Microsoft trägt WinFS zu Grabe

27.06.2006
Ursprünglich als revolutionäres Dateisystem für Windows Vista angekündigt, zieht Microsoft nun den Schlussstrich unter WinFS.

Neben dem Grafiksystem "Presentation Foundation" (Avalon) und der Web-Service-Unterstützung "Communication Foundation" (Indigo) sollte WinFS eine der zentralen Neuerungen von Windows Vista werden. Das ambitionierte Vorhaben erwies sich jedoch als Bremse in der Entwicklung des XP-Nachfolgers. Microsoft stutzte es daher mehrmals zurück und verkündete jetzt das Aus.

Die Geschichte des Sys-tems ist höchst wechselhaft: Erst mutierte WinFS zu einer Erweiterung des bestehenden Dateisystems NTFS, dann fielen seine Netzwerkfähigkeiten dem Rotstift zum Opfer. Ohne Abgleich mit einem Server oder anderen Desktop-PCs wäre WinFS auf den lokalen Rechner beschränkt geblieben.

Im Herbst 2004 gab das Unternehmen bekannt, dass Windows Vista ohne WinFS ausgeliefert werde. Kurz darauf kam die gleiche Nachricht für den später erscheinenden "Longhorn"-Server. WinFS wandelte sich anschließend zu einem eigenständigen Produkt, das nach Vista auf den Markt kommen sollte und das Anwender separat hätten installieren können. Microsoft stellte zudem in Aussicht, dass sich die Systemerweiterung auch unter Windows XP nutzen lasse. Nach dem Entschluss, Avalon und Indigo auf das Altsystem zu portieren, wäre damit keine der großen Neuerungen exklusiv für Vista verblieben. Fortsetzung auf Seite 4

Im August 2005 gab Microsoft die erste Betaversion der Software heraus. Auf der Hausmesse Teched, die kürzlich in Boston stattfand, wurde WinFS jedoch nicht freigegeben, sondern auf Ende 2006 verschoben. Im Weblog des WinFS-Teams erklärte Programm-Manager Clark nun das Ende des Dateisystems. Es handle sich dabei nicht um einen grundsätzlichen Abschied der Technologie, sondern lediglich um eine neue Art und Weise, wie sie ausgeliefert werde. Wesentliche Komponenten des Dateisystems sollen in die nächsten Versionen des SQL Server ("Katmai") und die Datenzugriffsschicht ADO.NET ("Orcas") gelangen. Damit entspräche Microsoft dem Wunsch seiner Kunden, die eine möglichst breite Verfügbarkeit von Basistechnologien bevorzugten.

Die Neuausrichtung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Anwender von Windows Vista kein neues Dateisystem erhalten. Microsoft hatte damit ein geeignetes Werkzeug für die Informationsmengen anbieten wollen, die sich auf den mehreren hundert GB großen Festplatten der PCs befinden.

Unterschiedliche Datensichten

Anstatt wie bisher Daten in Ordnerhierarchien zu organisieren, sollte WinFS auf Basis reichhaltiger Metainformationen unterschiedliche Sichten auf die Daten erlauben. Herkömmliche Dateisysteme speichern hingegen nur relativ wenige solche beschreibenden Informationen (unter anderem Dateiname, Größe, Datum). Die Lücke, die durch das Ende von WinFS entsteht, soll nun die überarbeitete Desktop-Suchmaschine von MSN füllen. Auf Basis eines ähnlichen Frontends wie jenem von WinFS können Endbenutzer Kriterien für Ordner definieren, deren Inhalt das Ergebnis der hinterlegten Abfrage repräsentiert.

Während Microsoft für seine Anwender damit einen gewissen Ersatz bietet, müssen sich Softwareentwickler von einigen interessanten Features verabschieden. Dazu zählt beispielsweise, dass WinFS eine SQL-Schnittstelle für das Dateisystem geboten hätte. Außerdem war vorgesehen, dass Programme die Metadaten von proprietären Dateiformaten über ein API direkt in das Dateisystem einspeisen können. Eine Suchmaschine muss hingegen um eigene Dateifilter erweitert werden, um spezifische Formate überhaupt indizieren zu können. (ws)