Neue Modelle im Großrechnerbereich angekündigt:

Mainframes haben bei Bull und ICL noch lange nicht ausgedient

10.05.1991

LONDON/BILLERICA (CW) - Verschiedene Strategien, Mainframe-Kunden anzuwerben, verfolgen ICL und Bull. Während die 80prozentige Fujitsu-Tochter ihre sechs neuen Großrechner mit dem Argument der OSI- und XFG-Konformität anpreist, will Bull die GCOS-Anwender mit neuen proprietären Entry-Level-Rechnern und erweiterten Aufstiegsoptionen bei der Stange halten.

Die britische ICL baut ihre Serie-39-Großrechner am unteren Ende aus: Mit sechs neuen Modellen, die nach Unternehmensangaben preislich sowohl IBMs AS/400- als auch DECs VAX-6000-Angebote unterbieten, soll vor allem die Idee der offenen Systeme an die Kunden herangetragen werden. Außerdem habe man mit den neuen Systemen gegenüber vergleichbaren Unix-Umgebungen sowohl im Leistungsumfang als auch bei der Systemflexibilität - ICL meint hiermit die Ausbaumöglichkeiten - sowie in puncto Sicherheit Vorteile.

Die Rechenleistung der neuen Einstiegsmodelle mit dem Codenamen "Diamond" beträgt zwischen 1,7 bis zu 692 MIPS und wird durch je drei Ein- und drei Zwei-Prozessor-Modelle erbracht. Bei den Rechnern mit einer CPU handelt es sich um die Serie-39-Modelle "DX 130-10" als Einstiegsmodell, sowie "DX 170-10" und "DX 200-10". Das Entry-Level-Modell kostet mit 16 MB Speicher etwa 55 600 Dollar. Die Dual-Prozessor-Modelle heißen entsprechend "DX-190-20", "DX 236-20" und "DX 270-20". Die Modelle sollen ab August 1991 verfügbar sein.

Wie die bisherigen Mainframes aus dem ICL-Haus laufen auch die Newcomer unter dem VME-Betriebssystem, das dem OSI-Standard entspricht und - O-Ton des Unternehmens in naher Zukunft - ab Version "SV 292" von VME mit voller XPG/3-Konformität (X/Open Portability Guide) versehen sein soll. Das würde bedeuten, daß alle Unix-Applikationen, die ebenfalls diesem XPG-Standard entsprächen, unverändert unter VME auf den ICL-Rechner laufen könnten.

Vorteilhaft wäre Überdies, daß Anwender mit den ICL-Systemen gegenüber Konkurrenzprodukten aus der Unixwelt ein besseres Online-Transaktionsverhalten erzielen würden. Außerdem schlügen die effizienteren Sicherheitsvorkehrungen des VME-Betriebssystems positiv zu Buche.

Auch die Groupe Bull wirbt mit dem Ausbau ihrer Großrechnerlinie durch vier neue Modelle im unteren Leistungsbereich. Mit Offenheit zu Unix-Systemen können Bull-Anwender von DPS-9000-Mainframes allerdings nicht rechnen.

Alle DPS-Modelle basieren auf NEC-Chip-Technologie. In diesem Zusammenhang sind Informationen interessant, die auf ein verstärktes Engagement der Japaner bei dem kränkelnden französischen Unternehmen hindeuten.

NEC - bislang schon mit einem 15prozentigen Anteil an der US-Tochter Bull HN Information Systems Inc. beteiligt scheint in Verhandlungen über einen fünfprozentigen Ankauf von Bull-S.A.-Anteilen im Austausch mit den Aktien der US-Tochter zu stehen.

Wie ICL setzt Bull ebenfalls auf Ein- und Zweiprozessor-Rechner: Das "DPS 9000/61"-Einstiegsmodell arbeitet mit einer, der "DPS 9000/62"-Mainframe mit zwei CPUs. Beiden Systemen eigen sind 128 MB Speicher und ein I/O-Prozessor mit 64 Kanälen und einer Durchsatzkapazität von 96 MB pro Sekunde. Das Modell "9000/62T" weist hingegen in der Grundkonfiguration 256 MB Speicher (bis maximal 1024) und zwei I/O-Prozessoren auf, die je 64 Kanäle unterstützen. Das Top-Modell der vier vorgestellten Großrechner - System "9000/92" - mit ebenfalls zwei CUPs, soll eine maximale I/O-Durchsatzleistung von 192 MB pro Sekunde erbringen. Dafür muß der Anwender der unter dem proprietären GCOS-Betriebssystem laufenden Bull-Rechner um die 9,4 Millionen Dollar bezahlen.

Nach Aussage eines Bull-Kunden, der seine Systeme DPS 90/93 und 90/91 gegen eine 9000/62T austauschte, sei man nun in der Lage, abgesehen von einer 13prozentigen Leistungssteigerung, mit dem Zwei-Prozessor-Mainframe sowohl Batch- als auch Echtzeit-Anwendungen auf einer Maschine ablaufen zu lassen. Bislang habe man für Transaktionsapplikationen einen separaten Rechner benötigt.