Endgültige Abnabelung von der Mutterfirma erfolgt innerhalb eines Jahres

Lucents Spinoff sieht sich als E-Business-Lösungsanbieter

31.03.2000
LONDON (hi) - Ehrgeizige Pläne hat Donald Peterson, der künftige CEO des Spinoffs von Lucents Enterprise Business. Er will die neue Company innerhalb eines Jahres von der Mutter abnabeln und auch Kooperationen mit deren Wettbewerber eingehen.

Nach dem Übernahmemarathon des letzten Jahres scheint sich bei großen Netzherstellern wie Lucent, 3Com und Nortel Networks ein neuer Trend herauszukristallisieren: Sie gliedern Firmenteile als eigenständige Unternehmen aus. Böse Zungen werten diese Vorgehensweise bereits als ein Eingeständis dafür, dass wohl manche Akquistionen nicht so problemlos in die Unternehmen zu integrieren sind, wie gedacht. Eine Sichtweise, der Peterson, ehemaliger Finanzchef von Lucent und künftiger Chief Executive Officer (CEO) des Lucent-Spinoffs, widerspricht: "Mit der Ausgliederung unseres Enterprise Business fokussieren wir uns wieder mehr auf die Anforderungen der Kunden." Gleichzeitig räumt er aber ein, dass die Überbetonung der Technik bei Lucent eventuell ein Fehler war.

Ebenso dementiert Peterson Vermutungen, Lucent wolle wie Siemens mit seiner Halbleitersparte weniger ertragskräftige Unternehmensteile an die Börse bringen, um so Geld zu verdienen: "Einen IPO wird es nicht geben, alle Aktien des neuen Unternehmens werden unter den Lucent-Anteilseignern proportional verteilt." Während des Abnabelungsprozesses will der CEO etwa ein Jahr lang vom Glanz der Mutter Lucent profitieren, bevor sein Unternehmen als eigenes Markenzeichen am Markt bestehen muss.

In der Neugründung sieht der CEO in spe die Chance, mehr für die Forschung im Sachen Enterprise Networking investieren zu können. Während Lucent insgesamt zwölf Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung ausgab, flossen in den Bereich Enterprise Business nur fünf Prozent. Einen Teil der neuen Mitarbeiter für seine Forschungsabteilung bekommt Peterson aus den Bell Labs von Lucent.

Fertige CRM-Lösungen als Komplettpaket

Das Spinoff, für das noch immer ein Name gesucht wird, soll in das Zentrum des E-Business vorstoßen und vor allem Lösungen zum Customer-Relationship-Management (CRM) offerieren. Ein Bereich, in dem Peterson neben reinen Netzkomponenten, vor allem Telefonanlagen und Call-Center-Equipment sieht.

Gleichzeitig hat Peterson bereits neue Geschäftsfelder vor Augen und möchte sich in Sachen Spracherkennung, Sicherheitslösungen und Verzeichnisdiensten zum Netz-Management engagieren. Des weiteren schließt er nicht aus, Produkte für Funknetze und Storage Area Networks (SANs) zu liefern. Allerdings sind dies zwei Bereiche, in denen der Manager eventuell mit Partnern kooperieren will. In der Verbindung mit anderen Firmen sieht Peterson einen weiteren Vorteil des Spinoffs: "Wir möchten mit Unternehmen zusammenarbeiten, die Konkurrenten von Lucent sind."

Im künftigen Verhältnis zu Lucent erwartet der Manager eine Arbeitsteilung: Während die Mutter das Service-Provider- und Carrier-Geschäft adressieren soll, spricht er die Enterprise-Kunden an. Im Geschäft mit Großkunden kann sich Peterson durchaus vorstellen, als eine Art Systemintegrator auch Leistungen von Lucent, etwa im Bereich Netzservices, zu beziehen. Des weiteren bestehen Überlegungen, ob sich die Neugründung nicht als Consultant betätigt und Unternehmen bei der Wahl des Service-Providers berät.