personalentwicklern.

Der analoge Taylorismus entwickelt sich zum digitalen und konterkariert die Hoffnung, Digitalisierung forciere selbstbestimmtes Arbeiten.
Der analoge Taylorismus entwickelt sich zum digitalen und konterkariert die Hoffnung, Digitalisierung forciere selbstbestimmtes Arbeiten.
Foto: Gearstd - shutterstock.com

Wie so vieles treibt die digitale Transformation auch diese Diskussionen und verbindet sich gleichzeitig wunderbar mit den Bedürfnissen der jüngeren Generation, Arbeit anders zu buchstabieren. Das ist alles andere als bahnbrechend, steht es doch in der Tradition von Frithjof Bergman. Er hatte New Work schon Anfang der 70er-Jahre postuliert. Neben sinnerfüllter Arbeit setzte er auf dezentrale Formen, was heute ebenfalls angesagt ist. Auch in diesem Punkt hat das digitale Tempo einiges über Bord geworfen, wie beispielsweise top-down und von A bis Z geplante Vorgehensweisen. Dazu ist unsere VUCA-Welt zu komplex.

Statt der klassischen Linienorganisation spielt die Musik daher in agilen, sich selbst organisierenden Teams, die auf digitaler Basis mit neuen Methoden im Sinne ihrer Kunden unterwegs sind. Digitalisierung, Zweck und iteratives Handeln - in diesem Dreiklang tönt die vielbesungene Melodie der neuen Arbeitswelt. Aber ist das wirklich so? Oder stehen wir vor einem bunten Schaufenster voll lauter hipper Begriffe, hinter dem sich anderes verbirgt? Zumindest Arbeitssoziologen bezweifeln, ob eine durch und durch digitalisierte Welt mit ihren Algorithmen und KI-Ansätzen so freiheitlich und selbstorganisiert laufen wird, wie es ihre Apologeten verheißen.

Digitale Techniken als Kontrollinstrumente

Drei Beispiele aus der Arbeitswelt untermauern ihre Einschätzung. Im ersten geht es um den aus der E-Commerce-Welt bekannten Mechanismus, Transaktionen zu bewerten. Einige Unternehmen haben dies in ihre internen Strukturen übertragen: Mitarbeiter bewerten ihre Interaktionen mit Kollegen, verbunden mit Konsequenzen: Menschen mit hohem Score winkt eine Gehaltserhöhung, dem breiten Mittelfeld die Nullrunde und niedrig Bewertete haben vorzutanzen. Mit der digitalen Bewertung lässt sich bekanntlich gewünschtes Verhalten erzwingen, China lässt grüßen.

Im zweiten Fall beobachten und analysieren Algorithmen im Hintergrund die Arbeit von Mitarbeitern und spielen ihnen automatisch Aufgaben zu, wenn die alten erledigt sind. Big Brother is watching you. Was passiert, wenn der HR-Bereich die Segnungen einer digitalen Blackbox auf breiter Fläche entdeckt und die Mitarbeiter über Big-Data-Auswertungen aussteuert, bleibt abzuwarten. Hier wird sich einiges tun, gerade in der Zeit nach COVID-19.

Beim letzten Exempel geht es um Echtzeit-Feedback für Mitarbeiter in der Produktion: Smarte digitale Handschuhe mit Sensoren senden unmittelbar Rückmeldungen an Menschen zu ihren Handgriffen und teilen mit, wie sie diese besser machen. Auf diese Weise optimieren sie (zumindest) die Handgriffe von Menschen und steuern diese aus.

Die neue Blackbox

Bewertungen von Mitarbeitern, die automatisierte Zuteilung von Arbeit und die ständige Optimierung menschlicher Handlungen: Digitale Lösungen beerdigen keineswegs die tayloristischen Ansätze des Industriezeitalters. Den neuen Beat der Arbeit - so meine Einschätzung - schlägt künftig also eine digitale Blackbox. Ihr inneres Uhrwerk regelt und automatisiert alle Prozesse und Workflows. Sie löst die heute noch in Unternehmen per Handbücher und Dokumentationen geregelten Abläufe sowie die industriell-arbeitsteilige Struktur ab. Der analoge Taylorismus entwickelt sich zum digitalen und konterkariert die Hoffnung, Digitalisierung forciere selbstbestimmtes Arbeiten.

Auf der anderen Seite dieser Entwicklung etablieren sich noch stärker als bisher dezentrale Teams. Der Grad ihrer Freiheit bemisst sich danach, welchen Beitrag sie für die Wertschöpfung ihres Unternehmens leisten und inwieweit sie nicht digital ersetzbar sind. Trifft beides zu, helfen ihnen digitale Technologien, um mehr Zeit direkt mit ihren Kunden zu verbringen. Das wäre dann eine gelungene Synthese aus beiden Welten, der analogen und der digitalen.

Für Führung bedeutet es, ihre Kontrollfunktion an Technologie zu übertragen. Stattdessen übernimmt sie die Aufgabe, die wie die Faust aufs Auge passt: Führung erzählt Sinn und verbindet den Zweck des Unternehmens mit der Arbeit der Mitarbeiter. Metaphysische Begleitmusik in einer voll digitalisierten Welt, gespielt durch neue Führungsmuster.

Die Rolle der Menschen

Natürlich ist es keineswegs ausgemacht, dass sich die künftige Arbeitswelt so entwickelt, wie ich es skizziere. Doch bringen die digitalen Produktivkräfte sicher eine neue Form von Arbeitswelt hervor. Hier reicht die Spanne von einer optimistischen Sichtweise, in der uns digitale Techniken lästige Aufgaben abnehmen und wir dadurch kreativer werden, bis hin zum Gegenpol: Bei ihm hängen Menschen am Tropf digitaler Lösungen und verlieren mehr und mehr ihre Wirk- und Entscheidungskraft.

Was durch Digitalisierung entsteht, hängt nichtsdestotrotz von uns ab: Wir Menschen können diskursiv aushandeln, wie wir digitale Technologien nutzen wollen. Denn bei der Frage, was uns Freiheit und Selbstbestimmung in der Arbeitswelt wert ist, schweigt die digitale Blackbox. Dagegen stehen wir vor der Frage, ob wir als Gesellschaft entscheiden, wie wir das Verhältnis zwischen Mensch und Technik gestalten oder ob private Investitionen die Richtung in ihrem Sinne vorgeben.

Der Sozialphilosoph Harald Welzer hat es auf den Punkt gebracht: "Sich von Algorithmen vorschreiben zu lassen, wie man leben soll, ist der Wiedereintritt des Menschen in die selbst verschuldete Unmündigkeit. Man könnte auch sagen in künstliche Dummheit. Eine mündige Gesellschaft versteht Digitalisierung nicht als Schicksal, sondern als Gestaltungsaufgabe." (pg/fm)