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Kritiker bezichtigen Verfasser von Offshoring-Studie der Schönfärberei

05.04.2004

Die Ergebnisse einer Offshoring-Studie, die vom Industrieverband Information Technology Association of America (ITAA) in Auftrag gegeben wurde, sorgen in der Branche weiter für Unruhe. In der Untersuchung kam die US-Marktforschungsfirma Global Insight zu dem Schluss, dass in den nächsten fünf Jahren zwar mehr IT-Jobs außerhalb als in den Vereinigten Staaten geschaffen werden. Letztendlich werde die US-Wirtschaft aber von den dabei erzielten Kosteneinsparungen deutlich profitieren. So sollen Anzahl der Jobs und Höhe der Gehälter insgesamt ansteigen, wenngleich der Ausblick für IT-Fachkräfte wenig berauschend ist (Computerwoche.de berichtete). Einige müssen voraussichtlich eine Stelle mit weniger Gehalt annehmen, so Nariman Behravesh, Chefökonom bei Global Insight,

andere infolge der Konkurrenz aus Übersee geringere Bezüge in Kauf nehmen.

Die eindeutige Befürwortung des Offshore-Outsourcing sorgt bei Richard Ellis, der im Herbst 2003 einen IT-Arbeitsmarktbericht fertiggestellt hat, für Skepsis. Die ITAA sei schon immer ein Sprechrohr für die Industrie gewesen, so Ellis, ihre Studien hätten die anhaltende Tendenz, vorhersehbare Ergebnisse zu erzielen.

Nach Ansicht von John Steadman, Präsident des Institute of Electrical and Electronics Engineers ( IEEE ) in den USA, wird in der Studie unterstellt, dass mit den Einsparungen aus Offshore-Outsourcing neue US-Stellen geschaffen werden. Es sei jedoch absolut nicht klar, dass dies tatsächlich passiert, erklärte er. Die Unternehmen könnten genauso gut auch im Ausland investieren, neue Stellen würden dann anderswo geschaffen.

Die Autoren der Studie argumentieren, dass der freie Handel schon immer den Lebensstandard in den USA verbessert habe. Einen ähnlichen Aufschrei wie jetzt habe es bereits gegeben, so Lawrence Klein, Nobelpreisträger für Ökonomie 1980 und Mitverfasser der Studie, als in den USA keine Fernseher mehr produziert wurden. Anschließend hätten die Arbeiter jedoch einen anderen Job gefunden.

Dem Bericht zufolge wird die US-Wirtschaft mit Offshore-Entwicklung unter dem Strich stärker wachsen als ohne. Demnach werden US-Firmen in den nächsten fünf Jahren 516.000 neue IT-Stellen im Software- und Servicebereich schaffen; 272.000 in Niedriglohnländern und die verbleibenden 244.000 in den USA.

Insbesondere die Auslagerung von hoch bezahlten Büro-Jobs sorgt jedoch für Bedenken. Als die zunehmende Fertigung im Ausland zu einem Stellenrückgang im Textilsektor führte, sei es in der USA zu einer Verlagerung hin zu produktiveren, besser bezahlten Jobs gekommen, erklärt Lee Price, Research Director beim Economic Policy Institute in Washington. Mit dem Offshoring im Softwaresektor finde nun aber das genaue Gegenteil statt. "Wir geben einige der produktivsten Jobs in unserer Wirtschaft auf", so Price. Dieser Trend mache die Vereinigten Staaten weniger produktiv und stimuliere die Wirtschaft nicht.

Die Auswirkungen des Offshoring auf das Lohnniveau sind im Zuge der Hightech-Krise schwer nachzuvollziehen. Laut Bob Moore, IT-Personalvermittler aus Los Angeles, ist das Jahresgehalt eines Programmierers in den letzten Jahren von 90.000 bis 100.000 Dollar auf 70.000 bis 80.000 Dollar zurückgegangen. Es sei jedoch unklar, wie stark dazu die Wirtschaftsflaute und wie stark das Offshoring beitrugen. (mb)