Kommentar/"Kommen Sie in zwei Jahren vorbei"

10.11.1995

Von Heiner Poessnecker*

Datenverarbeiter sind wieder begehrt. Die Wirtschaft sucht ausgebildete Informatiker. Der Wermutstropfen dabei ist, dass die Betriebe auch auf Praxis Wert legen. Werden die Hochschulen dem Anspruch der Wirtschaft nicht gerecht? Ist der wissenschaftliche Anspruch, den die Universitaeten verfolgen, fuer die konkrete Berufsarbeit hinderlich? Kritiker unseres klassischen Ausbildungssystems meinen, die Universitaeten wuerden zu theoretisch ausbilden. Es mag wunderbar sein, Stochastik zu lernen, sich mit Varianzen oder Fuzzy-Logik oder kuenstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen - nur in der Praxis, da komme das nicht vor, sagen die Kritiker.

Es scheint herrschender Grundsatz zu sein, einem frischgebackenen Diplominformatiker oder Diplomkaufmann mit Informatikschwerpunkt noch kein Projekt anzuvertrauen. Der uebereinstimmende Tenor von Personalchefs, die ueber die Einstellung eines Bewerbers entscheiden, lautet: "Klopfen Sie gerne nach ein, zwei oder drei Jahren, in denen Sie Erfahrung gesammelt haben, wieder bei uns an."

Wuerde es genuegen, Ausbildungswege beziehungsweise -konzepte dahingehend zu veraendern, dass zum Studium eine Zeitspanne von ein- bis eineinhalb Jahren gehoert, in der reale Projekte in verantwortlicher Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen durchgefuehrt werden? Das Dilemma wird bleiben, da die Hochschulen einen Forschungsauftrag haben - und haben muessen.

Die Ausbildung sollte neben der fachlichen Seite soziale und gesellschaftliche Komponenten und Stroemungen nicht ausser acht lassen. Zusaetzlich ist besonders von Informatikern die Flexibilitaet gefordert, sich staendig auf Neues einzustellen.

*Heiner Poessnecker ist freiberuflicher Dozent und Trainer in Hamburg.