Die Fotobranche erlebt eine digitale Revolution

Messe Photokina mutiert zum IT-Event

08.10.2004
MÜNCHEN (ls) - Noch nie hat die Kölner Messe Photokina derart unter dem Zeichen digitaler Fotografie gestanden. Auch Handy-Hersteller mischten kräftig mit.

"Schon fast out" sei die Fotografie gewesen, resümiert Helmut Rupsch, stellvertretender Vorsitzender des Photoindustrie-Verbandes und Deutschland-Chef von Fuji, doch jetzt erlebe die Branche eine "sturzbachartige Neuorientierung". Sie ist gekennzeichnet von einem rapiden Umstieg vom (analogen) Film auf digitale Systeme, welche die Kunden in Massen kaufen. Denn die digitalen Kameras bringen eine Reihe Vorteile mit sich: Man kann die Bilder sofort beurteilen, statt auf ihre Entwicklung in Fotolabors warten zu müssen. Viel zu knipsen kostet erst einmal nichts. Die Fotos lassen sich leicht per E-Mail verschicken oder auf den eigenen Web-Seiten platzieren. Und die ausgefeilte Elektronik in den Kameras sorgt automatisch für fast immer gelungene Aufnahmen.

Ruinöser Wettbewerb

Letzteres gilt sogar schon bei den Geräten im unteren Preissegment bis etwa 400 Euro. Diese Kompaktkameras haben ein Zoom- objektiv und automatische Belichtungsprogramme für knifflige Situationen. Sie bringen inzwischen eine Auflösung von fünf Megapixeln, vor zwei Jahren waren drei der Branchenstandard. Jedes Jahr bekommt der Kunde fürs gleiche Geld ein Megapixel mehr.

In diesem Leistungsspektrum ist die Konkurrenz am stärksten und der Preiskampf ruinös. Jede Woche erscheint ein Dutzend neue Digitalkameras. Wer auffallen will, muss sich optisch abheben. Olympus stellt die "Mju mini" mit schrillen Farben in die Regale. Bei Casio fällt die "Exilim Card EX-S100" ins Auge: Sie ist keine 17 Millimeter dick und kleiner als eine Zigarettenschachtel.

Dem unteren Leistungssegment steht der nächste Umbruch schon ins Haus. Erstmals und gleich massiv trat auf der Photokina Nokia auf. Auch Sony-Ericsson, Mitsubishi, NEC, Samsung und Siemens stehen in den Startlöchern. Ihre Foto-Handys bieten inzwischen eine Auflösung von einem Megapixel, manche haben gar ein Zoomobjektiv. Der Schritt zu zwei Megapixeln ist schon geschafft, auch drei Megapixel gibt es schon in Prototypen. Dann sind Telefon und Fotoapparat für die Alltagsknipserei in einem Gerät vereint. Wenn das auch noch eine Minifestplatte hätte, eignete es sich sogar als MP3-Player ...

Neben den Handy-Herstellern drängen vor allem unbekannte Namen fernöstlicher Provenienz auf den Markt. Seit Jahren ist mit Hewlett-Packard gar ein Anbieter aus der IT-Branche dabei. Die klassischen Kamerahersteller versuchen, in höhere Marktsegmente auszuweichen.

Im mittleren Segment bis 800 Euro sind sechs oder sieben Megapixel und umfangreiche Motivprogramme angesagt. Außerdem gehören ein Superzoom mit riesigen Telebrennweiten dazu und ein optischer Bildstabilisator, damit die Distanzschüsse nicht dauernd verwackeln. Eins aber fehlt diesen Kameras: Der Weitwinkel fällt mit meist 35 Millimetern Brennweite (umgerechnet auf Filmformat) sehr bescheiden aus. Die extreme Strahlungsführung der Weitwinkel im Kamerainneren kollidiert mit den im Vergleich zum Film anderen Eigenschaften der digitalen Lichtsensoren. Das erfordert die Konstruktion aufwändiger und für dieses Preissegment zu teurer Objektive.

Eine Etage höher lässt sich das Manko umgehen: bei den digitalen Spiegelreflexkameras. Die waren vor zwei Jahren noch sündhaft teuer, weil sie mit größeren Lichtsensoren arbeiten. Im letzten Jahr kam Canon mit der "EOS 300D" für rund 1000 Euro auf den Markt. Nikon gelang mit der "D70" (zum gleichen Preis) in diesem Jahr ein enormer Markterfolg. Sechs bis sieben Megapixel machen sich auf den ersten Blick bescheiden aus, reichen aber selbst für großformatige Ausdrucke. Der eigentliche Clou ist, dass diese Kameras dem engagierten Hobbyfotografen wenigstens so viele gestalterische Möglichkeiten bieten wie eine vergleichbar teure analoge Spiegelreflex. Außerdem kann man - wenigstens im Telebereich - die vorhandenen Objektive eines Systems weiterverwenden.

Nach oben gibt es keine Grenzen. Die "Finepix S3" von Fuji bietet zwölf Megapixel - zum Preis von 2500 Euro. Bei der Leica "R8" und "R9" lässt sich die Rückwand durch ein Zehn-Megapixel-Modul ersetzen. Das Teil kostet allein 4500 Euro.

Auch der Markt der Videokameras befindet sich im digitalen Umbruch. Einfache und sehr kompakte Geräte mit 800000 Pixeln kosten weniger als 1000 Euro. Der Trend geht zu Kameras mit drei Sensoren (einer für jede Grundfarbe) mit insgesamt drei bis vier Megapixel. Außerdem können diese Camcorder in gleicher Auflösung als Fotokameras arbeiten.

Folgeanschaffungen kosten

Wer digital fotografiert oder filmt, benötigt alsbald einiges Zubehör. Die mitgelieferten Speicherkarten sind viel zu klein. Also müssen große her, die wegen der steigenden Auflösung ebenfalls schnell voll sind. Die Lösung besteht in externen mobilen Bildspeichern mit 20 bis 80 GB Fassungsvermögen. Sie kosten 200 bis 700 Euro und eignen sich meist auch als MP3-Player. Außerdem braucht man Programme zur Bildbearbeitung, zum Videoschnitt und schließlich zur Präsentation der Bilder. Denn die Lust, Freunde und Verwandte mit Dia- oder Videoabenden zu quälen ist geblieben. Also müssen Video-Beamer her. Nur ausdrucken sollte man seine Fotos in der Regel nicht. Billiger geht es an Terminals im Fotohandel oder bei spezialisierten Anbietern via Internet.

Marktexplosion

Weltweit werden in diesem Jahr nach Schätzung des Photoindustrie-Verbandes voraussichtlich 120 Millionen Kameras verkauft, mehr als jemals zuvor. Davon sind zwei Drittel digitale Systeme. Hinzu kommen 450 Millionen Wegwerfkameras, 14 Millionen Camcorder und 200 Millionen Foto-Handys.

In Deutschland ist der Trend zum Digitalen noch ausgeprägter. Heuer gehen sieben Millionen digitale und 1,4 Millionen analoge Kameras über die Ladentheken. Im Jahr 2000 war das Verhältnis noch umgekehrt. Damals wurden vier Millionen analoge und 580000 digitale Kameras verkauft.

Angetrieben durch den Boom digitaler Kameras floriert die Zubehörbranche, in der sich viele Drittanbieter und Hersteller aus der IT-Branche tummeln. Renner sind Speicherkarten, Bildbearbeitungs- und Präsentationsprogramme. Stark im Kommen sind externe mobile Bildspeicher und Video-Beamer.