Technologien zwingen Anwender zur Entscheidung

Microsoft setzt eigene Standards gegen Java

03.10.1997

"Die Idee, man könne eine Java-Anwendung einmal schreiben und dann überall laufen lassen, ist reine Fiktion", behauptet Paul Maritz, Group Vice-President Platforms and Applications bei Microsoft. Damit beenden die Softwerker ihren Schmusekurs mit der Java-Fangemeinde und riskieren eine direkte Konfrontation.

"Java ist nur eine Programmiersprache, die C++ vereinfacht." Im übrigen verfüge Microsoft mit dem Entwicklungs-Tool "Visual J++" bereits über eine der führenden Java-Implementierungen, holte Maritz auf der Entwicklerkonferenz vergangene Woche in San Diego zum Schlag aus.

Jede virtuelle Maschine sei "ein reiches Set an Runtime-Services", mit dem sich nicht nur Byte-Code interpretieren, sondern auch just in time kompilieren lasse und das Schreiben von komponentenbasierter Software möglich sei. "Wir glauben an komponentenorientierte Software", so Maritz. "COM +", eine angekündigte Erweiterung der Architektur "Component Object Model" (COM) von Microsoft, werde solche Services nicht nur unterstützen, sondern übertreffen. Das Modell werde auf alle Programmiersprachen inklusive Java ausgedehnt.

Für Microsoft gänzlich inakzeptabel sei es, daß eine Reihe von Klassenbibliotheken, die sogenannten "Java Foundation Classes" (JFC), Betriebssystem-Aufgaben wahrnähmen.

Der Hersteller kündigte an, den "Internet Explorer 4.0" nicht mit den von Sun und Netscape entwickelten Java-Klassen auszurüsten, sondern statt dessen die hauseigenen APIs "Application Foundation Classes" (AFCs) beizufügen.

Laut Maritz stellt COM heute schon ein funktionierendes Objektmodell dar. Mit COM+ soll es zudem möglich sein, "Komponentenschleusen" zu bauen, die COM-Objekte an Windows-NT-Services weiterleiten können. Mit der Spezifikation sei zum Jahresende zu rechnen. Das NT-Release 5.0, das im Herbst 1998 auf den Markt gelangen soll, werde COM + unterstützen.

COM + soll auch das Herzstück eines Entwicklungs-Frameworks sein. Die "Windows Distributed Internet Applications Architecture" (DNA) faßt bisher lediglich existierende Microsoft-Techniken zusammen. Neben COM+, das die Plattformintegration leisten soll, besteht das Framework aus dem Datenzugriffs-API "OLE-DB".

Neu ist das Bekenntnis Microsofts zu "Dynamic HTML". Diese Variante der Internet-Seitenbeschreibungssprache Hypertext Markup Language (HTML) erlaubt Entwicklern etwa die Gestaltung von interaktiven Web-Seiten. DHTML-Komponenten für die Präsentationsschicht von Anwendungen seien künftig in jedem Microsoft-Entwicklungs-Tool zu finden, so Maritz. Sie sollen die Ablauffähigkeit der Applikationen auf jeder Plattform garantieren. Damit ist Java außen vor.

In der vergangenen Woche zog Microsoft erste Konsequenzen und entfernte sämtliche Java-Applets von seinen Web-Seiten. Microsoft Deutschland will darin keinesfalls eine Kampfansage gegen den Rest der Welt sehen. Vielmehr seien Server-Ressourcen das Problem gewesen. Mit "Scriplets" ließe sich in einer Scriptsprache abgefaßter Code als Objekt "verschalen" und auf eine eigens angelegte Seite auslagern und referenzieren.