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Microsoft verweist Apple an seinen Platz

17.07.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Zum Ende des fünfjährigen Technologieabkommens zwischen Microsoft und Apple Computer, in dessen Rahmen die Gates-Company die Weiterentwicklung von Mac-Versionen seines Office sowie des Internet-Explorer zugesagt hatte, scheint das Verhältnis zwischen den beiden Betriebssystemherstellern getrübt. So jedenfalls verstehen Brancheninsider den ersten einer Reihe von Präventivschlägen von Microsoft gegen den Macintosh-Hersteller: Angeblich mit dem Ziel, der Macworld Expo, die heute in New York startet, gewissermaßen die Schau zu stehlen, hat Microsoft mit Informationen über seine derzeit unter dem Codenamen "Corona" gehandelte Digital-Media-Technologie sowie der Bekanntgabe der offiziellen Bezeichnung "Windows Media 9 Series" die erste Salve abgefeuert. Eine Betaversion der Software will Firmenlenker Bill Gates Anfang September

präsentieren. Als zweiten Seitenhieb gegen Apples derzeitige "Digital-Lifestyle"-Strategie werten Insider die gestrige Ankündigung einer Digital-Media-Version des Microsoft-Betriebssystems Windows XP. Und auch die Ankündigung neuer 802.11b-Wireless-Produkte in der vergangenen Woche, die im späteren Verlauf dieses Jahres auf den Markt kommen sollen, lässt sich als Indiz für die sich lockernde Beziehung zwischen den beiden Betriebssystem-Konkurrenten deuten. Apple bedient den Markt bereits seit gut zwei Jahren mit seiner "Airport"-WLAN-Produktlinie.

Analysten zeigen sich von Microsofts aktueller Marketing-Attacke wenig überrascht. "Es besteht kein Zweifel, dass Microsoft versucht, Apple in gewisser Weise auszuspielen", so Bob Sutherland, Analyst bei Technology Business Research. Was jedoch das kreative Kundensegment - etwa der Künstler, Architekten und Musiker - beträfe, habe Apple dem Markt seinen Stempel bereits aufgedrückt.

Brancheninsider halten Microsofts strategische Vorstöße für einen Versuch, Apple mit seinem im Vergleich zum Segment der Windows-PCs überschaubaren Marktanteil von knapp fünf Prozent wieder an seinen Platz zu verweisen. Man könne derzeit von Seiten Apples nicht viel Anerkennung für das eigene Engagement ausmachen, hieß es in der Macintosh Business Unit (MacBU) der Gates-Company. Als eindeutigen Affront gegen Apple werten Analysten auch die Tatsache, dass sich MacBU-General-Manager Kevin Browne gestern, am Vorabend der New Yorker Macworld Expo, die der Gates-Company noch in den vergangenen beiden Jahren als Pattform für wichtige Produktankündigungen diente, in ein dreimonatiges Sabbatical verabschiedet hat.

Ein Hauptgrund für die augenscheinliche Beziehungskrise dürfte das nach Meinung von Microsoft mangelhafte Commitment des Partners bei der Vermarktung seines jüngsten Apple-Betriebssystems Mac OS X sein, dessen Markteinführung der Softwareriese mit seinem (lediglich unter dem neuen Betriebssystem lauffähigen) Mac-Office v. X nicht unwesentlich unterstützt hat. "Apple hat zwanzigmal mehr für die Werbung seiner I-Pods ausgegeben als für die Vermarktung von OS X", kritisierte Browne. OS X gehe es prächtig, kontert hingegen Phil Schiller, Senior Vice President bei Apples Worldwide Marketing. In jedem Fall sei man beim Marketing um einiges aggressiver vorgegangen, als es Microsoft bei der Markteinführung eines seiner Betriebssysteme jemals getan habe. Nach Einschätzung von Schiller haben bislang etwa 2,5 Millionen der 25 Millionen Anwender starken Mac-Gemeinde auf das neue OS gewechselt. Bis zum Jahresende sollen es mit fünf Millionen Anwendern bereits

20 Prozent sein - einen Migrationsanteil, den Microsoft selbst etwa in Sachen Windows XP wohl kaum vorzuweisen habe. Microsoft-Angaben zufolge ist allerdings der Verkauf von Mac-Office-Lizenzen seit der Markteinführung von Office X drastisch zurückgegangen. So soll die Schar der Mac-Office-Anwender im Zeitraum zwischen 1997 und 2001 von acht Millionen auf etwa 3,5 Millionen User geschrumpft sein. Gartner-Analyst David Smith sieht die Partnerschaftskrise eher nüchtern: "Vor fünf Jahren hat Apple alles Menschenmögliche getan, damit der Deal zustande kam", so Smith. Mittlerweile sei der Macintosh-Hersteller etwas weniger abhängig von Microsoft, und handle nun entsprechend emanzipierter. Ewige Dankbarkeit könne man nicht erwarten. (kf)