CIO des Jahres

CIO des Jahres – Mittelstand – Platz 3

LSH-CIO Rösener wagt SAP-Neuanfang

25.11.2021
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
In Sachen SAP-Einführung macht LSH-CIO Karsten Rösener keine halbe Sachen. Das ECC-Projekt wurde gestoppt und gleich auf S/4HANA umgeschwenkt.
Karsten Rösener, CIO der LSH (zu der auch die Ostfriesische Tee Gesellschaft gehört), erreicht beim CIO des Jahres 2021 in der Kategorie Mittelstand den dritten Platz.
Karsten Rösener, CIO der LSH (zu der auch die Ostfriesische Tee Gesellschaft gehört), erreicht beim CIO des Jahres 2021 in der Kategorie Mittelstand den dritten Platz.
Foto: LSH

"Das war die mutigste Entscheidung meiner Laufbahn", sagt Karsten Rösener rückblickend. Als der CIO 2016 seinen Posten bei der Laurens Spethmann Holding (LSH) antrat, sollte gerade SAP ECC live geschaltet werden. Doch Rösener zog die Reißleine und stoppte das Vorhaben. Der Grund: Der Reifegrad des Projekts lag weit hinter dem berichteten Status. Auch die Strategie, viele Altsysteme und damit entsprechend viele Schnittstellen zu erhalten, bereitete den Verantwortlichen zunehmend Kopfzerbrechen. Es zeichnete sich ab, dass angesichts der Roadmap der SAP 2025 eine weitere grundlegende Migration auf S/4HANA notwendig geworden wäre.

Digitalisierung der gesamten Holding

Statt halber Sachen und den Zwischenschritt über ECC zu gehen, startete Rösener lieber gleich ein umfassendes Digitalisierungsprojekt. Das umfasste die gesamte Holding, zu der neben der Ostfriesische Tee Gesellschaft (OTG) mit ihren bekannten Marken Meßmer, Milford, OnnO Behrends und Yasashi auch die Nutrisun mit den Geschäftsfeldern Riegel, Fruchtschnitten und Süßstoffe, die nutwork als Spezialist für Nüsse und Trockenfrüchte sowie die Nordgetreide mit dem Geschäftsfeld Cerealien gehören.

Teeverkostung bei der Ostfriesischen Teegesellschaft: In der IT-Landschaft des Unternehmens setzte CIO Karsten Rösener mutigere Zukunftsprojekte um.
Teeverkostung bei der Ostfriesischen Teegesellschaft: In der IT-Landschaft des Unternehmens setzte CIO Karsten Rösener mutigere Zukunftsprojekte um.
Foto: Ostfriesische Teegesellschaft

Für den CIO war schnell klar, dass es einen Kern als Basis für die Digitalisierung des Unternehmens brauchte. Die bisherige IT-Landschaft stellte sich als heterogen, unübersichtlich und wenig effizient heraus: über 60 Systeme mit zahllosen Schnittstellen, Systembrüchen und verteilten Stammdaten. Die Wartung dieser enormen Vielzahl an Systemen konnte perspektivisch nicht mehr geleistet werden, so das Fazit von Rösener.

Rösener setzte auf die SAP-Roadmap

Der LSH-CIO ging ins Risiko und entschied sich, gleich den Schritt auf S/4HANA als künftiges Kernsystem zu wagen. SAP hatte den ECC-Nachfolger erst im Jahr zuvor Anfang 2015 vorgestellt. Von einem ausgereiften Softwareprodukt konnte noch keine Rede sein. Doch Rösener vertraute der SAP-Roadmap, die Anwendern einen zügigen Ausbau von Modulen und Funktionen in Aussicht stellte.

Der Mut wurde belohnt. Ende April 2021 erfolgte der letzte Go Live – ein Status, von dem viele SAP-Anwender nur träumen können. Heute hat LSH sämtliche End-to-End-Prozesse mit S/4HANA abgebildet, vom Lager bis in die Finanzbuchhaltung. Geschwindigkeit und Integration von Prozessen seien damit erheblich optimiert worden, berichtet Rösener. Die Anzahl der Systeme konnte um 85 Prozent reduziert werden. Außerdem sei es gelungen, die 2016 aufgesetzte Planung in-time und in-budget abzuschließen.

Für Rösener bildet das SAP-System heute die Basis für alle weiteren Digitalisierungsprojekte, die ohne diesen digitalen Kern nicht möglich wären. Einiges hat der CIO bereits umgesetzt, wie eine digitale und automatische Störgrunderfassung über Sensoren in den Maschinen sowie ein Spediteurs-Portal, das via Cloud Versand und Logistik optimiert, und auch einen Sales Forecast mit Machine Learning. Und das dürfte noch längst nicht das Ende der Digitalisierungsreise bei LSH gewesen sein. (kf/rs)

Das sagt die Jury:

"Die mutige frühe Entscheidung zum Projektstopp war sicher die richtige." Die Jury lobt den Mut Röseners, ein Projekt kurz vor dem Go-Live zu stoppen. Daraus zu lernen, so dass der zweite Anlauf funktioniert, sei nicht selbstverständlich. Integratives Denken und abteilungsübergreifende Prozessoptimierung seien die großen Herausforderungen gewesen, die Rösener erfolgreich bewältigt habe, so die Jurorinnen und Juroren. Schließlich gelte es, eine Organisation mit über 100 Jahren Tradition sicher in die Zukunft zu führen.