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Liquid Audio will ins Peer-to-Peer-Geschäft

11.12.2000

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Liquid Audio, eine Software- und Servicefirma für den legalen Musikvertrieb im Internet, will eigenen Angaben zufolge ein Angebot für die Reste der bankrotten Film-Tauschbörse Scour abgeben. Kern des Interesses ist die Peer-to-Peer-Technologie von Scour, mit der Dateien direkt von Client zu Client übertragen werden können.

Scour musste im Oktober Gläubigerschutz beantragen, denn verschiedene US-Filmkonzerne hatten Prozesse gegen das Unternehmen angestrengt. Angeklagt wurde die Firma wegen Copyright-Verletzungen, da die Software den Austausch von digitalen Videos über das Internet erlaubt. Grundlage des Systems war eine Peer-to-Peer-Technologie ähnlich wie beim großen Vorbild Napster: Die Files liegen nicht mehr auf Servern, sondern werden direkt von Nutzer zu Nutzer weitergegeben.

Liquid Audio hat auf eben diese Technologie ein Auge geworfen, um den eigenen Vertrieb zu verbessern. Das Unternehmen ermöglicht den Download von Musiktiteln über das Internet - im Gegensatz zu Napster und Scour allerdings gegen Gebühren und mit dem Einverständnis der Musikindustrie: "Peer-to-Peer ist die logische Erweiterung unseres Distributionssystems", so die Firma in einer Erklärung. Wie Liquid Audio die Technologie einsetzen will, ist jedoch noch völlig unklar, zudem wollen noch weitere Firmen an das Filetstück von Scour heran.

Das Online-Musikverzeichnis Listen.com hatte schon kurz nach dem Scour-Bankrott seine Ansprüche angemeldet, ebenso wie die Firma Centerspan, ein US-Anbieter von Software für den Dateiaustausch. Deren CEOs zeigten sich jedenfalls in Presseberichten zuversichtlich, die Auktion zu gewinnen. Gegenwärtig will Centerspan 5,25 Millionen Dollar zahlen, um an die registrierten Scour-Nutzer zu kommen, Listen.com hingegen hat fünf Millionen Dollar und ein Aktienpaket geboten.

Liquid Audio hat aber noch einen anderen Gegner, nämlich das Gesetz. Das Konkursgericht hatte im Fall Scour verfügt, dass Teilnehmer an der Auktion bis zum 5. Dezember eine Kaution von 500 000 Dollar hinterlegen mussten. Diese Frist hat Liquid Audio scheinbar um 48 Stunden verpasst. Die Wettbewerber sind jedenfalls sicher, dass sich die zuständige Richterin an ihre eigenen Anweisungen hält und das späte Gebot von Liquid Audio nicht mehr zur Versteigerung zulässt.