Keine Angst um die guten Beziehungen zu SAP Die SAG will ihr PPS-System jetzt offensiver vermarkten

26.05.1995

BERLIN (qua) - Lange hatte die Software AG (SAG), Darmstadt, ihr PPS-System "Prodis" wie ein Stiefkind behandelt. Seit ein paar Monaten ist das anders. Wie der Generalbevollmaechtigte Gerhard Joerg anlaesslich eines Symposiums in Berlin mitteilte, widmet sich neuerdings eine eigene Sales-Force der Vermarktung des Applikationspakets. Fruehe An-wender wie die Zweckform GmbH, Holzkirchen, loben die Anpassbarkeit der Software an individuelle Ansprueche.

"Unser Produkt ist substituierbar, deshalb muessen wir bestimmte Dinge schneller oder anders machen als andere", konstatierte Frieder Spiess, Leiter Informationsverarbeitung des oberbayerischen Herstellers von Standard-Druckerzeugnissen. "Wir koennen nicht auf das naechste Release eines Softwareherstellers warten."

Wenngleich als vollstaendige PPS-Loesung konzipiert, lasse sich Prodis relativ leicht an die spezifischen Geschaeftsbedingungen des Anwenders anpassen. Beispielsweise seien die Mitarbeiter im Druckgeschaeft nicht daran gewoehnt, mit Stuecklisten zu arbeiten, weshalb diese Teilever-zeichnisse gegenueber den Benutzern abgeschirmt werden muessten. Bei Konkurrenzprodukten wie dem "immer noch rudimentaeren" PPS-Modul des SAP-Systems R/3 erfordere dies einen unverhaeltnismaessig hohen Aufwand.

Software AG plant DB-unabhaengiges Prodis

Allerdings verhehlte Spiess keineswegs, dass die Entscheidung fuer Prodis auch ganz triviale Gruende hatte. Als langjaehriger SAG-Kunde erfuellt Zweckform die Idealbedingungen fuer einen Einsatz des Pakets. Das PPS-System bezieht seine Flexibilitaet vor allem daher, dass es auf der Entwicklungssprache "Natural" basiert und im Quellcode ausge-liefert wird. Zudem ist es eng mit dem SAG- Datenbanksystem "Adabas C" verzahnt. Eigenen Angaben zufolge arbeitet der Anbieter allerdings daran, es datenbankunabhaengig zu machen.

Hierzulande konnte die Software AG bislang erst 30 Anwenderbetriebe von den Vorzuegen ihrer PPS-Loesung ueberzeugen. Weltweit sind es noch einmal soviel. Das System wurde urspruenglich fuer die Serienfertigung entwickelt, laesst sich aber auch fuer die Prozessfertigung implemen-tieren. Neben der zentralen "Application Shell" verfuegt Prodis ueber zwoelf weitere Komponenten, darunter Module fuer die langfristige Produktionsplanung, die Vertriebsabwicklung und die Chargenverfol-gung. Darueber hinaus wurde das Paket kuerzlich mit dem Leitstandsystem der Softwerker GmbH, Berlin, verbunden.

Das Engagement im PPS-Sektor ist fuer die Software AG ein zweischnei-diges Schwert. Auf der einen Seite wuerde sich der Systemsoftware-Spezialist mit dem Applikationspaket gern ein zweites Standbein verschaffen. Andererseits riskiert er damit, eine dritte Einnahme-quelle versiegen zu lassen: das Geschaeft im SAP-Umfeld.

Seit dem vergangenen Jahr laeuft R/3 auch auf "Adabas C". Laut Soft-ware AG ist das Standardprogramm in dieser Ausfuehrung bereits bei "ein paar hundert Kunden" im Einsatz. Parallel dazu bieten sich die Darmstaedter als SAP-Berater an - offenbar mit Erfolg. So liess sich die Hoechst AG, Frankfurt am Main, von SAG-Mitarbeitern dabei helfen, eine Machbarkeitsstudie fuer die Einfuehrung einer R/3-Umgebung zu erstellen. Wie der Hoechst-Prokurist Lothar Mischnik mitteilte, wird das Chemieunternehmen die dafuer verwendeten Daten nicht in Adabas C, sondern in Oracle speichern.

Die Software AG sieht sich nicht als Mitbewerber der SAP. "Prodis regt dort niemanden auf", erklaerte ein Unternehmenssprecher. Da die SAG-Software noch nicht auf einer relationalen Datenbank laeuft und erst eine bescheidene Anwenderbasis hat, duerfte er damit vorerst recht behalten.