Recruiting trotz Corona

Keine Zeit für falsche Zurückhaltung!

09.07.2020
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Recruiting wird von viele Unternehmen in der Coronakrise vernachlässigt. Warum die Personalsuche aber gerade jetzt so wichtig ist, lesen Sie hier.
Recruiter sollten gerade in Krisenzeiten weiter Personalsuche betreiben und einen Talent-Pool pflegen, um nach dem Einstellungsstopp sofort aus dem Vollen schöpfen zu können.
Recruiter sollten gerade in Krisenzeiten weiter Personalsuche betreiben und einen Talent-Pool pflegen, um nach dem Einstellungsstopp sofort aus dem Vollen schöpfen zu können.
Foto: Elnur - shutterstock.com

Corona wirbelt nicht nur unsere Gesellschaft durcheinander, sondern auch die gesamte Arbeitswelt. Während die Krise in vielen Unternehmen zu einem radikalen Einstellungsstopp geführt hat, gibt es nach wie vor Branchen, die händeringend Personal suchen. Gleichzeitig herrscht unter Beschäftigten und Jobsuchenden aber auch große Unsicherheit. Stellt sich die Frage: Mit welcher Strategie fahren Recruiter in diesen turbulenten Zeiten am besten?

"Viele Unternehmen treten in der Krise auf die Bremse und stellen jegliche Recruiting-Maßnahmen ein", skizziert Martina Ruiß, Personalchefin des in München ansässigen Softwarehauses Personio, das aktuelle Geschehen auf dem Stellenmarkt. Aus ihrer Sicht wäre aber gerade jetzt der rechte Zeitpunkt für Recruiter, Vollgas zu geben und die Bewerber-Pipeline kontinuierlich zu füllen. Trotz ausgesetzter Einstellungen und fehlender Bewerber blieben dem Recruiting reichlich andere Optionen, um die ungewisse Zeit sinnvoll zu nutzen und das eigene Unternehmen in eine vorteilhafte Position für die Zeit nach COVID-19 zu bringen. Corona, so die Personalexpertin, führe aber nicht nur zu einer falschen Zurückhaltung auf Seiten der Arbeitgeber. Auch die Mitarbeiter setzen momentan eher auf Sicherheit. Viele verharren lieber in ihrem ungeliebten Job, statt Bewerbungen zu schreiben.

Eine Frage des Talent-Pools

"Recruiter, die auf bloße Stellenausschreibungen bauen und darauf warten, so die passenden Bewerbungen zu erhalten, fahren momentan die falsche Strategie", gibt Ruiß zu bedenken. Jetzt gelte es, aktiv zu werden: Jobportale wie Xing oder LinkedIn böten gute Möglichkeiten, trotz der Krise direkt auf geeignete Kandidaten zuzugehen. Auch wenn ein Arbeitgeber derzeit keine Stelle ausgeschrieben habe, ließe sich so der Talent-Pool für potenzielle Mitarbeiter füllen und Leerläufe vermeiden.

Momentan, so die HR-Expertin, sei die ideale Zeit, neue Kontakte zu künftigen Mitarbeitern für die Zeit nach Corona zu knüpfen. Auch wenn keine Stellen frei seien, dürften Recruiter das Potenzial aussichtsreicher Kandidaten nicht aus den Augen verlieren. Talent-Communities seien hervorragend geeignet, um längerfristig in Kontakt zu bleiben. Denn eines sei klar: Früher oder später werde der Personalbedarf wieder steigen. Dann wird eine gut gefüllte Pipeline Gold wert sein. Recruiter, die jetzt ihre Ressourcen in einen gut gepflegten Talent-Pool stecken, müssen später nicht mehr bei null anfangen. Sie können dann einfach und schnell auf geeignete Anwärter zurückgreifen und Gespräche wieder in Gang setzen.

Digital-Recruiting im Vorteil

Auch bei der Umstellung und Nutzung digitaler Tools für Recruiting-Maßnahmen können sich Unternehmen "entscheidend" vom Wettbewerb abheben, ermuntert Ruiß ihre HR-Kollegen, mutig in Richtung Digitalisierung zu gehen. Moderne und digitale Bewerbungsabläufe gelten mittlerweile in immer mehr Betrieben als Standard und werden von vielen Bewerbern sowie Mitarbeitern vorausgesetzt. "Vor allem HR-Abteilungen, die schon vor Corona auf die Digitalisierung des Bewerbungsverfahrens gesetzt haben, statt sich in der Krise von einem auf den nächsten Tag dazu genötigt zu sehen, sind nun klar im Vorteil", erklärt die Personio-Managerin. Nachzügler realisierten erst jetzt gezwungenermaßen, welche weitreichende Vorteile mit der Einführung digitaler Prozesse verbunden seien.

Mit Hilfe entsprechender Softwarelösungen lässt sich nicht nur wertvolle Zeit, sondern auch Geld auf beiden Seiten sparen. Hat der Jobanwärter beispielsweise einen weiten Anfahrtsweg, ist die sparsame und nachhaltige Alternative ein Online-Einstellungsgespräch per Videokonferenz. Produkte helfen aber beispielsweise auch, sich auf Talent-Pools zu fokussieren. Gleichzeitig bieten digitale Tools Unternehmen die Möglichkeit, sich jetzt und auch künftig verantwortungsbewusst zu zeigen - ob gegenüber den eigenen Mitarbeitern oder der Umwelt. Denn wo heute Vorstellungsgespräche oder gar ganze Probearbeitstage online per Videokonferenz stattfinden und damit aufwändige Anreisen entfallen, bleiben diese digitalen Optionen auch für die Zukunft erhalten. Jede Krise bietet auch eine Chance. Und so ist auch in diesem Fall zu hoffen, dass die meisten Personalabteilungen nach der Pandemie nicht zu den alten analogen Abläufen zurückkehren, sondern stattdessen künftig vermehrt digitale Wege beschreiten.

Die Arbeitgebermarke macht's

Wichtig ist aus Sicht von Ruiß, dass sich Recruiter auch jetzt in Zeiten der Krise auf eine funktionierende Employer-Branding-Strategie konzentrieren und damit die Arbeitgebermarke stärken. Ein zentrales Anliegen sollte hierbei sein, auf die Bedürfnisse und Wünsche der Mitarbeiter einzugehen. So werde die vermehrte Nutzung digitaler Tools in der Corona-Krise auch die Erwartungshaltung der Angestellten ändern. Diese würden beispielsweise in Zukunft Homeoffice verstärkt einfordern. "Wer mit der Zeit geht und Arbeitnehmern mit flexiblen, modernen Regelungen entgegenkommt, der bleibt auf Dauer zukunfts- und konkurrenzfähig", sagt die HR-Spezialistin.

Ihr Fazit fällt pragmatisch aus: Die Corona-Krise hat den Arbeitsmarkt ordentlich aufgewirbelt und wird auch langfristige Veränderungen mit sich bringen. Auf der sicheren Seite können sich die Arbeitgeber wiegen, die die Herausforderungen erkennen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Dazu zählt auch eine proaktive Arbeitsweise der Recruiter. Durch den Aufbau eines Talent-Pools, die Digitalisierung von Prozessen und die Schaffung einer starken Arbeitgebermarke, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft getan.