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"Microsofts Monopol wird wegen der Preise kippen"

19.03.2001
Linux-Guru Eric Raymond sieht Linux in neun Monaten als eine echte Business-Desktop-Alternative zu Microsofts Windows. Dann sollen die letzten Probleme beseitigt sein, so dass jeder mit dem Betriebssystem umgehen kann.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Linux-Guru Eric Raymond sieht Linux in neun Monaten als eine echte Business-Desktop-Alternative zu Microsofts Windows. Dann sollen die letzten Probleme beseitigt sein, so dass jeder mit dem Betriebssystem umgehen kann. Mit dem Autor von "The Cathedral and the Bazaar", einem klassischen Essay über die Open-Source-Software-Bewegung, sprach die CW-Schwesterpublikation "Computerworld". Der Open-Source-Befürworter ist Mitglied im Aufsichtrat des kalifornischen Linux-Dienstleisters VA Linux Systems und hält weltweit Vorträge über die Vorteile und Zukunft von Linux, Unix und Open-Source-Software

CW: Im vergangenen Jahr ist IBM mit der Ankündigung auf den Linux-Zug aufgesprungen, man wolle 2001 eine Milliarde Dollar in das Betriebssystem investieren. Handelt es sich hier um eine Modeerscheinung oder ein ernstzunehmendes Engagement des IT-Riesen?

RAYMOND: Ich glaube nicht, dass Open-Source-Engagements eine Modeerscheinung sind. IBM tut so etwas nicht. Die US-Geschäftswelt reagiert auf Kosten und ökonomische Gründe. Dass sich Linux und Open-Source-Software im Bereich Business-Computing immer mehr verbreitet, liegt vor allem daran, dass die Kosten für traditionelle geschlossene Software eskalieren, und deren Komplexität sowie deren Fehleranfälligkeit steigen. Die Kosten für schlechte Software nehmen gerade deswegen zu, weil Anwendern bei einem Ausfall Geschäfte entgehen und Systemadministratoren viele Stunden mit dem Aufspüren der Probleme verbringen. Bei geschlossenen Codes gibt es lediglich eine begrenzte Anzahl von Menschen, die daran arbeiten können. Bei Open-Source-Software kann eine breite Menge von Menschen an der Problemlösung mitarbeiten.

CW: Ist es für Sie wichtig, dass Linux sich ein größeres Stück vom Business-Computing-Kuchen schnappt?

RAYMOND: Die Open-Source-Gemeinde interessiert sich nicht direkt dafür, ob Unternehmen offene Software einsetzen, aber indirekt wollen wir natürlich diese Entwicklung sehen. Wenn man die IT-Welt verändern will, ist es wichtig, dass auch die mitarbeiten, die die Schecks ausstellen.

Wir haben das Klima in der Softwareindustrie verändert. Die Anbieter von geschlossener Software sind jetzt in der Defensive. Sie müssen sich dafür rechtfertigen, was sie machen - wir nicht.

CW: In welcher Nische kann sich Linux als wahre Business-Desktop-Alternative aufstellen, die sich an IT-Abteilungen auch verkaufen lässt?

RAYMOND: Einzelhändler oder Hotels beispielsweise besitzen eine Menge Computer, die sich dort befinden, wo es keine Techniker gibt. Für ihr Geschäft ist es wichtig, dass sie Rechner verwenden, die niemals crashen. In dieser Situation erscheint Linux viel attraktiver und lebensfähiger. Viele interne Techniker in den IT-Abteilungen von Unternehmen finden Wege, immer mehr Open-Source-Lösungen in ihren Firmen einzusetzen, auch wenn die IT-Manager davon gar nichts wissen. Das einzige, was die Führungsebene jemals mitbekommt, ist, dass die Ausfallzeiten geringer werden.

CW: Allerdings scheinen Analysten und Branchenprofis darin übereinzustimmen, dass der Einzug von Linux als Windows-Ersatz in Business-Desktops nicht unmittelbar bevorsteht. Wie sehen Sie das?

RAYMOND: Meiner Meinung nach wird das Desktop-Monopol von Microsoft aufgrund der Betriebssystempreise kippen - lange bevor Linux wirklich für die Rolle einer richtigen Alternative fertig ist. Wir sind noch etwa neun Monate davon entfernt. Dann wird Linux so weit sein, dass auch Lieschen Müller es benutzen kann. Was Linux bislang fehlt, ist der letzte Schliff bei der Beseitigung von Bugs, die Installationen behindern und die Anwender über das weitere Procedere verunsichern. Diese Dinge müssen noch behoben werden. Daran arbeiten gerade viele Entwickler, und die Linux-Distributoren haben entsprechendes Personal eingestellt.

CW: Viele Unternehmen haben Angst, dass sie für Produkte wie Linux nicht den gewohnten Support bekommen, den sie bisher über die üblichen Händlerbeziehungen erhalten. Was sagen Sie dazu?

RAYMOND: Firmenanwender können Unterstützung für Linux bekommen. Es gibt Anwendergruppen, Linux-Distributoren und Anbieter von professionellen Support-Leistungen. Indem sie von Windows auf Linux wechseln, ersetzen sie vier oder fünf IT-Probleme, die sie nicht lösen können, mit 100 kleinen, die sie lösen können.