Dekra-Geschäftsführerin im Interview

"Kunden viel stärker in den Mittelpunkt stellen"

07.09.2021
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Viele Arbeitgeber mussten wegen der Pandemie ihre Weiterbildungen abbrechen – aber digitale Lernformate boomen. Welche Konsequenzen Anbieter aus dieser Entwicklung ziehen, erläutert Dekra-Geschäftsführerin Katrin Haupt im CW-Interview.

Wie haben Sie die Pandemie im letzten Jahr erlebt?

Katrin Haupt: Als sehr herausfordernd. Zu Beginn des ersten Lockdowns haben wir unsere rund 150 Standorte bundesweit geschlossen und parallel dazu begonnen, Präsenztrainings soweit möglich auf virtuelle Formate umzustellen. Das ist gut gelungen, etwa 65 bis 70 Prozent unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten ihre Weiterbildung innerhalb kurzer Zeit online fortsetzen. Manche Kurse lassen sich jedoch nicht ohne weiteres auf ein virtuelles Format umstellen, zum Beispiel weil sie gesetzlich geregelt sind und nur in Präsenz stattfinden dürfen. Hinzu kam, dass wir je nach Standort unterschiedliche Landes- und Kommunalverordnungen umsetzen mussten. Das war eine zusätzliche, organisatorische Herausforderung.

Katrin Haupt, Geschäftsführerin der Dekra-Akademie: "In der Pandemie boten wir Online-Seminare zum Thema Hygiene an. Wichtig sind momentan auch die Themen Informationssicherheit, Cybersecurity oder Data Science."
Katrin Haupt, Geschäftsführerin der Dekra-Akademie: "In der Pandemie boten wir Online-Seminare zum Thema Hygiene an. Wichtig sind momentan auch die Themen Informationssicherheit, Cybersecurity oder Data Science."
Foto: Dekra-Akademie

Wie haben die Kunden auf die Umstellung reagiert?

Haupt: Unterschiedlich. Unsere Angebote im öffentlich geförderten Bereich, zum Beispiel für Arbeitsuchende, haben wir schon vor einigen Jahren auf ein Blended-Learning-Format umgestellt. Diese Teilnehmer waren mit unserem Learning Management System vertraut und die Umstellung auf den reinen Online-Unterricht war recht einfach. Natürlich mussten auch wir mit technischen Problemen zurechtkommen, zum Beispiel wenn die Lernenden nicht das nötige technische Equipment oder kein stabiles Netzwerk hatten. Hier haben wir geholfen, wo wir konnten, indem wir Hardware oder ein mobiles Netz zur Verfügung stellten.

Im Firmenkundenbereich haben es viele Arbeitgeber begrüßt, dass die Trainings weitergeführt wurden, wenn auch in einem anderen Format. Andere haben geplante Qualifizierungsmaßnahmen verschoben, bis wieder Präsenztrainings möglich waren. Hierbei spielten im Wesentlichen drei Gründe eine Rolle: Manche Unternehmen waren vorsichtig angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Situation. Dann gab es die Seminare, bei denen ein Online-Training nicht möglich ist. Und – man mag es kaum glauben – für manche Arbeitgeber stellte sich auch die Frage der digitalen Grundkompetenz und inwieweit sich Mitarbeitende in der virtuellen Welt zurechtfinden.

Präsenztraining als Premium-Event

Werden heute andere Inhalte und Formate nachgefragt als vor zwei Jahren?

Haupt: Ich lese und höre momentan oft, dass die Trainings oder Prozesse, die auf digital umgestellt wurden, nach der Pandemie nicht mehr zurückgedreht würden. Das kann ich nur teilweise bestätigen. Wir beobachten, dass viele Kunden ganz bewusst wieder Präsenzveranstaltungen buchen. Natürlich werden Unternehmen ihre digitalen Trainingsangebote weiter ausbauen, das hat auch unsere Befragung im Rahmen des Arbeitsmarkt-Reports ergeben. Für die reine Wissensvermittlung ist digitales Lernen geradezu prädestiniert: Kurze Lerneinheiten, wie Learning Nuggets, können Mitarbeitende jederzeit und überall abrufen.

Das ist aber nicht neu, sondern war auch schon vor der Pandemie so. Unser Online-Unterweisungsportal Dekra SafetyWeb, das auf diesem Ansatz beruht, läuft seit Jahren sehr gut. Bei anderen Themen ist es Teilnehmenden hingegen wichtig, sich mit Fachkolleginnen und -kollegen auszutauschen. Präsenztrainings empfinden sie nach der langen Zeit von Social Distancing sogar als Premiumveranstaltung. Insofern bekommt Blended Learning noch einmal einen starken Schub: Basics oder die Wiederholung von Inhalten erfolgt digital, die Vertiefung und Diskussion findet live statt.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die zukünftige Produktstrategie aus?

Haupt: Die Bildungsbranche wird zukünftig den Kunden sehr viel stärker in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf Neudeutsch: eine Customer Centricity zu pflegen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Lernende zunehmend selbst entscheiden werden, wie und wann sie lernen möchten und in welchem Format. Insofern lautet für mich als Geschäftsführerin eines Bildungsanbieters die Prämisse: Dort, wo es möglich ist, zu einem Thema eine Vielfalt an Formaten anzubieten. Und dann entscheidet der Kunde, welche Art des Lernens ihm liegt oder am besten in seine persönliche Arbeits- und Lebenssituation passt.

Wir werden deutlich individualisierter anbieten müssen. Denn die Arbeitswelt entwickelt sich dahin, dass Beschäftigte situationsbezogener lernen und sich bestenfalls intrinsisch motiviert genau die Inhalte aus dem LMS oder von externen Plattformen holen, die sie gerade für eine Aufgabe benötigen. Im Privatbereich praktizieren das viele Menschen ja schon: Soll zuhause etwas repariert werden, suchen sie schnell im Internet ein Video oder recherchieren in Foren, wie es geht. In diese Richtung wird sich auch ein ganzer Teil der betrieblichen Weiterbildung entwickeln.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen und ist es ein anderes als vor zwei Jahren?

Haupt: Ein klares Jein. Wie bisher kommen laufend neue Inhalte hinzu. In der Pandemie waren es beispielsweise zusätzliche Online-Seminare zum Thema Hygiene. Im Bereich IT ging es verstärkt um die Vermittlung von IT-Grundkompetenzen sowie um Informationssicherheit oder Cybersecurity. Ganz neu ist die Ausbildung zum Data Scientist.

Unser Ziel ist es, ein umfassend digitales Lernerlebnis zu schaffen – von dem Punkt, an dem sich Interessierte informieren, welche Lerninhalte sie benötigen über die Kursverwaltung und -organisation bis hin zum Absolventenmanagement: also eine digitale Learning Journey, die Lernende jederzeit und überall begleiten kann. Insofern befinden wir uns in einem Veränderungsprozess, der alle Bereiche betrifft – von der Entwicklung, dem Vertrieb über die Verwaltung bis hin zu den Trainerinnen und Trainern.