eLWIS auf HANA-Basis ist tot

Lidl stoppt millionenschweres SAP-Projekt für Warenwirtschaft

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Seit sieben Jahren arbeitet der Handelskonzern Lidl daran, sein altes Warenwirtschaftssystem durch eine auf HANA-Technik basierende SAP-Lösung abzulösen. Nun haben die Verantwortlichen die Reißleine gezogen.

Lidl hat sein Projekt "elektronisches Lidl Warenwirtschaftsinformationssystem" (eLWIS) gestoppt. 2011 hatte der Discounter damit begonnen, einen Nachfolger für seine hauseigene Lösung "Wawi" zu entwickeln. Auf Basis von "SAP for Retail powered by SAP HANA" sollte eine neue Lösung entstehen.

"Mit der neuen Plattform stellen wir uns für die Zukunft auf", hatte im Frühjahr 2016 Alexander Sonnenmoser, für die gesamte IT verantwortlicher Bereichsvorstand des in Neckarsulm ansässigen Unternehmens, den internationalen Rollout von eLWIS eingeläutet. "Wir wollten nicht mehr einzelne Funktionen, sondern integrierte Prozessketten vom Lieferanten bis zum Kunden abbilden", so der Manager. Die Umsetzung des Projekts wurde vom IT-Dienstleister KPS unterstützt. In Österreich, Nordirland und den USA läuft das System bereits.

Lidl hat europaweit rund 10.000 Filialen mit 225.000 Beschäftigten und betreibt 150 Logistikzentren.
Lidl hat europaweit rund 10.000 Filialen mit 225.000 Beschäftigten und betreibt 150 Logistikzentren.
Foto: Joerg Huettenhoelscher - shutterstock.com

Die Lidl-Verantwortlichen sprachen im Zusammenhang mit eLWIS vom größten Transformationsprozess der Unternehmensgeschichte. Entsprechend hoch waren die Erwartungen. Der Aufwand für die Stammdatenpflege sollte sich deutlich reduzieren, Kennzahlenanalysen und Prognosen in Echtzeit möglich werden. Aus all dem wird nun nichts mehr. Die "Heilbronner Stimme" zitiert aus einer internen Mitteilung bei Lidl, wonach "die ursprünglich definierten strategischen Ziele nicht mit vertretbaren Aufwand" erreichbar seien. Wie viel Geld bereits in eLWIS geflossen sind, darüber wollten sich die Beteiligten nicht äußern. Die "Lebensmittelzeitung" berichtete unter Berufung auf Branchenbeobachter, dass das Projekt bereits 500 Millionen Euro verschlungen haben soll.

Lidl will altes System wiederbeleben

Nun will Lidl offenbar sein altes System wiederbeleben. In der Kosten-Nutzen-Abwägung spreche alles für die Weiterentwicklung der Wawi, verlautete aus dem Vorstand. Das hörte sich vor einigen Jahren ganz anders an. Das bisher genutzte Warenwirtschaftssystem sei an die Grenzen seiner Entwicklungsfähigkeit gestoßen, hieß es danach. Auf der Mängelliste standen fehlende Prozessdurchgängigkeit, redundante Stammdatenpflege, Systembrüche und funktionale Einschränkungen.

Der Stopp des SAP-Projekts dürfte innerhalb der Lidl-IT für weitere Erschütterungen sorgen. So hat der Konzern in den vergangenen Jahren auch daran gearbeitet, die internen Datentransfers von den Filial- über die Landesysteme hin zum neuen Warenwirtschaftssystem zu harmonisieren. Zu diesem Zweck wurde die Integrationsplattform webMethods der Software AG implementiert. Offenbar sind bereits etliche Systeme an das SAP-System angekoppelt worden. Im Herbst 2016 sprach René Sandführ, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Warenwirtschaftssysteme bei Lidl, von über 30 Systemen aus der bestehenden Infrastruktur, die in eLWIS integriert seien.

"Keine Entscheidung gegen SAP"

Wie die weitere Zusammenarbeit mit SAP aussehen wird, ist nicht klar. Von Seiten Lidls hieß es, der Entschluss sei "keine Entscheidung gegen SAP, sondern für ein eigenes System" gewesen. In anderen Bereichen wolle man weiter mit dem Softwarekonzern kooperieren. Im Juli 2015 hatte SAP noch berichtet, dass Lidl auch "SAP ERP powered by SAP HANA", "SAP Business Warehouse powered by SAP HANA" und "SAP Customer Activity Repository" einsetzen wolle, um seine IT-Infrastruktur zu vereinfachen. Diese Vorhaben, die sich auch alle eng um SAPs Zukunftsplattform HANA drehen, seien von dem eLWIS-Stopp nicht betroffen, ließ SAP durchblicken.